Stilikone des Campus Bergheim, Social-Media-Persönlichkeit und Leiter eines eigenen Seminars:
Simeon Jäkh studierte am Max-Weber-Institut Soziologie, wohnt weiterhin in Heidelberg und pendelt für die Promotion nach Ludwigsburg. Gleichzeitig bekommt er seit einigen Monaten immer mehr Klicks auf Instagram und Tiktok für seinen Content-Mix aus Uni-Stress und nischigen Memes.
Seit 2014 wohnst und studierst du in Heidelberg. Wie hat sich die Universität in dieser Zeit für dich verändert?
Was sich auf jeden Fall verändert hat, ist die Situation vor und nach Corona. Ich finde, dass in der Studierendenschaft eine gewisse Entpolitisierung stattgefunden hat. Natürlich konnte man über Home-Uni nicht viele Leute kennenlernen und hat so gewisse Strukturen verpasst. Wahrscheinlich hatten alle Fachschaften riesige Probleme neue Leute zu rekrutieren. Ganz viel hat sich auch nicht verändert. Für die Uni war es wahrscheinlich vor allem der Wechsel zu Heico.
Wie kamst du auf dein Studienfach?
Ich habe ja Soziologie studiert, was ganz nett klingt, wenn man es sich durchliest, aber ich finde, man braucht ziemlich lange, um zu verstehen, was das überhaupt als Fach ist. Man kann immer überrascht sein, dass das Studium anders ist, als man es sich vorgestellt hat aber ich hatte davor gar keine Vorstellung von Soziologie. Ich habe aber dann gemerkt, dass ich mich darin ziemlich wohlfühle…
… und auch in Heidelberg?
Ja. Es ist nicht die größte Stadt, aber ich finde sehr underrated, dass es eine walkable city ist. Das nimmt so viel Stress raus, nicht immer auf die Bahn angewiesen zu sein. Für mich ist das Kulturangebot auch genug.
In der Danksagung deiner Masterarbeit hast du geschrieben, dass die queere Community hier und weltweit deine Arbeit sehr geprägt hat. Gibt es in Heidelberg da eine Besonderheit?
Ein „Problem“ von Forschung zu queeren Themen ist, dass diese oft in Großstädten behandelt werden. In sehr vielen Fällen hat man für qualitative Untersuchungen dann sieben Leute aus Berlin interviewt. Das kann trotzdem eine tolle Studie sein, sagt aber nur sehr viel über Berlin aus. Generell ist Urbanisierung für kleinere Subgruppen schwierig. Wenn alle nach Berlin ziehen, dann funktioniert es in anderen Städten eben nicht, etwas aufzubauen. Natürlich hat Heidelberg im Vergleich zu Berlin weniger zu bieten, aber eigentlich gar nicht so wenig. Im Mai findet zum Beispiel, soweit ich weiß, seit 17 Jahren das Queer-Festival statt, eines der größten solcher Festivals, das von Anfang an queer und nicht schwul-maskulin geprägt war. Das ist schon eine Besonderheit.
Kannst du kurz erklären, worüber du promovierst?
Der Arbeitstitel lautet: „Lessons from the Non-Binary“. Es geht mir darum, wie Wissen über Geschlecht, Geschlechtlichkeit und Vergeschlechtlichung sich verändert. Dabei soll es nicht darum gehen, Non-Binarität automatisch als „neues“ Geschlecht zu sehen, sondern zu gucken, wie überhaupt Geschlechterwahrheiten entstehen, wie Menschen über Geschlecht denken und welche Kategorisierungsprozesse und Differenzierungen dabei vorkommen. Was passiert, wenn die Binarität in Frage gestellt wird, und was passiert, wenn Menschen versuchen, Kategorien zu verlassen oder auch aus Kategorien ausgeschlossen werden?
Deine Masterarbeit „Normalisierung von männlicher Homosexualität“ wurde von Springer publiziert und jede:r mit Bibliothekszugang kann sie einsehen. Worum geht es darin?
Eigentlich denken Menschen, wenn man ihnen davon erzählt, dass es gut ist, wenn Sachen normalisiert werden. Mir geht es auch gar nicht darum zu sagen, dass es nicht gut ist, aber meistens zeigt sich, dass Normalisierung mit Assimilierung oder Abgrenzung zu tun hat. Mein Gedanke war, dass es nicht nur die Gruppe der homosexuellen Männer gibt; ich wollte in diese Gruppe hineinschauen und verstehen, wie darin weiter differenziert wird. Es gibt eher heteronormative Homosexuelle, die eigentlich weitgehend akzeptiert sind und auch Positionen innerhalb von Politik oder Wirtschaft in wichtigen, mächtigen Rollen innehaben. Andere Formen homosexueller Männlichkeit sind nicht so akzeptiert. Ich habe mir vor allem angesehen, wie diese Abgrenzungsprozesse funktionieren.
Du machst seit einem dreiviertel Jahr aktiv Social Media und das ziemlich erfolgreich. Was glaubst du, warum dein Content so gut ankommt?
Das war nicht geplant. Ich habe für die Doktorarbeit mit Tiktok angefangen, weil ich die Kommentare für meine Forschung verwenden wollte. Ich habe gedacht, ich probiere es mal aus, wahrscheinlich wird eh niemand darauf antworten. Das hat dann aber super gut funktioniert und dann habe ich ein paar Videos gemacht, auch eher lustigere Sachen. Ich hatte so 20 Follower, habe vorher nie Tiktok verwendet und das zweite oder dritte Video bekam trotzdem so 300.000 Views. Ich habe erst wenig wissenschaftlichen Content gemacht, weil ich dachte, das wird wahrscheinlich niemanden interessieren. Das ist ja auch eines der Probleme der Wissenschaftskommunikation, dass die Inhalte oft nicht so viral gehen. Ich habe Sachen aus dem Lehralltag gepostet und die waren dann super erfolgreich. Ich habe zum Beispiel lustige Videos über den Struggle mit der Doktorarbeit gemacht und die sind dann am viralsten gegangen und haben viele Leute aus meinem Fachfeld erreicht, sodass ich auf einer Konferenz dann auch öfter angesprochen wurde.
