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Eine diabolische Blume – Rezension „La Flor“

Eine diabolische Blume – Rezension „La Flor“

Im Karlstorkino wird der neue Film des argentinischen Regisseurs Mariano Llinás gezeigt. Der 837-Minuten-Epos enthält fast alles, was Kino zu bieten hat. Vielleicht etwas zu viel

Schonmal Krieg und Frieden gelesen? Ich auch nicht, ich höre, es ist großartig. Was mich abschreckt? Die Gefahr beim Einschlafen erdrückt zu werden. Ihr werdet euch freuen: Es gibt jetzt einen Film, der das selbe Problem hat (also, brillant aber erschlagend lang zu sein), der argentinische Film La Flor, erschienen 2018. Die Laufzeit – haltet euch fest – ist 14 ½ Stunden, inklusive Pausen. 14 ½ Stunden, das ist mehr als ein Durchschnittsdeutscher in seinen Zwanzigern überhaupt jährlich im Kino verbringt!

Welche Seite dieser Ungleichung ist schockierender? Teilt man die Welt grob in Cineasten und Netflixisten, dann beweinen die einen den Untergang des Kinos, die anderen haben bereits eine billigere, bequemere Alternative gefunden. La Flor ist der ultimative Schwergewichts-Champion für die erste Gruppe, das letzte Aufgebot des Kinos sozusagen, ein Kinofilm, der versucht alles zu bieten, was Kino kann – mehr zu Größenwahn später. Gleichzeitig trifft der Film den Nerv des Serienguckens, wird durch die Sympathie der Charaktere getragen, lässt sich Zeit, schweift aus und ab. Und was sind schon 14 ½ Stunden für eine Serie?

Netterweise taucht gleich zu Filmbeginn der Regisseur Mariano Llinás auf und erklärt, wozu er so viel Zeit braucht: Die in sechs Episoden unterteilten Handlungsstränge zeichnet er als Pfeile in sein Notizbuch, das ergibt eine diabolisch anmutende Blume (spanisch: la flor). Vier Hauptdarstellerinnen übernehmen in diesen Episoden sehr unterschiedliche Rollen, jede Episode hat ein eigenes, unabhängiges Setting und ein Filmgenre zugeteilt. Der Film eröffnet im Stil eines Exploitation-Horrorfilms inklusive wackliger Handkamera, Klischee-Soundtrack und billigen Effekten. Darauf folgt in der zweiten Episode ein Beziehungsdrama um ein Popsängerpärchen, nur ist das noch mit einer Geheimorganisationsverschwörung à la Tintin vermischt.

Solche Originalität belebt den Film. Das Rückgrat aber sind die Schauspielerinnen, deren fantastische Darstellungen die zahlreichen Charakter glaubhaft und sympathisch machen – vielleicht die wichtigste Qualität einer Serie. Am deutlichsten war das in der dritten und längsten Episode, ein Spionagethriller in einer Epoche, in der die Iron Lady noch populärer war als Iron Man: den Achtzigern. Da sind die vier Frauen internationale Agentinnen und so cool wie die Figuren Tarantinos, sie sprechen nicht mehr Spanisch, sondern diplomatisch Französisch, tragen nur Schwarz, und zücken sehr undiplomatisch bei jeder Gelegenheit die Pistolen. Im Gegensatz zu Tarantino ist Llinás allerdings wenig an Popkultur und Gewaltexzessen interessiert, dafür umso mehr an der Melancholie seiner Figuren, die sanft ihre Coolness untergräbt und hier und da durch Humor gelockert wird. Der geht dann meist auf Kosten der Klischees, etwa wenn als Ersatz für den kühlen Lino-Ventura-Agenten ein messerschwingender Playboy auftaucht, der sich sogar beim Strandurlaub nur durch Karatesprünge und Vorwärtsrollen fortbewegt.

In einem Aspekt übertrifft La Flor die meisten Serien: Die Geschichten werden nicht zu Ende erzählt. Bevor ihr euch enttäuscht abwendet, überlegt, wie viele Serien ein zufriedenstellendes Ende hatten. Lost? Game of Thrones? Wäre es nicht besser, die Handlung bräche ab, wenn die Mysterien gestrickt, die Fäden gelegt, die finale Konfrontation unausweichlich ist? Genau das macht La Flor: Im Vertrauen, dass das Publikum sich den weiteren Verlauf nach den Genreregeln zusammenreimen kann, wird aufgehört, es bleibt ein implizites Und-so-weiter. Und es bleiben die Sympathien, sie werden übertragen auf die neuen Rollen, geschuldet dem Können der vier Hauptdarstellerinnen.

Wenn die Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, worauf läuft‘s dann hinaus? Das eigentliche Interesse gilt dem Kino selbst. Viele Handlungselemente lassen sich als Metapher interpretieren, so zum Beispiel die Spionage: Die subtilste Spionin ist die Zuschauerin, ihr Spionage-Master der Regisseur. Dieser will dem gesamten Kino, sich selbst eingeschlossen, ein Denkmal setzen. Einer Anklage wegen Selbstinszenierung und Größenwahns versucht Llinás zuvorzukommen, und zwar mit Selbstironie und metafiktionalen Wendungen bei denen selbst Deadpool schwindlig werden würde: In der vierten Episode verkracht sich der implizite Regisseur mit den Schauspielerinnen und will im Wahn nur noch Bäume filmen (kein Scherz).

Dieser Teil ist auf absurde Weise komisch und ein willkommener Gegenpunkt zu der souveränen Autorität der Kamera. Leider kehrt Llinás am Ende wieder zu seiner Ambition zurück, alles zu wollen. Der Film ist schließlich doch eine halbe Stunde zu lang: Weg sollte die fünfte Episode, ein Remake des Renoir-Klassikers Eine Landpartie. Der originelle Stil, das melancholische Verharren der Kamera in Nahaufnahmen von Gesichtern, die Charakterisierung der Menschen durch Landschaften, die vielschichtigen Voiceover-Erzählungen, all das wird zugunsten eines Stummfilmexperiments suspendiert. Wozu? Eine Hommage? Ein Zitat? Oder der Versuch, auch den alten Meister als stummen Schrumpfkopf auf das monumentale Werk zu packen?

Um zu der Blumenmetapher zurückzukehren: La Flor ist eine unglaublich originelle und vielschichtige Blüte. Aber zu den Aufgaben eines Gärtners (Filmemachers) gehört, auch die schönsten Pflanzen gelegentlich zu stutzen. Sonst drohen sie umzuknicken unter ihrem Gewicht. Vielleicht macht eben das La Flor zum passenden Abgesang für das untergehende Kino. Ende September gibt es im Karlstor noch eine Gelegenheit daran teilzunehmen. Traut euch. Bevor der Winter kommt.

Von Hans Boehringer

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