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Blick in den Abgrund
Staatsanwalt Johann Radmann muss sich durch Berge von Akten wühlen. Foto: Universal

Blick in den Abgrund

Sie brachten die Deutschen erstmals dazu, sich ihrer Vergangenheit zu stellen: Die Auschwitz-Prozesse ab 1963. Die deutsche Kinoproduktion „Im Labyrinth des Schweigens“ beleuchtet den schweren Weg dorthin. Und überzeugt mit einem bedrückenden Porträt der Nachkriegsgesellschaft.

Manchmal lauert das Grauen in der Idylle eines sonnigen Vormittags. In diesem Fall auf einem normalen Schulhof in Frankfurt am Main, Ende der Fünfziger Jahre. Es ist große Pause; Die Kinder spielen und singen, die Lehrer rauchen. Einer von ihnen bietet einem Passanten Feuer an. Der sieht zu ihm – und erstarrt vor Entsetzen.
Es ist eine der vielen starken Szenen dieses Films, die ohne Erklärung auskommen, und zugleich der Auftakt dieses Dramas. Denn wenig später erscheint der Passant mit dem „Frankfurter Rundschau“-Reporter Thomas Gnielka (André Szymanski) im Frankfurter Gericht und schildert, was man schon ahnt: Der Lehrer war früher Wärter im Konzentrationslager Auschwitz. Die anwesenden Juristen aber reagieren teilnahmslos bis feindselig. „Da ist ein Mörder, der Kinder unterrichtet“, ruft der Reporter fassungslos. „Interessiert das hier irgendjemanden?“ Niemand reagiert. Das Blatt mit den Informationen, das er zurücklässt, landet im Papierkorb.
„Im Labyrinth des Schweigens“ beschäftigt sich mit den Auschwitz-Prozessen ab 1963; Es sind die bis heute größten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte, und mit ihnen beginnt in Deutschland überhaupt erst wirklich die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Doch der Film, der im Jahr 1958 einsetzt, legt den Schwerpunkt auf die fünf Jahre der mühsamen Ermittlungsarbeit, die den Prozessen vorausgingen. Und wirft dabei einen Blick auf die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft: Eine Gesellschaft, die sich in ihrem Schweigen eingerichtet hat. Die Wirtschaft brummt, es gibt wieder Arbeit und im Radio laufen unbeschwerte Schlager. Wen interessiert da die dunkle Vergangenheit?
Als der Journalist spontan im Gerichtsgebäude nachfragt, wer schonmal etwas von Auschwitz gehört hat, erntet er nur Kopfschütteln. Nein, noch nie. Die Jungen wissen von nichts, die Alten schweigen. Adenauer hat einen „Schlussstrich“ propagiert. Und selbst der amerikanische Major, der die Akten bewacht, meint nur: „Die Russen sind doch jetzt der Feind.“
Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling), der bis dahin Verkehrsdelikte behandelte, will der Sache nachgehen. Dabei ahnt er selbst nicht, welcher Abgrund sich vor ihm auftut. „Haben Sie Straftaten beobachtet während ihres Aufenthalts im Lager?“, beginnt er seine Befragungen.
Die Aussagen der Zeugen werden nicht wiedergegeben – auch das ein gelungener Moment des Films. Stattdessen sieht man stumm bewegte Lippen, das Kratzen der Feder auf Papier, leere Flure. Das Grauen findet im Kopf des Zuschauers statt.
Radmann beginnt bald zu begreifen, welche Ausmaße der Fall annimmt: 8.000 von 600.000 SS-Männern waren in Auschwitz stationiert – das bedeutet 8.000 potentielle Verdächtige. So wühlt er sich durch Berge von Akten, vernimmt Zeugen und Verdächtige, von den Behörden boykottiert und oft von den eigenen Kollegen angegriffen. Nur Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) unterstützt ihn von Beginn an. Mit verbissenem Ehrgeiz kämpft Radmann gegen die Lügen und das Verdängen der vermeintlich heilen Wirtschaftswunderwelt an. Die bringt ihm kaum Verständnis entgegen: Kann man das alles nicht ruhen lassen? Die Hauptverbrecher wurden schließlich in Nürnberg bestraft, alle anderen haben angeblich nur Befehle ausgeführt. Und außerdem war Krieg – das ist der allgemeine Tenor.
Mutig wagt sich „Im Labyrinth des Schweigens“ an ein schwieriges Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte heran. Herausgekommen ist ein großartiger Film, der die beklemmende Atmosphäre einer auf Verdrängung bedachten Gesellschaft gekonnt wiedergibt. Dabei orientiert er sich an den historischen Tatsachen, lässt sich aber auch Raum für eigene Freiheiten. Gnielka und Bauer etwa sind historische Figuren, Radmann haben sich die Autoren Elisabeth Bartel und Giulio Ricciarelli ausgedacht. Seine Figur ist gekonnt gezeichnet: Ein eifriger junger Mann, der die Wahrheit liebt und doch fast daran zugrunde geht. Den KZ-Arzt Josef Mengele zu fassen wird ihm zur Obsession. „Den müssen wir kriegen, der ist Auschwitz“, verkündet er. „Nein“, erwidert Bauer. „Alle, die mitgemacht haben, die nicht nein gesagt haben, die sind Auschwitz.“
Der Film endet mit dem Beginn des Gerichtsverfahrens. Einige immerhin konnten Radmann und seine wenigen Helfer vor Gericht bringen. Der schwierige Prozess der Aufarbeitung hat endlich begonnen.
Und doch ahnen sie vielleicht in diesem Augenblick, dass die Deutschen noch einen langen Weg vor sich haben.

von Michael Abschlag

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