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Kugelschreiber statt Waffen

Wer aus seinem Heimatland flieht, fängt von vorne an. Drei unserer Kommilitonen sprechen über ihre Erlebnisse – vom Ankommen und dem Leben in der Fremde

Hakim, 30, Afghanistan

Foto: Nicolaus Niebylski

Einundzwanzig Tage. So lange dauerte Hakims Flucht nach Deutschland. Er kommt ursprünglich aus Afghanistan, seine Flucht begann aber im Iran. Von dort aus reiste er zuerst in die Türkei, überquerte dann mit dem Boot das Schwarze Meer und erreichte im Herbst 2015 illegal Düsseldorf. „Nach der Reise war ich krank, sehr müde, sehr schmutzig“, erzählt Hakim. „Ich habe ein Paradies in Deutschland gesehen.“
Jetzt studiert der Dreißigjährige politische Philosophie an der Universität Heidelberg und lebt mit seiner Frau in Neckargemünd. Bis dahin war es ein langer Weg. Bereits in Afghanistan studierte Hakim: zuerst Sport, später Politik an der Kateb Universität in Kabul. Neben dem Studium arbeitete er als Journalist und Moderator für zwei afghanische Fernsehsender. Hakim führte ein erfolgreiches Leben, erkrankte dann aber an Tuberkulose. Er sah sich auf Grund der schlechten medizinischen Versorgung in Afghanistan gezwungen, das Land zu verlassen. Für die Behandlung reiste er nach Pakistan und in den Iran. Zur gleichen Zeit tauchte Hakims Name auf einer Liste auf. „Journalisten und Menschen, die ihre freie Meinung äußerten, wurden getötet“, erklärt Hakim. „Ich kam illegal nach Deutschland, um mein Leben zu retten. Wegen der Bedrohung und meiner Krankheit.“ Hakim kam vorerst alleine. Seiner Frau gelang es erst drei Jahre nach seiner Ankunft auf legalem Wege in Deutschland einzureisen.
Von Anfang an war es Hakim wichtig, sich zu engagieren und einzubringen. „Ich möchte wie ein Deutscher leben“, sagt er. Nur wenige Wochen nach der Ankunft begann er, Deutsch zu lernen. Er betont immer wieder die Wichtigkeit der Sprache. Hakim erzählt, „wie man ohne Identität ist, wenn man die Sprache nicht kennt. Man ist schwächer als ein Kind. Man kann nichts machen.“
Vergangenes Wintersemester erhielt er schließlich einen Master-Studienplatz an der Uni Heidelberg. „Die Studenten in Afghanistan und Deutschland kann man nicht vergleichen“, berichtet er. In Deutschland würden Studierende, anders als in Afghanistan, frei von Angst, Hass, Bedrohung und Armut leben. Sie seien sicherer, glücklicher.
Hakim will in Heidelberg zuerst den Master, dann den Doktor machen. Sein Ziel ist es, in die Wissenschaft zu gehen, um so auch seinem Herkunftsland etwas zurückgeben zu können. Abschließend sagt er: „Afghanistan braucht Menschen wie dich und mich, wie alle Studenten. Wenn ich jemand wäre, dem alle zuhören, würde ich sagen: ‚Hey, Deutsche, ihr müsst jetzt nach Afghanistan gehen, aber nicht mit Waffen, sondern mit Kugelschreibern, mit Wissenschaftlern.‘“
Von Judith Steinkellner
Abdul Kadir, 24, Türkei

