Hört man sich bei Fachschaften um, berichten viele von Nachwuchsmangel. Auch Pizzasitzungen helfen nicht weiter – Neulinge bleiben aus. Warum manche Fachschaften ihre Aufgaben bald nicht mehr erfüllen könnten und was sie dagegen tun
Es ist wieder soweit. Die Wahlen für den Fachschaftsrat (FSR) stehen an. Und wie jedes Jahr stehen die Fachschaften (FS) vor der Frage, wer überhaupt antreten möchte, um das Amt als gewählte:r Vetreter:in seiner oder ihrer Fachschaft auszuüben.
Ein Blick auf die Kandidierendenlisten lässt viele stutzig werden. Oft stellen sich nur so viele Kandidierende auf, wie es Fachschaftsratsplätze gibt. Ein eindeutiges Zeichen für Nachwuchsmangel in den aktiven Fachschaften?
Ganz so einfach sei es nicht, meint die Wahlkommission des Studierendenrats. „Weil es nicht so viele Leute und so viel zu tun gibt, spricht man sich oft untereinander ab, wer für den Fachschaftsrat kandidiert.“ Und trotzdem: Am ersten Eindruck, dass das mangelnde Interesse der Studierenden sich nicht nur an der niedrigen Wahlbeteiligung, sondern auch bei der Rekrutierung bemerkbar macht, scheint etwas dran zu sein – auch wenn die Stimmzettel allein nicht unbedingt aussagekräftig sind.
Einige Fachschaften berichten, dass sie oft kämpfen müssen, um überhaupt die für den FSR zur Verfügung stehenden Plätze zu füllen. So heißt es aus der FS Sport: „Am Ende werden alle Ämter immer besetzt, aber leider ist es oftmals eine interne Herausforderung.“
Ein Amt gehe schließlich immer mit Verantwortung und Verbindlichkeit einher.
Doch die Arbeit in der aktiven Fachschaft umfasst nicht nur die der Fachschaftsrät:innen. Dahinter steckt noch viel mehr: Erstibetreuung, Eventplanung, Interessensvertretung, Finanzverwaltung oder auch einfach die Teilnahme an den Fachschaftssitzungen. Die Fachschaften sind abhängig vom Engagement der Studierenden und bieten im Gegenzug die Möglichkeit, das eigene Studium aktiv mitzugestalten.
Trotzdem scheint es einigen Fachschaften schwer zu fallen, neue Studierende anzuwerben, um all diese Aufgaben stemmen zu können. Sie berichten davon, dass zwar ihre Eröffnungssitzungen, in denen häufig auch Pizza und Bier angeboten werden, gut besucht seien – nachhaltig bleibe jedoch kaum jemand.
Häufig ist von den „üblichen Verdächtigen“ die Rede, die mehrere Ämter und Aufgaben übernehmen. Ole Lorbacher von der FS Computerlinguistik (Coli) drückt es so aus: „Es ist oft ein ‚ich machs auch noch.‘“ Dass viele Studis schlicht keine Kapazitäten haben, verstehe er. Engagement nehme Zeit in Anspruch.
Gerade das scheint also ein zentraler Faktor dafür zu sein, dass sich nicht mehr Studierende beteiligen. Häufig mangelt es in den Fachschaften nicht an helfenden Händen bei Events, aber die Planung und Organisatorisches wie Finanzposten kosten deutlich mehr Zeit.
Es bleibt die Sorge, dass bestehende Strukturen zerfallen, wenn die Aktiven nicht mehr studieren. Und auch gerade an Masterstudierenden und Internationalen Studierenden fehlt es in vielen Fachschaften, sodass deren Interessen nur mangelhaft vertreten werden können.
Oft übernehmen die „üblichen Verdächtigen“ mehrere Ämter und Aufgaben
So unterschiedlich die Studiengänge und die Fachschaften sind, so unterschiedlich sind ihre Situationen. Nicht alle klagen über fehlende Mitglieder. Von einem Mitglied der FS Musikwissenschaft heißt es etwa, dass es keine Nachwuchsprobleme gäbe, sie hätten sogar mehr Aktive denn je. Auch Ämterbesetzungen sind bei einigen Fachschaften deutlich leichter. Kommt es jedoch zu Nachwuchsmangel, ist dieser bei kleineren Fachschaften häufig noch deutlicher zu spüren. Im Studiengang Islamwissenschaft, in dem im letzten Wintersemester ca. 100 Studierende eingeschrieben waren, übernehmen die Aktiven der Fachschaft oft mehrere Ämter gleichzeitig. Eberhard Dziobek, der sich seit vier Jahren in der Fachschaft engagiert, meint: „Die Anzahl von Neuanfängen ist so gering, dass es schwer ist, neue Aktive für die Fachschaft zu gewinnen“.
Größere Studiengänge stehen vor anderen Herausforderungen. Sie haben mehr potentielle FS-Mitglieder, jedoch gibt es dann weniger Begegnungsräume in entspannter Atmosphäre und es entstehen leichter Hierarchien. So merkt Aaron Fath von der FS MathPhysInfo an, dass es auf Neulinge oft abschreckend wirken könne, wenn einige Wenige mit viel FS-Erfahrung den Ton angäben.
Angesichts der immer weniger werdenden Aktiven macht sich teils Ernüchterung breit. „Man merkt, dass Leute fehlen. Aber irgendwie läuft es ja trotzdem. Und deshalb wird es dann auch hingenommen“, sagt Sebastian Zimnol von der FS Politikwissenschaft. Aus der FS Coli klingt es ähnlich, aber drängender: „Ich habe ein bisschen aufgegeben in der Mitgliederkrise. Vieles, was die Fachschaft leistet, wird einfach als selbstverständlich hingenommen. Aber wenn kein Nachwuchs kommt, ist das irgendwann nicht mehr gegeben“, meint Ole Lorbacher. Die Fachschaften sind deshalb bemüht, neue Wege zur Anwerbung von Freiwilligen zu finden. MathPhysInfo hat etwa einen eigenen Arbeitskreis gebildet, um verschiedene Strategien zu erarbeiten.
Und es gibt durchaus innovative Ideen: Die Fachschaft Coli hat sich als erste Fachschaft bei „hei-SKILLS“ als studentische Gruppe registriert. Dadurch könnte man dort bald für Fachschaftsarbeit ECTS-Punkte erhalten. Die Idee: Wer seine Zeit ohnehin in übergreifende Kompetenzen für sein Studium investieren muss, würde vielleicht Fachschaftsarbeit einem Sprachkurs vorziehen – wenn es dafür anerkannte Punkte gäbe.
Fragt man die Aktiven der Fachschaften, warum sich das Engagement auch ohne formelle Anerkennung lohnt, sind die Antworten lang: sei es, um etwas an der Uni zu bewegen, das nächste große Event zu planen oder auch für soziale Kontakte. Dass sie selbst für ihre Sache brennen, merkt man schnell – sie müssen nur noch einen Weg finden, diese Begeisterung ihren Kommiliton:innen zu vermitteln. Nicht jeder hat Zeit, sich aktiv einzubringen. Aber wer mit der Arbeit seiner Fachschaft zufrieden ist, kann das zumindest zeigen. Zur nächsten Wahl gehen wäre ein Anfang.
Von Pauline Zürbes
...schreibt seit Wintersemester 2023/24 für den ruprecht – am liebsten über das, was Studierende und Heidelberg gerade bewegt.








