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Ganz nah dran
Michael Schernthaner, Irina Wrona und Christina Dom in "Einst ein Tiger". Bild: Zimmertheater

Ganz nah dran

Das Zimmertheater zeigt psychologisierte Kammerspiele – und besticht dabei durch eine besondere Atmosphäre.

Jeder Student ist sicherlich schon mehr als einmal am Eingang des Zimmertheaters in der Hauptstraße 118 vorbei geschlendert oder gehetzt. Direkt neben dem Uniplatz öffnet hier Deutschlands ältestes Privattheater sein Portal. Mit seiner besonderen Atmosphäre hat sich das Theater in 64 Jahren Geschichte einen festen Platz in der Heidelberger Theaterlandschaft erspielt.

Gegründet wurde das Zimmertheater im Jahr 1950 von einer Gruppe junger Schauspieler auf der Suche nach Spielmöglichkeiten. Nach dem Beginn in Räumlichkeiten der US-Armee in der Weststadt erfolgte bald der Umzug in ein ehemaliges Fotostudio in der Hauptstraße. Hier werden seitdem auf einer kompakten Atelierbühne jährlich bis zu drei Stücke aufgeführt. Die unmittelbare Nähe des Publikums zur Bühne und den professionellen Schauspielern zeichnet die Spielstätte aus und ermöglicht eine hautnahe Erfahrbarkeit von Theater.

Thematisch liegen den aufgeführten Stücken häufig Paarbeziehungen zugrunde, die eingebettet werden in die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen. Das ist nicht immer einfach oder gefällig, und so zog sich die Intendantin Ute Richter beispielsweise durch ihre Umsetzung des Themas Alzheimer die Kritik von Apothekern und Ärzten zu. Doch diese dosierte Konfrontation sowie eine gewisse Psychologisierung der Stoffe sind typisch für das Zimmertheater.

Im aktuell gespielten Stück sitzt ein Mann im Rollstuhl zwischen zwei Frauen. Einerseits gelähmt und beinahe stumm, gleichzeitig vielsagend und voller Ausdruckskraft – so präsentiert sich der Protagonist von „Einst ein Tiger“. Das Stück des australischen Autors Peter Yeldham handelt vom erfolgreichen Schauspieler und Frauenheld David Faulkner. Nach einem Schlaganfall sitzt er im Rollstuhl und kann sich nur noch schwer artikulieren. Mit einfacher Mimik, wenigen Wortfetzen und durch innere Monologe offenbart er uns die Regungen und Abgründe seiner Seele.

Einzige Gesellschaft in seiner Abgeschiedenheit ist zunächst seine Ehefrau Jennifer. Diese versucht ihn von seiner Depression und Resignation zu heilen, indem sie seine vermeintlich heimliche Geliebte Antonia einlädt. Mit deren Eintreffen ergibt sich eine besondere Konstellation der Charaktere und ihrer Absichten. Aufgelockert wird das dramatische Stück durch gelegentliche humorvolle Momente, die beim Publikum für willkommene Lacher sorgen.

Wer sich einmal einen Theaterabend in intimer Atmosphäre gönnen möchte, sollte rechtzeitig Karten reservieren.

von David Kirchgeßner

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