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Hier hat schon Uropa gegessen
Während man auf das Essen wartet, verliert man sich gerne in einem Sammelsurium aus Fotos und Erinnerungsstücken Foto: Roter Ochse

Hier hat schon Uropa gegessen

Mit kurpfälzischer Gastlichkeit lockt der Rote Ochse seit 180 Jahren Besucher aus Nah und Fern nach Heidelberg. Dabei hat er nichts von seinem Charme eingebüßt

Wer sich des Abends durch den größten Trubel der Hauptstraße bis an ihr hinteres Ende durchgekämpft hat und sich in das Gasthaus zum Roten Ochsen begibt, hat das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.

Der Neuling hört kaum die freundliche Begrüßung von Kellnerin und Küche, denn er verharrt vermutlich zuerst einige Augenblicke ungläubig und bewundert das Ambiente: Über eine der Wände erstreckt sich eine malerische Ansicht der Heidelberger Altstadt, während die restlichen von allerlei gerahmten Zeichnungen und Fotografien bedeckt sind.

Wer sich aus der Starre lösen kann und sich von Klaviermusik und Bedienung ins nächste Zimmer geleiten lässt, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, denn im „Studentenzimmer“ ist er von allen nur erdenklichen Artefakten umgeben: Alte Fotografien, Briefe, Anzeigen, Urkunden und Gemälde beherrschen das Bild. Von den Decken hängen Trinkhörner und in den Tischen haben sich unzählige Generationen von Gästen und vor allem Studenten mit Schnitzereien verewigt. Hier serviert der Chef Spengel seine regionale Hausmannskost mit kurpfälzischer Gastfreundschaft und einem Lächeln auf den Lippen.

Der Rote Ochsen in Heidelberg ist eine Institution. Seit 180 Jahren bewirtet die Familie Spengel hungrige Reisende, Studierende und „Altheidelberger“, dafür ist sie weltbekannt. Von den USA bis nach Japan weiß man: „Wer nach Heidelberg kommt, muss im Roten Ochsen gewesen sein.“ Anders als in den schnieken Restaurants der Heidelberger Hauptstraße, in denen jeder für sich bleiben möchte, wird hier Geselligkeit großgeschrieben. Wer nicht mit Fremden zusammensitzen möchte, der ist hier fehl am Platz, denn hier werden Tische solange besetzt, bis sie tatsächlich voll sind. Das ist nicht nur gut fürs Geschäft, sondern auch immer wieder interessant für die Gäste. Denn während man auf sein Essen wartet, macht man spannende Bekanntschaften und kommt bei einem kühlen Glas Bier oder Wein ins Gespräch. Dabei erfährt man, dass nicht wenige Gäste eigens aus den USA wegen des Roten Ochsens nach Heidelberg gekommen sind. Auf die Frage nach dem Grund antworten sie nicht selten: „Wegen der langen Tradition“, oder „Schon mein Großvater war hier Stammgast.“

Alles begann 1839, als Albrecht Spengel die damals noch getrennten Häuser für die stolze Summe von 11 300 Gulden erwarb und in ein Gasthaus umwandelte. Zum Studentenlokal, das weit über die Grenzen des damaligen Großherzogtums Baden heraus beliebt und bekannt war, wurde der Rote Ochsen unter Albrechts Sohn Carl Spengel. Die Studenten der „Freien Schweizer Studentenverbindung“ und der „Hamburger Gesellschaft“ schätzten den Roten Ochsen für das gute Bier, denn Essen wurde damals noch nicht serviert. Aus Ermangelung eines eigenen Hauses wählten sie kurzerhand den Ochsen als Treffpunkt. Wer sich beim Eintreten noch wunderte, weshalb Schweizer und Hamburger Fahnen vor der Tür wehen, findet hier seine Erklärung. Noch heute erinnern die Schnitzereien in den Tischen, Schweizer Bergansichten, Trinkhörner und Fotografien an die Studenten von einst. Auf den Gruppenbildern immer mit von der Partie ist Carl Spengel, den die Studenten seiner liebevollen Fürsorge und seines offenen Ohrs wegen liebevoll „Papa Spengel“ nannten. Seiner Frau, „Mama“ Spengel, widmeten die Studenten sogar einen Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung. Der ziert selbstverständlich auch die Wand des gemütlichen Studentenzimmers.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Rote Ochsen für zwei Jahre Offiziersmesse der amerikanischen Soldaten und blieb bis zu deren Abzug ihr „In-Lokal“. Auch viele berühmte Persönlichkeiten waren schon zu Gast hier: Von Mark Twain über die Schauspieler Marylin Monroe und John Wayne bis hin zu Präsidentengattin Mamie Eisenhower.

Mittlerweile ist der Rote Ochsen nicht nur in Deutschland und Amerika, sondern in der ganzen Welt bekannt, sodass ihn kein Tourist verpassen darf: Nach Stadtführung und Neckarschifffahrt ist der Ochsen Pflicht. Er ist glücklicherweise jedoch keines der mittelmäßigen reinen Touristenrestaurants, die in der Heidelberger Altstadt immer mehr vertreten sind. Das Essen ist authentisch und die Atmosphäre ehrlich und herzlich. Mit seinen 180 Jahren hat der Rote Ochsen schon viele Restaurants in der Altstadt kommen und gehen sehen und allen Veränderungen getrotzt. Während allerorts hippe Suppenbars wie „Unkraut“ aus dem Boden sprießen und die eine trendige Smoothiebar nach wenigen Monaten durch das nächste Matcha-Café ersetzt wird, hält sich der Rote Ochsen mit gutbürgerlicher deutscher Küche. „In den letzten 25 Jahren hat sich das Essverhalten stark verändert“, beobachtet Philipp Spengel, Inhaber in sechster Generation. Der Trend geht zu weniger Alkohol und leichteren Speisen – das mag vielleicht nicht nach gutbürgerlicher Küche klingen, doch der Rote Ochsen braucht kein „lowcarb“ oder „paleo“, um seine Gäste zu begeistern. Seine Devise ist: „Verändere nichts“. Was im ersten Moment vielleicht steif und verschlossen scheinen mag, ist hier genau das richtige Rezept, denn es sind gerade die typischen Gerichte, für die die Menschen seit 30 Jahren immer wieder kommen. Bei so viel „authenticity“ würde jedem Hipster glatt sein Craftbeer aus der Hand fallen.

Dieses Konzept zeigt, dass es keiner „Zoodles“ bedarf, um Gäste aller Altersklassen und Essensvorlieben zu begeistern. Im Gegenteil, Spengel beobachtet, dass seit einigen Jahren immer mehr junge Leute im Roten Ochsen einkehren. Das ist nur zu gut nachvollziehbar, schlagen doch bei solchen Speisen alle Herzen höher: Wenn endlich ein dampfender Teller wohliger Behaglichkeit vor einem steht und man den ersten Bissen gekostet hat, vergisst man Diätpläne, Vorsätze von „leichter Küche“ und weiß, weshalb man immer sagt: „Bei Oma schmeckt’s am besten.“

 

Vera Peternek

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