Verschwörungserzählungen, Diffamierungen und „alternative Fakten“ gehören immer mehr zum Alltag von Wissenschaftler:innen. Dagegen setzt sich Carl Herrmann ein. Er ist Professor für Bioinformatik in Heidelberg. Mit dem ruprecht hat er über die sich verändernde Bedeutung von Wissenschaft in unserer Gesellschaft und ihre Rolle als Grundlage für die Demokratie gesprochen.
Hallo Herr Herrmann, stellen Sie sich doch zu Anfang einmal vor.
Ja, sehr gerne. Mein Name ist Carl Herrmann, ich bin Professor für Bioinformatik am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie (IPMB) und seit vielen Jahren Dozent im Studiengang Molekulare Biotechnologie. Im Rahmen meiner Arbeit mache ich mir viele Gedanken darüber, welche Rolle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Verteidigung von demokratischen Werten spielen könnten.
Wieso braucht Demokratie überhaupt die Wissenschaft?
Was in letzter Zeit verloren geht, ist das Bewusstsein dafür, dass jede öffentliche Debatte auf Fakten, über die man sich einig ist, basieren muss. Wir müssen in jeder Debatte eine gemeinsame Grundlage definieren, auf der wir das Gespräch aufbauen können. Danach kann man darüber diskutieren, wie man die Fakten gewichtet. Aber für jede Diskussion muss es eben einen gemeinsamen Rahmen geben. Ich glaube, genau diesen Rahmen kann die Wissenschaft liefern. Beispiel Klimaveränderung: Wenn wir uns die letzten 500 Jahre anschauen, dann ist ganz eindeutig, dass die Temperatur nach oben geht. Da brauchen wir die Wissenschaftler:innen, um diese Fakten zu etablieren. Die politische Diskussion ist noch mal etwas anderes, aber wenn man sich nicht mal darauf einigen kann, ob eine Wand weiß oder rot ist, dann ist jede Diskussion gegenstandslos.
Ist die Wissenschaft aktuell durch gewisse politische Strömungen in Gefahr?
Die Wissenschaft lebt in einem gesellschaftlich-politischen Spannungsfeld. Das heißt, natürlich sind wir abhängig davon, dass der Staat uns finanziert und wenn der Staat uns irgendwann nicht mehr so wohlgesonnen ist, dann wird das selbstverständlich auf unsere Arbeit Auswirkungen haben. Das andere Spannungsfeld ist auch: Wir sind alle Wissenschaftler:innen, aber auch Bürger:innen mit unseren politischen Überzeugungen und da müssen wir natürlich diese beiden Rollen trennen. Ich glaube, das ist diese Gratwanderung, die wir manchmal als Wissenschaftler:innen gehen müssen.
„Unsere Koleg:innen auf der anderen Seite des Ozeans erleben täglich Angriffe auf ihre Arbeit“
Sehen Sie da eine politische Offensive?
Ich glaube, auf der anderen Seite des Ozeans haben wir alle Kolleg:innen, die das täglich erleben. Dass Datenbanken plötzlich nicht mehr zugänglich sind. Dass Klimadaten einfach gelöscht oder offline genommen werden, weil man davon ausgeht, dass einfach die Bereitstellung dieser Daten schon eine politische Aussage ist. Diese Angriffe gibt es. Die sehen wir auch immer mehr hierzulande. Ich habe mir letztens das Wahlprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt angeschaut und unter dem Kapitel „Bildung und Forschung“ sind da so ein paar Sachen aufgelistet, die einen ein bisschen sprachlos machen.
Wie akut ist die Situation in Deutschland?
Ich glaube, in Deutschland sind wir noch sehr gut aufgestellt. Aber allein diese Bestrebungen – ich meine, solche Veränderungen kommen nicht alle auf einmal. Es ist wie ein Tropfen, der den Stein aushöhlt. Das betrifft viele Themen. Wenn genügend und kontrovers darüber geredet wird, dann werden die Leute anfangen zu hinterfragen, ob Klimaforschung wirklich so wichtig ist. Was mir Angst macht, ist eben dieser schleichende Stimmungsumbruch in der Gesellschaft. Der Unterschied zwischen dem, was Wissenschaft ist und was Meinung ist, der ist essenziell und der kann so eben unscharf gemacht werden.
Gab es ein Ereignis, das diesen antiwissenschaftlichen Prozess katalysiert hat?
Die Corona-Pandemie war ein Paradebeispiel dafür, wie sowas passieren kann. Dass man die Aussagen von Gesundheitswissenschaftler:innen in Frage stellt, dass man alternative Aussagen trifft, dass man das Konzept der Impfung in Frage stellt und so weiter. Wie gesagt, wenn sowas immer wiederholt wird, vor allem in den sozialen Medien, dann bleibt irgendwas haften. Dann verschiebt sich die Grenze. Begriffe, die ein absolutes No-Go waren, werden auf einmal salonfähig. Zum Beispiel war vor ein paar Jahren „Remigration“ nach der Recherche von Correctiv dieses Buh-Wort, und jetzt liest man Remigration so ziemlich überall. Diese langsame Verschiebung macht mir Angst.
Hätte man in dieser Situation etwas besser machen können?
