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Nicht weiter ignorieren
Bild: Defend Rojava

Nicht weiter ignorieren

„Defend Rojava“ und der kurdisch-türkische Konflikt

Vorderasiatische Politik in Heidelberg: In der linken Plattform „Defend Rojava Rhein-Neckar“ engagieren sich unter anderem Heidelberger Studierende für den Fortbestand der autonomen Region Rojava im Norden Syriens, die überwiegend von Kurden bewohnt wird.

Die Region unter Führung der kurdischen Partei PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat), zeichnet sich durch eine kommunale Basisverwaltung, unterstützt durch Räte und Kooperativen, aus und folgt damit einem nichtstaatlichen Gesellschaftsmodell. Besonders in Bezug auf Gleichberechtigung aller Geschlechter und Nachhaltigkeit attestieren internationale Beobachter Rojava sehr positive Entwicklungen. Mit der Türkei im Norden und dem syrischen Staat im Süden ist die Region von politischen Gegnern umringt.

Yagmur und Eren liegt der Fortbestand Rojavas am Herzen. Die beiden Studierenden und Mitglieder von „Defend Rojava“ sind in Deutschland aufgewachsen, wurden aber in kurdischen Regionen in der Türkei geboren. Dort wird die kurdische Bevölkerung seit Jahrzehnten unterdrückt. Auch internationale Unterstützung gibt es kaum. „Der erfolgreiche Aufbau Rojavas macht es unmöglich, die kurdische Kultur weiter zu ignorieren“, so Yagmur.

Die Plattform wolle darauf aufmerksam machen, dass Kurden auch in Deutschland Diskriminierung erfahren. Sie selbst seien oft mit Vorurteilen bezüglich ihrer Herkunft konfrontiert worden. „Wir haben uns geschämt, unsere Sprache zu sprechen und zu sagen, dass wir Kurden sind“, berichtet Yagmur aus ihrer Jugend in Dortmund. Konflikte zwischen Kurden und Türken gäbe es auch in Heidelberg. Doch während die deutsche Politik solche Konflikte auf eigenem Boden verurteile, beeinflusse sie selbst den Konflikt in der Region, etwa durch Waffenlieferungen. So wurde die türkische Eroberung des kurdischen Kantons Afrin in Syrien Anfang 2018 mit deutschen Panzern durchgeführt. Kritische Auseinandersetzung mit solchen Zusammen-hängen möchte die Gruppe fördern, vor allem durch Jugendarbeit. Dabei sei es ihnen besonders wichtig, auf die Repression kurdischer Aktivisten und auf die machtpolitischen Verflechtungen Deutschlands und der Türkei aufmerksam zu machen. Mitwirken kann nach einer Facebook-Kontaktaufnahme jeder, der Interesse hat. Auch Menschen nichtkurdischer Herkunft seien willkommen, denn Rojava vertrete Werte, „für die sich jeder einsetzen sollte“, betont Yagmur.

Die beiden sind Kommunisten. Für viele Linke ist Rojava Prototyp einer gerechteren Gesellschaft, ein Weg zu einer gelingenden Utopie. Auch Yagmur und Eren setzen viel Hoffnung in Rojava. „Es ist eine große Chance für unsere Generation, etwas wie Rojava erleben zu können“, so Eren. Historische Erfahrung lehrt jedoch, dass es bei ideologisch geprägtem Optimismus immer eine Kehrseite gibt. Auch in Bezug auf Rojava werden kritische Aspekte ignoriert oder banalisiert. Menschenrechtsverletzungen gegenüber kurdischen Aktivisten etwa, die nicht der PYD angehören oder die Tatsache, dass Rojava sich nur durch eine zeitweilige taktische Allianz mit dem Assad-Regime etablieren konnte. Verfechter Rojavas leugnen nicht, dass Fehler gemacht werden, verweisen aber auf die komplexe Kriegssituation und das erst kurze Bestehen von Rojava. Pragmatismus in Bezug auf Leiden, Verherrlichung in Bezug auf „Gerechtigkeit“ – ein typisches Phänomen in stark ideologisch aufgeladenen Kontexten. Am Projekt Rojava gibt es sicher einiges, was schützenswert ist. Zuviel Utopismus birgt aber immer die Gefahr einer Verzerrung unangenehmer Realitäten.

 

von Andreas Krauskopf

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