Foto: Eduard Ebert

An seinem 23. Geburtstag packte Kadir ein Polaroid-Foto und sein Abschlusszeugnis in seinen Rucksack. Das Foto, das ihn kurz vor seiner Flucht mit seinem Bruder zeigt, wurde an der Küste Izmirs in der Türkei geschossen. Dort, wo er vor Kurzem erfolgreich sein Jurastudium abgeschlossen hatte. Nur mit diesem Rucksack und ganz auf sich allein gestellt, machte er eine zweieinhalb Monate lange Reise: Er flüchtete mit dem Boot nach Griechenland. Dann mit dem Flugzeug nach Spanien, von dort aus nach Paris und zum Schluss mit dem Zug nach Deutschland.
Auch wenn es wehtat, seine Heimat auf diese Weise zu verlassen, blieb ihm keine Wahl. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden immer mehr seiner Freunde, Verwandten und Bekannten festgenommen. Weil sie einer bestimmten Bank Geld anvertraut hatten, sich in bestimmten Nachhilfezentren oder Vereinen engagierten, verloren sie ihre Arbeit, wurden enteignet oder verfolgt. Als die Polizei Kadir auferlegte gegen seinen Bruder auszusagen, war ihm klar, dass es bald auch ihn treffen würde. Um sich zu retten, floh er über den Fluss Mariza.
Seit 16 Monaten lebt er in Deutschland, doch die erste Zeit war sehr schwer für ihn. Weder beherrschte er die neue Sprache noch kannte er die Kultur des ihm fremden Landes. Von einem Tag auf den anderen fühlte er sich gezwungen, ein neues Leben zu führen. Das Geschehene konnte er aber nicht sofort hinter sich lassen. „Am Schlimmsten ist für mich, dass ich nicht mit dem Recht behandelt wurde, dass mir an der juristischen Fakultät gelehrt wurde“, erklärt Kadir. „Meine Freunde sind nun Richter oder Staatsanwälte. Sie tun aber nicht, was das Recht von ihnen fordert, sondern die Politik.“
Kadir ist dankbar, dass er in Deutschland Zuflucht finden konnte und fühlt sich durch all die Menschen, die sich für die Geflüchteten in Vereinen engagieren, als einen Teil dieser Gesellschaft. Seit acht Monaten macht er einen Deutschkurs an der Uni Heidelberg und fühlt sich, als sei er an den Ort zurückgekehrt, an den er eigentlich gehört. Die Universität.
„Die Menschen müssen aus der Geschichte eine Lektion ziehen“, findet Kadir. „Heute fliehen sie aus der Türkei, aber noch gestern sind sie aus Deutschland geflohen. “ Zum Abschluss erzählt er die Geschichte seines Vorbildes Ernst Hirsch. Hirsch war ein deutscher Jurist jüdischer Abstammung, der zur NS-Zeit aus Deutschland in die Türkei floh. Nach seinem Ruf an die Universität in Istanbul wirkte er maßgeblich daran mit, die Gesetzgebung in der Türkei zu verbessern. Genauso, so Kadir, können die aus der Türkei nach Deutschland Geflohenen einen Beitrag für dieses Land leisten und eine Bereicherung sein.

Von Elif Dabazoğlu

Fatima, 24, Syrien

Foto: Paula Jemima Binder

Die Menschen hier haben am Anfang mehr Zeit zum Vertrauen gebraucht“, so beschreibt Fatima ihre ersten Tage an der Universität in Heidelberg. Nicht nur die Sprache und die Umgangsformen, auch viele bürokratische Spießrutenläufe symbolisierten für die 24-Jährige den Unterschied zu ihrer bisherigen Universität in Aleppo, Syrien. Nach der Flucht mit ihrer Familie nach Deutschland war es ihr Traum, endlich wieder einen Hörsaal zu betreten.
Zurzeit studiert Fatima im vierten Semester Pharmazie und ist glücklich über das Vertrauen und die Freundschaft, die inzwischen auch ihr akademisches Leben prägen. Die Energie, mit der sie über ihren „Traum, in der beliebtesten Stadt“ studieren zu können, spricht, half ihr auch die Anstrengungen bis zu seiner Erfüllung durchzustehen.
Das fachliche Interesse treibt die Studentin schon seit Kindesbeinen. Nach dem Abitur absolvierte sie ein unbezahltes Klinikpraktikum und arbeitete in einer Apotheke in Aleppo. Neben der Freude am Lernen bedeuten ihr zwischenmenschliche Beziehungen besonders viel. „Ich habe immer noch guten Kontakt zu meinen Freunden in Syrien“, erzählt sie. Zwar vermisst sie die Kultur ihrer Heimat, fühlt sich aber in Deutschland inzwischen so wohl, dass Fatima langfristig nur zu Besuchen zurückkehren möchte. Nicht zuletzt der enge Kontakt zu ihrer Familie, die in ihrer Nähe lebt, half ihr schon seit der Ankunft, ein Gefühl von Heimat in der Fremde zu verspüren. Dementsprechend nutzte sie ihre Wissbegierde und wurde schnellstmöglich der deutschen Sprache mächtig, um nicht nur ihre, sondern auch die bürokratischen Angelegenheiten ihrer Angehörigen regeln zu können.
Trotz allem so entstandenen Stress empfand sie diese Aufgabe als hilfreich, insbesondere hinsichtlich der eigenen komplizierten Behördengänge, die bisher einen Großteil ihrer Zeit einnahmen. Neben dem Kampf um die Zulassung, der Anerkennung ihrer Kurse und nachzuholenden Praktika musste sie sich der Herausforderung einer völligen Neuorientierung stellen. „Dabei haben mir die Leute hier sehr geholfen und mir alles gezeigt.“
Über die Flucht aus ihrer Heimat und deren Ursachen spricht die junge Syrerin mit ihren neuen Freunden nicht viel und ist froh, dies auch nicht tun zu müssen. Stattdessen genießt sie die Selbstverständlichkeit einen Platz im Campusleben zu haben.
Nun, mit einer sicheren Zulassung und einer guten Verortung in ihrem sozialen wie geographischen Umfeld, arbeitet Fatima eifrig auf ihren Abschluss, vielleicht sogar einen Doktortitel, hin. Mit weniger Stress, viel Vertrauen und etwas Zeit freut sie sich, sich erstmals wieder ihrer eigenen Freizeit widmen zu dürfen.

Von Paulina Jemima Binder

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