Ich glaube, es ist schwierig zu verstehen, dass auch Wissenschaftler:innen keine absoluten Wahrheiten haben. Wir müssen vermitteln, dass wir mit dem jetzigen Stand der Forschung eine Aussage treffen, aber dass es vielleicht morgen schon Fakten gibt, die das Ganze in ein anderes Licht rücken. Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Das zu kommunizieren und zu sagen: „Wir wissen es nicht, aber mit dem jetzigen Stand der Forschung können wir das mit einer gewissen Sicherheit sagen.“ Ich meine, wenn man sich so umhört, sind es nur noch die Wissenschaftler:innen, die zugeben, dass ihre Aussagen nicht absolut sind. Jede:r Influencer:in dagegen behauptet, er/sie hätte die Wahrheit gepachtet.
Warum bietet die Wissenschaft so eine Angriffsfläche?
Wissenschaft hat den Anspruch, überparteilich und unabhängig von Glaube oder Meinung Fakten zu schaffen. Und manche dieser Fakten stören. Dann versucht man eben, die Wissenschaft zu diskreditieren und zu sagen: „Diese Fakten könnten genauso gut nicht stimmen.“ Die Klimaforschung ist das beste Beispiel. Da heißt es dann: „Klimaerwärmung gab es doch schon immer, das sind natürliche Zyklen.“ Wissenschaft liefert manchmal Tatsachen, die man nicht sehen möchte. Dann ist es einfacher, die Überbringer der Nachricht anzugreifen, als sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen.
Welche Verantwortung tragen Studierende, Wissenschaftler:innen und Lehrpersonen, um Wissenschaft und Demokratie zu stärken?
Ich denke, wir müssen immer wieder erklären, was Wissenschaft ist, welche Rolle Wissenschaftler:innen haben – und welche eben nicht. Die Schwierigkeit ist, diese Botschaft zu den Menschen zu bringen, die sie am meisten brauchen. Bei Tagen der offenen Tür oder Vorträgen erreicht man oft diejenigen, die Wissenschaft ohnehin wichtig finden. Die Frage ist also: Wie kommen wir in andere Gruppen? Studierende können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie können zum Beispiel an ihre ehemaligen Schulen zurückgehen und erzählen: „Ich war vor ein paar Jahren noch hier, jetzt studiere ich und erkläre euch mal, wie das ist.“ Die Begeisterung für Wissenschaft ist bei Kindern und Jugendlichen grund-*sätzlich da. Gleichzeitig müssen wir auch Menschen erreichen, die keinen Kontakt mehr zur Hochschule haben. Das ist eine große Herausforderung.
Was machen Sie konkret, um die Wissenschaft zu stärken?
Ich engagiere mich im Verein „Wissenschaft für Demokratie“. Er wurde vor einem Jahr auf Initiative von Kolleg:innen in Heidelberg gegründet. Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen. Eine beschäftigt sich mit der Frage, wie resilient Wissenschaft und Hochschulen sind. Eine andere überlegt, wie wir Menschen außerhalb der Wissenschaft besser erreichen können. Außerdem planen wir im August eine Roadshow durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wir wollen in Vereinsheimen, Gemeinderäumen oder Kneipen Diskussionsrunden anbieten, ein paar Impulse geben und dann miteinander ins Gespräch kommen. Themen sind zum Beispiel Medizinmythen, Europa, Klimawandel oder auch Künstliche Intelligenz. Wir sind gespannt, wie das angenommen wird.
Wie waren die bisherigen Veranstaltungen?
Sehr positiv. Wir waren zum Beispiel bei Tagen der offenen Tür in verschiedenen Orten dabei, unter anderem in Halle. Man hat gemerkt, dass echtes Interesse da ist. Deshalb sind wir auch optimistisch für die Roadshow – vorausgesetzt, wir finden vor Ort gute Partner:innen, die uns einführen. So vermeiden wir den Eindruck, dass wir irgendwelche Wessis sind, die kommen und Leute belehren wollen. Trotz allem gibt es aus meiner Sicht ein Grundvertrauen in die Wissenschaft. Darauf kann man aufbauen. Wenn wir erklären, was wir machen, was wir wissen oder nicht wissen und warum wir zu bestimmten Erkenntnissen kommen, lassen sich viele Missverständnisse ausräumen.
Wer kann bei dem Verein mitmachen?
Eigentlich alle. Wir möchten bewusst so vielfältig wie möglich sein. Wir freuen uns besonders, wenn Studierende sagen: „Vielleicht können wir etwas bewirken.“ Wir sind noch ein sehr junger Verein. Wenn jemand mit einer neuen Idee kommt, ist das großartig – genau das suchen wir. Auf der Website kann man sich anschauen, welche Arbeitsgruppen es gibt und woran sie arbeiten. Wir möchten inzwischen auch über die Heidelberger Blase hinauswachsen. Deshalb würden wir uns besonders freuen, wenn sich Menschen aus Sachsen-Anhalt oder anderen Regionen beteiligen.
Haben Sie zum Schluss noch eine Botschaft für die Leser:innen – besonders für Studierende?
Ich glaube, wir müssen uns bewusst machen, dass wir Teil der demokratischen Grundordnung sind und uns einbringen sollten – jede:r auf seine Weise. Gehen Sie an Ihre ehemaligen Schulen, sprechen Sie mit Ihren früheren Lehrkräften und bieten Sie an, eine halbe Stunde von Ihrem Studium oder Ihrer Forschung zu erzählen. Das ist wichtig. Und: Bleiben Sie zuversichtlich.
Das Gespräch führten Carmen Latus und Moritz Eigenbrod
...studiert Politikwissenschaft und Germanistik und ist seit Herbst 2025 beim ruprecht. Labert und schreibt gerne über politische und gesellschaftlich relevante Themen.





