Zweites Camp von End Cement. Eine Woche lang wurde gegen Heidelberg Materials demonstriert. Von ironischen Demos und einem menschlichen Löwenzahn
Der Ruf „Beton, Beton, Beton“ hallt durch die Heidelberger Altstadt. Rund 50 Menschen ziehen an einem sonnigen Samstagnachmittag in Anzügen zur Zentrale von Heidelberg Materials. Der Aufmarsch wirkt auf den ersten Blick wie eine Kundgebung des Baustoffkonzerns, tatsächlich steckt dahinter aber das Bündnis End Cement. Mit der ironischen Aktion äußern sie Kritik am Unternehmen und dessen Geschäftspraktiken. Die Demo ist nur einer von vielen Programmpunkten des Protestcamps von End Cement. Die Vorwürfe: Umweltzerstörung, Klimaschädlichkeit und Menschenrechtsverletzungen. Laut einer Analyse von Ernst&Young, einem Netzwerk für Wirtschaftsprüfung, galt das Unternehmen im Jahr 2024 als größter Emittent von Treibhausgasen unter den 40 größten deutschen Aktienunternehmen und wird beispielsweise vom UN-Büro für Menschenrechte zu den Unternehmen gezählt, die an der israelischen Besatzung des Westjordanlands beteiligt sind.
Vom 12. bis zum 20. April hat End Cement deshalb seine Zelte vor der Hauptzentrale von Heidelberg Materials aufgeschlagen, um mit einem bunten Programm gegen den Baustoffkonzern zu protestieren. Die Aktivitäten reichen von zivilem Ungehorsam bis zu Vorträgen und Film-Nachmittagen – alles ausschließlich durch Spenden finanziert.
Aktivist:innen blockierten in Leimen die Zufahrt zum Zementwerk des Konzerns
So sind Camp-Teilnehmende am frühen Dienstagmorgen auf das Vordach der Zentrale gelangt, wo sie Fahnen der sechs Länder schwenkten, in denen dem Unternehmen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Am Donnerstag blockierten die Aktivist:innen in Leimen die Zufahrt zum Zementwerk des Konzerns und brachten gleichzeitig in Eppelheim ein Banner an dessen Betonwerk an. Freitags kettete sich ein als Löwenzahn verkleideter Aktivist am Entladekran des Konzerns im
Mannheimer Hafen fest. Heidelberg Materials wollte sich bezüglich des Camps nicht äußern. Auf die Interviewanfrage des ruprechts antwortet die Pressestelle mit einem Verweis auf seinen Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht 2025. So vielfältig die Vorwürfe sind, so vielfältig sind auch die Hintergründe der Teilnehmer:innen an den Protestaktionen. Sie kommen aus allen Ecken Deutschlands und nennen verschiedene Motive für ihren Protest. In Gesprächen mit Demonstrierenden werden Umwelt- und Klimaschutz ebenso genannt wie Kritik am kapitalistischen System. Viele der Aktivist:innen sind in ihren 20ern und 30ern, einzelne Teilnehmende auch deutlich älter. Die Pressesprecherin von End Cement, Dorothee Hildebrandt, schätzt, dass etwa 100 Aktivist:innen auf der Grünfläche an der Berliner Straße gezeltet haben – Tagesbesucher:innen nicht eingerechnet.
Gegen Heidelberg Materials liegt vor dem Heidelberger Landgericht eine Klage vor.
Auch an die Stadt Heidelberg richtet End Cement Forderungen. Heidelberg Materials ist Haupt-*sponsor des Musikfestivals Heidelberger Frühling. Das Bündnis fordert die Stadt auf, diese finanzielle Unterstützung nicht mehr zu akzeptieren. Auf Nachfrage des ruprecht weist die Pressestelle der Stadt Heidelberg darauf hin, dass das Programm mit kommunalen Haus-*haltsmitteln aufgrund der „angespannten Haushaltslage nicht finanzierbar“ sei und man „eine intensive Nachhaltigkeitsstrategie“ bei Heidelberg Materials sehe. Gegen Heidelberg Materials liegt derzeit eine Klage am Heidelberger Landgericht vor. 39 pakistanische Bäuer:innen klagten im Dezember 2025 gegen das Unternehmen sowie gegen den Energieversorgungskonzern RWE und forderten Schadensersatz für die Mitverantwortung der Unternehmen am Klimawandel. 2022 ist es in der Region zu Überschwemmungen gekommen, bei denen über 1700 Menschen gestorben und wirtschaftliche Schäden von rund 33 Milliarden US-Dollar entstanden sind.
Wie das Verfahren ausgeht, ist offen. Klar ist jedoch: Auch nach dem Ende des diesjährigen Camps geht der Widerstand gegen Heidelberg Materials weiter. Schon im nächsten Jahr soll ein weiteres Protestcamp stattfinden, um den Druck auf den Konzern zu erhöhen.
Von Claire Meyers und Pauline Zürbes
...studiert Politikwissenschaften und Geschichte und schreibt seit anfangs des Wintersemester 2023/24 für den ruprecht. Besonders interessiert sie sich für Politik, schreibt aber auch gerne über Heidelberg oder kulturelle und gesellschaftliche Themen.
...schreibt seit Wintersemester 2023/24 für den ruprecht – am liebsten über das, was Studierende und Heidelberg gerade bewegt.
...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.