Wirst du mittlerweile häufiger erkannt?
Also auf dem Kongress hat mich das total überrascht. Ich bin mit zwei Professorinnen reingelaufen, die ich davor im Bus getroffen hatte und die mussten bei der Anmeldung ihren Namen sagen und ich nicht. Das haben auch beide kommentiert. Und dann kamen noch drei, vier andere Leute. Dann haben sie gesagt: „Ah, ich habe deine Videos gesehen, voll lustig“. Ich habe dann aber auch gedacht, „Okay, vielleicht ist das genau meine Crowd.“ Dann war ich aber auf einem Konzert, wo ich einfach dreimal am Abend gefragt wurde, ob ich ein Bild machen kann. Und neulich auch mal in der Bahn. Es ist vor allem auch merkwürdig, wenn andere Leute dabei sind, die gar nichts mit Social Media zu tun haben. Bei der einen Situation in der Bahn war mein Chef dabei, der war so: „Das scheint ja gut zu laufen, beim letzten Bahnfahren war das noch nicht so.“
Und sagen deine Studis dann sowas wie: Bitte veröffentliche nicht den Titel meiner Bachelorarbeit?
Ich veröffentliche nichts, ohne mit den Personen zu sprechen oder ohne, dass Leute das wissen. Und ich nutze natürlich sehr strenge Anonymisierungen und Veränderungen, sodass Bezüge gar nicht klar werden. Manche sprechen es einfach an und sagen: „Ich kenn dich von Social Media.“ Eine Person hat mir sogar mal eine Mail geschrieben: Sie sei auf Tiktok gelandet, um sich von ihrer Bachelorarbeit abzulenken – und hat dann ihren eigenen Betreuer (also mich) gesehen. Danach hat sie sich wieder an die Arbeit gesetzt.
Das klingt nach eher positiven Reaktionen. Wie gehst du mit negativer Resonanz um?
In Person gab es noch gar keine negative Resonanz, aber im Internet gibt es die ja immer. Es gibt negative Resonanz auf mein Aussehen, auf meine Frisur, auf meine Stimme. Aussagen wie: „Ah, sowas wie du ist jetzt Dozent?“, Hasskommentare gibt es auch, und auch bei random Themen, die gar nicht politisiert sind, wo man das nicht erwarten würde. Ich blocke dann viele Leute. Gerade auf Tiktok ist es so, dass ein Video im rechten bis rechtsradikalen Raum geteilt wird. Da gibt es teilweise auch Morddrohungen oder Holocaust-Leugnungen. Auch zu Themen, wo es wirklich keinen Bezug gibt. Sonst kommentiere ich auch mal, lasse mich auf Diskussionen ein. Am Anfang hab ich noch viel gemeldet, aber das kannst du knicken, dass da etwas passiert. Wenn Instagram beschließt, dass „so etwas wie du wäre 1933 noch vergast worden“ nicht unter ihre Richtlinien fällt, dann ist das so.
Beeinflusst dich dein Erfolg?
Ich will nicht sagen, dass es gar keinen Einfluss hat, wenn der Content erfolgreich ist. Die Plattform-Logik kommt immer wieder. Man weiß dann einfach: „Ah, bei dem Video wird sicher das kommentiert.“ Neulich ist mir abends etwas Lustiges eingefallen, aber es war schon halb zwei in der Nacht und ich wusste: „das ist eigentlich zu spät.“ Ich habe es dann bewusst trotzdem gepostet. Man kann das gar nicht ignorieren, wenn das irgendwie erfolgreich ist. Wenn es niemanden interessieren würde, würde ich es auch nicht machen. Aber auch nischige Witze, die nur bei ganz bestimmten Leuten ankommen, finde ich toll. Leute folgen mir vor allem wegen einem Thema und fragen dann: „Warum machst du jetzt Witze über Mark Forster?“. Auf Tiktok sind vor allem die witzigen Sachen erfolgreich und auf Instagram die Bildungssachen.
Verdienst du mit Social Media Geld?
Kooperationsanfragen gibt es für alles mögliche. Ich habe Anfragen für Fernsehformate bekommen, teilweise für Beauty-Produkte (lacht), teilweise für Lern-Apps. Bisher habe ich beschlossen das alles nicht zu machen, ich glaube auch nicht, dass ich damit wahnsinnig viel verdienen würde. Ich habe auch Einladungen von Unis zum Thema Wissenschaftskommunikation und Ähnlichem bekommen. Auf Tiktok könnte ich in das Creator-Programm rein. Das gilt dann aber nur für Videos, die länger als eine Minute sind, womit die es sich relativ leicht machen, weil das nicht der Plattform-Logik an sich entspricht. Ich hab bisher kein Geld damit verdient; Grüße auch ans Finanzamt.
Das Gespräch führten Justus Brauer und Robert Trenkmann
…hielt schon immer gerne eine Zeitung in der Hand. Seit Frühling 2023 kann er seine Begeisterung für den Journalismus beim ruprecht ausleben.
...leitet Feuilleton und studiert nebenbei Geographie in Kombination mit Politikwissenschaft im Master.
Interessenschwerpunkte: ferne Länder, Tagespolitik & Sport.
...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.










