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„Die Angst sitzt tief“
In der Mensa arbeiten viele Studierende nur mit Tagesarbeitsverträgen. Bild: Philip Hiller

„Die Angst sitzt tief“

Tagesverträge und Niedriglöhne: Studentische Aushilfen beim Studierendenwerk arbeiten oft unter schlechten Bedingungen. Nun wagen sich einige an die Öffentlichkeit.

Das Studierendenwerk Heidelberg steht erneut wegen des Vorwurfs in der Kritik, studentische Aushilfen prekär zu beschäftigen. Die Studierenden, die in den Mensen arbeiten, kritisieren Tagesarbeitsverträge, mangelnden Kündigungsschutz und zu niedrige Löhne.

„Für mich sind das Hauptproblem die Tagesarbeitsverträge“, erzählt ein studentischer Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Denn 254 der 278 studentischen Aushilfen, die in den Mensen Kaffee ausschenken oder Teller spülen, haben keinen festen Arbeitsvertrag. Sie unterschreiben lediglich eine sogenannte Rahmenvereinbarung, aus der jedoch „kein Recht auf Beschäftigung abgeleitet werden“ kann. Eine solche Rahmenvereinbarung liegt dem ruprecht vor.

„Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen unterschreiben jeden Morgen ihren Arbeitsvertrag und werden abends automatisch gekündigt“, erklärt Christoph Miemietz von der Gewerkschaft ver.di. Sie könnten sich nicht sicher sein, ob sie am nächsten Tag wieder einen Arbeitsvertrag erhalten. „Prekärer kann man Mitarbeiter nicht beschäftigen“, bewertet der Gewerkschafter die Situation.

Auf Anfrage teilte das Studierendenwerk mit, dass die Tagesverträge eingeführt worden seien, um „Studierenden zum einen die Möglichkeit zu geben, im Einzelfall länger als zwei Jahre neben dem Studium zu arbeiten, zum anderen um größere Flexibilität bei der Arbeitszeit zu schaffen.“ Den Vorwurf der prekären Beschäftigung hält Katrin Bansemer, Pressesprecherin des Studierendenwerks, für nicht haltbar.

Möglich ist diese Form des Beschäftigungsverhältnisses, weil das Studierendenwerk die Studierenden nicht direkt anstellt, sondern in der Hochschulservice GmbH (HSH). „Mit seinem Subunternehmen HSH begeht das Studierendenwerk Tarifflucht – mit Löhnen knapp über dem Mindestlohn, von denen man in Heidelberg nicht leben kann“, meint Miemietz. So bekommen studentische Aushilfen nach Angaben des Studierendenwerks 9,30 Euro pro Stunde, sogenannte Tutoren und Tutorinnen, die Schichtleitertätigkeiten übernehmen, erhalten 10,40 Euro. „Meine Kollegen werden nach Tarifvertrag bezahlt, ich nicht, obwohl wir die gleiche Arbeit verrichten“, wundert sich die studentische Aushilfe über dieses Modell.

Die Rahmenvereinbarung liest sich darüber hinaus wenig studierendenfreundlich. So enthält sie beispielsweise einen Passus, wonach jederzeit gekündigt werden kann, „falls Anzeichen dafür vorliegen, dass das Studium nicht mehr ernthaft betrieben werde (z.B. Überschreiten der Regelstudienzeit um mehr als 4 Semester).“ Dadurch ist es möglich, Studierende in der für viele besonders stressigen Endphase des Studiums fristlos zu entlassen. Ähnliche Vorwürfe wurden bereits 2012 laut. Daraufhin versprach Ulrike Leiblein, Geschäftsführerin des Studierendenwerks, in einem Interview mit dem ruprecht Anfang 2013, den Passus zu streichen. Ein Versprechen, das sie offenbar nicht eingehalten hat.

