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Wozu Lyrik, Herr Stolterfoht?

Wozu Lyrik, Herr Stolterfoht?

In der Poetikdozentur ergründet Ulf Stolterfoht die Natur lyrischer Sätze. Dabei können Studierende sich einen Eindruck vom Künstler und seinem Werk verschaffen

Ulf Stolterfoht beginnt seinen Vortrag mit einer bescheidenen Klarstellung zu seiner Biographie. Er habe sein Studium tatsächlich nie beendet, habe es „gegen die Wand gefahren“. Anstatt Vorlesungen zu besuchen, habe er damals lieber stundenlang in Tübinger Lokalen gesessen, über philosophischen Texten gebrütet, sie nicht verstanden und dann Gedichte darüber verfasst. Nun steht er in der Alten Aula am Pult und wird über Wittgenstein sprechen – das gefällt ihm.

Stolterfoht ist der diesjährige Poetikdozent an der Uni Heidelberg. Die Poetikdozentur ist ein jährlich wiederholter Vorlesungszyklus, bei dem das Germanistische Seminar gemeinsam mit der Stadt eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller einlädt, Vorträge über ein Thema eigener Wahl zu halten. Das soll einerseits den Poeten eine Plattform geben, andererseits auch Studierende näher an den schöpferischen Teil der Literatur bringen.

„Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist“, schreibt Wittgenstein in seinem Tractatus, dem Ausgangspunkt der Vorlesung. In der Lyrik, so Stolterfoht, sei es aber zunächst unerheblich, ob wahre Aussagen gemacht würden. Das sei ähnlich wie im Jazz, wo es nicht um Inhalte gehe, aber trotzdem durch die Form Sozialkritik geübt werden könne. Der Fokus in Stolterfohts Lyrik liege darauf, zu erforschen, „wie Sprache funktioniert“. Die „Indienstnahme“ von Lyrik für andere Zwecke hält er für falsch – das betreffe Liebeslyrik wie auch politische Gedichte.

So ganz ohne Inhalt ist die Lyrik Stolterfohts dann doch nicht. Trotz seiner erklärten Absicht findet sich darin eine Schatzkiste für Literaturwissenschaftler: verwobene Anspielungen auf Philosophen, Popkultur sowie auf andere Lyriker. Zudem finden sich dort auch seine politische und seine geographische Heimat wieder (links, Stuttgart).

Ein Reiz für das Publikum besteht somit auch darin, den Künstler ein wenig zu entlarven. Alles will man ihm nicht glauben – etwa wenn er sagt, er habe den Beruf wegen der Aussicht gewählt, mit Büroartikeln hantieren zu dürfen.

Von Hans Böhringer

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