Gleicher Name, gleiche Farben, gleiche Werte? Ein antisemitisches Verbrechen sorgte 2020 für die Auflösung der Burschenschaft Normannia. Jetzt ist sie zurück
Im Juni 2025 tauchte die Heidelberger Burschenschaft Normannia wieder auf Instagram auf. Unter dem Handle „Normannia 1890“ wurden am 25. Juni zwei Bilder publiziert. Das erste zeigt eine Mütze in Schwarz-Rot-Gold, der Couleur des Bundes sowie der DB (Deutsche Burschenschaft). Außerdem zu sehen sind ein fast leeres Scotch-Glas und eine angezündete Zigarre. Das zweite Bild zeigt unkommentiert die Villa Stückgarten und ist auf dem Profil angepinnt. Ansonsten scheinen die Burschen ihre digitale Präsenz subtil halten zu wollen. Die Instagram-Bio nennt nur das Gründungsjahr und das Motto der DB: „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Dazu ein Hinweis zur Neugründung: „Wieder aktiv seit SoSe 2025“. Die Verbindunsgsszene reagiert verhalten auf die Neugründung. Keine der Heidelberger Verbindungen folgt dem Account der Normannia. Zudem sollen einige Verbindungen ein Kontaktverbot gegenüber der Normannia beziehungsweise ihrer zwischenzeitlichen Neugründung Cimbria verhängt haben. Auch aus dem Waffenring der schlagenden Verbindungen in Heidelberg wurde sie ausgeschlossen.
Einige Verbindungen haben ein Kontaktverbot gegen die Normannia verhängt
Auslöser der Auflösung war ein antisemitischer Vorfall 2020. Bei einer Verbindungsparty wurde ein 25-jähriger Studierender mit einem Gürtel geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt, weil er jüdischer Abstammung ist. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft durchlief der Fall vor Gericht drei Instanzen. In erster Instanz verurteilte das Amtsgericht Heidelberg drei der vier Angeklagten. Alle drei legten zunächst Berufung ein, einer der Angeklagten zog seinen Antrag allerdings wieder zurück und wurde somit rechtskräftig verurteilt. In zweiter Instanz wurde das Urteil bestätigt. Die beiden verbliebenen Angeklagten legten daraufhin Revision beim Oberlandesgericht Karlsruhe ein, die jedoch verworfen wurde. Mit Abschluss dieses Verfahrens ist das ursprüngliche Urteil nun seit Anfang 2025 nach vier Jahren Prozess rechtskräftig. Für die verurteilten Burschenschafter bedeutet das jeweils 8 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Die Aktivitas der Normannia wurde 2020 aufgelöst. Weitere Recherchen deckten eine von rechtsextremem Gedankengut geprägte Verbindungskultur auf, welche zuvor schon unter Beobachtung gestanden hatte. Ein ehemaliges Normannia-Mitglied berichtete 2021 auch beim ruprecht von antisemitischer Hetze und offenen Bekenntnissen zum Nationalsozialismus innerhalb des Bundes. Auch an einem Angriff auf ein linkes Jugendzentrum in Mannheim seien Mitglieder der Normannia beteiligt gewesen.
Altherrenverband und Trägerverein wiesen die Verantwortung von sich
Der Altherrenverband und der Trägerverein handelten 2020 zwar schnell, wiesen allerdings jede Verantwortung für den von ihren Mitgliedern begangenen Gewaltakt von sich. Dass die Auflösung der Aktivitas nicht das Ende bedeutet, wurde schon damit signalisiert, dass der Verein bestehen blieb und die Villa Stückgarten weiter verwaltete. 2023 wurden dann Pläne öffentlich, auch die Verbindung wieder aufzubauen – zunächst unter dem Namen Cimbria und ohne Mitgliedschaft in der DB. Seit dem Sommersemester 2025 ist die Verbindung wirklich zurück, aber als „Normannia“. Einem Dossier der „Autonomen Antifa Freiburg“ nach, kam es daraufhin zu schweren Konflikten, auch innerhalb des Altherrenverbandes. Den Verband habe eine Austrittswelle erfasst, die zunehmend auch die finanzielle Solidität des Vereins und damit der gesamten Verbindung gefährdet haben soll. Ein Konfliktpunkt seien interne Leitlinien gewesen, deren Nicht-Zustimmung als Selbsterklärung eines Austritts gewertet worden sein soll.
Besonders umstritten sei der vierte Punkt der Leitlinien gewesen, der die deutsche Verantwortung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus thematisiert. Gerade diese Passage sei bei einigen auf Ablehnung gestoßen. Die Rückkehr der Normannia erfolgt damit im Schatten ihrer nicht gerade ruhmreichen Vergangenheit. Die Frage bleibt offen: Wie glaubwürdig ist so ein „Neuanfang“ ohne klare Distanzierung von dieser?
Von Robert Bretschi, Moritz Eigenbrod, Christiane Brid Winter und Eric Klimmer
...studiert Geschichte und Biologie, seit April 2025 schreibt er für den ruprecht. Er interessiert sich besonders für gesellschaftlich relevante und wissenschaftliche Themen.
...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.