Doch selbst, wenn die Rahmenvereinbarung nicht gekündigt wird, bringt die Arbeit hohe soziale Unsicherheit mit sich. Eine Folge der Tagesarbeitsverträge ist nämlich auch, dass es keine Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall gibt. Denn wenn Studierende im Krankheitsfall nicht an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, erhalten sie keinen Arbeitsvertrag. Das Studierendenwerk verweist auf Anfrage jedoch darauf, dass „gesetzliche Vorschriften des Entgeldfortzahlungsgesetzes eingehalten werden.“

Probleme offen anzusprechen, trauen sich die studentischen Aushilfen unter diesen Umständen oft nicht. Auch mit dem ruprecht wollen viele nicht sprechen oder nicht zitiert werden – und wenn doch, dann nur anonym. „Das Thema Angst zieht sich komplett durch“, erklärt die studentische Aushilfe. „Die Angst bei den Betroffenen sitzt tief, weil jeder kleine Fehltritt, jede Beschwerde schon morgen die Arbeitslosigkeit bedeuten kann“, meint auch der Gewerkschafter Miemietz.

Um die Studierenden zu unterstützen, hat sich deshalb das Sozialreferat des Studierendenrats (StuRa) eingeschaltet. „Ich kann nicht einfach zusehen und nicht handeln, während diese Zustände weiter existieren“, sagt Mahmud Abu-Odeh, Sozialreferent des StuRa. Über Facebook und mit Flyern hat er betroffene Studierende zu einem Treffen eingeladen. „Wir sind sehr darauf bedacht, die Studis zu schützen, damit die Angst, die sie haben, nicht dazu führt, dass sie sich nicht mobilisieren“, erklärt er. Für ihn geht es nicht darum, Ärger zu machen, sondern eine Möglichkeit für die Studierenden zu schaffen, sich mit den Verantwortlichen im Studierendenwerk an einen Tisch zu setzen und auf Augenhöhe zu reden – ohne Angst.

Von Esther Lehnardt

2 Kommentare

  1. Studentische Aushilfe

    Der Artikel scheint für mich nicht gut recherchiert und sehr einseitig dargestellt. Es haben gerade Gespräche zu einer Lohnerhöhung, zwischen den Leiter*Innen des Studierendenwerks und studentischen Aushilfen stattgefunden.
    Angst vor und in diesen Gesprächen hatte niemand.
    Diese waren auch nicht informell, sondern einfach erbeten. In keinem Betrieb läuft alles perfekt, aber dann sollte man das Gespräch suchen, statt gleich mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und anzuklagen.
    Auch die genannten Zahlen sind so einfach nicht richtig. Bis im Dezember lag der Lohn bei 8,90 Euro für normale Aushilfen und bei 10,20 € für die Tutoren. Nach den Gesprächen zwischen Studierenden und der Leitung des Studierendenwerks wurde dieser Lohn auf 9,30€ bzw. 11,60€ erhöht und es gab die Zusage, dass der Lohn ab sofort in den jährlichen Tarifverhandlungen auch neu verhandelt wird. Dass Tutore*Innen und normale Mitarbeiter*Innen die gleiche Arbeit verrichten, stimmt so auch nicht. Tutoren haben eine viel höhere Geld-, Schlüssel- und Dokumentationsverantwortung und werden entsprechend der höheren Verantwortung auch höher bezahlt.
    Es ist schade, dass hier nur eine Perspektive, einer viel komplexeren Angelegenheit dargestellt wird und dies den Ruprecht einem Boulevardblättchen gleichsetzt.

  2. Als Mitarbeiterin in einem der studentischen Cafés in Heidelberg verwirrt mich dieser Artikel. Persönlich musste ich noch nie Angst um meinen Job haben und empfinde die Darstellung hier als ziemlich einseitig.
    Die Tagesarbeitsverträge ermöglichen mir eine Flexibilität, die ich anderswo nicht hätte. Mal ein Semester nur Vertretungen machen weil das Studium gerade mehr Zeit beansprucht als sonst? Funktioniert! In der vorlesungsfreien Zeit aussetzen weil ich reise oder Praktika machen? Ist nie ein Problem. Nach einem oder zwei Auslandssemester zur Arbeit zurückkommen und direkt wieder anfangen können? Habe ich auch schon bei einigen Kollegen gesehen.
    Schade, dass dieser Artikel die Sache nicht auch aus anderen Perspektiven betrachtet.

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