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EUrenkel statt Europa

von Emilio Nolte und Till Gonser
9. Juni 2024
in Ausgabe, Weltweit
Lesedauer: 3 Minuten
0
Foto: Emilio Nolte

Foto: Emilio Nolte

Wir waren jung und brauchten die EU. Die FDPlerin Hannah und Emil von den Grünen kandidieren für das europäische Parlament. Beide schätzen die EU und haben mit ihr viel vor 

Es ist 18 Uhr am 8. Mai und Heidelberg verwandelt sich schlagartig in ein All-Inclusive-Hotel auf Mallorca. Wieso? An diesem Mittwoch ist Plakatierungsstart. Ähnlich wie die deutschen Urlauber:innen, die beim Strandurlaub mit Handtüchern um die besten Liegen kämpfen, stürzen sich die deutschen Parteien mit ihrer Wahlwerbung auf die größten und sichtbarsten Säulen im Stadtbild. 

Mitten in dieser ganzen Aufregung ist Hannah Blum-Oeste. Sie studiert Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der Universität Heidelberg und kandidiert für die FDP bei der Wahl zum Europäischen Parlament. Ich treffe sie bereits zwei Stunden vorher in Rohrbach und darf sie bei den Plakatierungsvorbereitungen begleiten. Fast 3.000 Plakate hat die FDP für Heidelberg bestellt und so muss vorab geklärt werden, welches Auto in welchen Stadtteil fährt. Außerdem wird allen im Schnelldurchlauf beigebracht, wo jeder Kabelbinder sitzen muss, damit das Plakat ordentlich an der Straßenlaterne hängt. 

In einem kurzen Moment der Verwirrung beim Beladen der Autos fällt mir ein Satz von Hannah besonders auf. Sie sagt so etwas wie „Autos are not my language“. Auch sonst bekomme ich den Eindruck, dass Hannah nicht den klassischen FDP-Klischees entspricht. Sie ernährt sich vegan und hat zu meiner Überraschung keinen Führerschein. Auf Nachfrage, wieso sie sich für ihre Belange nicht bei einer anderen Partei einsetze, antwortet sie, dass sie vor allem vom Sozial-Liberalismus überzeugt sei und sich für diesen politisch stark mache. Für Sozial-Liberalist:innen fange Freiheit erst dann an, wenn Chancengleichheit hergestellt sei. Besonders bedeutend seien dafür die Bildungs- und Sozialpolitik und so setzt sich Hannah auf EU-Ebene dafür ein, dass Bildungsfreizügigkeit eine europäische Grundfreiheit wird. 

Als Tochter eines polnischen Elternteils begleitet die Europäische Union Hannah schon ein Leben lang. Sie erzählt, dass sie sich daran erinnern könne, als es zwischen Polen und Deutschland noch Grenzkontrollen gab und wie diese irgendwann wegfielen, als Polen dem Schengen-Abkommen beitrat. Auch die Auswirkungen des Brexits habe sie gespürt. So wollte sie eigentlich nach der Schule in England studieren, jedoch wurde die bürokratische wie auch finanzielle Hürde durch den Austritt Großbritanniens aus der EU zu hoch. Umso wichtiger ist ihr heute der europäische Zusammenhalt. 

Foto: Till Gonser

Emil Schenkyr kommt aus dem Allgäu und lernte ebenfalls früh die Europäische Union wertzuschätzen. Als Kind sei er mit seiner Familie häufiger in Österreich wandern gewesen und habe die Grenze zwischen Deutschland und dem Nachbarland gar nicht bewusst wahrgenommen. Erst als sein Vater ihm von den langen Schlangen vor dem Übergang erzählt habe, sei ihm klar geworden, was eine Grenze eigentlich bedeute.  

Ich besuche Emil im Grünen Büro in einer alten Tabakfabrik in Bergheim. Auch hier wird der Wahlkampf sichtbar, überall stehen Kartons mit Flyern und Wahlplakaten und es liegt ein leichter Kleistergeruch in der Luft. Der 28-jährige machte seinen Master in Heidelberg und arbeitet jetzt als Büroleiter des Wahlkreisbüros der Grünen-Abgeordneten Franziska Brantner im Bundestag. Emil ist ebenfalls Mitglied der Grünen und kandidiert für das Europäische Parlament. Das Thema Freiheit ist auch ihm ein Anliegen, jedoch unterscheidet sich sein Blickwinkel von Hannahs. Er versteht Freiheit als Handlungsfreiheit und argumentiert, dass die Finanzierung präventiver Maßnahmen für den Umweltschutz viel freiere Ausgabenentscheidungen seien, als Kosten, die in Reaktion auf Extremwetterereignisse entstünden. Außerdem verlören alle, die von den Klimakatastrophen direkt betroffen sind, ein Stück ihrer Freiheit. 

Hannah und Emil sind beide jung und machen deutlich, wie wichtig die Europäische Union für unser zukünftiges Zusammenleben in Heidelberg und ganz Europa ist. Beide kämpfen für eine freiheitliche, demokratische und stärkere EU. Gleichzeitig sind sie sich der Herausforderungen und des Verbesserungsbedarfs der EU bewusst. So betont Emil die Wohnungsknappheit in verschiedenen Mitgliedsstaaten oder die Ausbeutung von Arbeitskräften innerhalb der EU. Obwohl sich beide aufgrund ihrer niedrigen Listenplätze keine großen Chancen ausmalen, in das EU-Parlament gewählt zu werden, fehlt es ihnen nicht an Ambition, die Zukunft Europas aktiv mitzugestalten. 

Von Emilio Nolte 

Emilio Nolte
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...studiert Volkswirtschaft und schreibt seit dem Sommer '23 für den ruprecht. Er ist ein Freund der pointierten Kolumne und leitete einst die Seiten 1-3.

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Fotograf |  + postsBio

...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.

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