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Callcenter Übermorgen
Callcenter Übermorgen. Bild: Michael Bennett/ Interrobang

Callcenter Übermorgen

Im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts führte die Gruppe Interrobang ihr Stück „Callcenter übermorgen. Eine Telefonreise in dein ungelebtes Leben“ diesen Mittwoch zweimal auf. Die Produktion ist im Gegensatz zum klassischen Theater zur Zukunft hingewendet und setzt den Zuschauer als Protagonisten ein, der sich in einem Netz aus Entscheidungen verläuft und letztlich in der Hölle landet.

Nach dem Eintreten ins Theater führen weiß gekleidete Darsteller die Zuschauer zu ihren Plätzen, die durch Lamellen voneinander abgegrenzt sind. In jeder der gut fünfzig Kabinen befinden sich ein Stuhl und ein Telefon mit der Anweisung, den Telefonhörer zu keinem Zeitpunkt während des Stücks aufzulegen. „Heben Sie jetzt das Telefon ab“, ertönt eine Durchsage. Und schon bin ich mitten im Stück.
Die Produktion „Callcenter Übermorgen“ ist Teil des 32. Heidelberger Stückemarkt, bei dem vom 24. April bis 3. Mai aktuelle Inszenierungen von freien Theatern und Gruppen, von Stadt- und Staatstheatern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie aus dem Gastland des Festivals, Mexiko, zu sehen waren und sind. Der deutschsprachige und der internationale Autorenwettbewerb stellen noch nicht uraufgeführte Stücke in Lesungen vor.
Bei der Koproduktion der Gruppe Interrobang mit SOPHIENSAELE und der FFT Düsseldorf ist der Name Programm: Wie in einem Callcenter wählte sich jeder Gast seinen individuellen Weg durch das Stück. Das Telefon war, bis auf den heimlichen Blick zum Nachbarn, die einzige Verbindung aus der Zelle hinaus. Durch Tastendruck entschied ich mich zwischen einer Reise in die Alpen oder in den sonnigen Süden. Ich durfte dann ein durch Musik visualisiertes Panorama betrachten, bevor ich einer Kuh bei der Geburt helfen musste und anschließend mit dem Rettungshubschrauber auf einer Gondel in Venedig ausgesetzt wurde. Offenbar bin ich nicht der Einzige, dem der Gondolieri anschließend „Ciao Bella“ vorsingt, denn einige der Gäste singen mit. Andere berichteten, dass Sie den Gondolieri gar küssen mussten um aus der Warteschleife entkommen zu können. Nach zwei Liedern reichte es mir und ich entschied mich, mich lieber in den Kanal zu stürzen.
Angelehnt an einen Anrufservice, musste der Zuschauer wiederholt Entscheidungen treffen und griff damit direkt in den Verlauf des Stückes ein. Immer wieder sprachen die Zuschauer statt mit dem Band in scheinbar willkürlich zusammengeschalteten Konferenzen mit anderen Gästen, während derer ich über die Marokkoreisen oder die Liebesabenteuer der anderen Zuschauer erfuhr. Gab es einen Sinn dahinter? Wurden alle unglücklich Verliebten miteinander verbunden? Manche wurden zu einem Aperitiv in der Kapitänskabine eingeladen. Andere verabredeten sich spontan und verließen ihre Zelle, um den unbekannten Telefonkontakt zu treffen.

Den Zuschauern wurden wiederholt aufgefordert, über verpasste Chancen oder andere Lebensentwürfe nachzudenken. Der Hypertext wimmelte nur so von Anspielungen: Sei es auf einen nicht vollendeten Flughafen, der vielleicht niemals fertig wird, durch die Filmmusik populärer Mafiafilme oder das Einspielen eines Audiomitschnittes von Hanna Arendts Vorlesung. Am Ende blieb die Interpretation jedem selbst überlassen. Durch einen letzten Tastendruck wählten die Zuschauer, ob sie das Stück als Entscheidungstrainingscenter, als zweite Welt oder als Darstellung von Freiheit diskutieren wollten.
Sehr aufdringlich wurde jedem Beteiligten im Stück klar gemacht, dass unsere Zeit auf der Erde endlich ist. Die Form unterstrich diese Botschaft noch: Dadurch, dass jeder Zuschauer zugleich Protagonist war, entstand ein Eindruck von Wahlfreiheit. Gleichzeitig wurde der Zuschauer immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt, den Ablauf des Stücks konnte er nur in seinem eigenen Mikrokismos beeinflussen. Sind wir auch als Menschen nur im Kleinen frei? Haben wir auf die großen Wendungen des Lebens Einfluss? Sind wir determiniert und nur unfähig, dies zu erfassen? Mit solchen Fragen wurde der Zuschauer in die Nacht entlassen.
Das Stück erfüllt seinen Anspruch, wach zu rütteln und zum Nachdenken anzuregen. Die Umsetzung funktioniert und vor allem die Idee dahinter gefällt. Wir sind gespannt auf Fortsetzungen.

von Janina Schuhmacher und Dominik Waibel

Der 32. Heidelberger Stückemarkt findet noch bis diesen Sonntag, den 3. Mai statt und bietet zahlreiche Theaterstücke sowie ein Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen, Publikumsgesprächen und Festivalpartys. Das diesjährige Gastland ist Mexiko.

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