Diesmal geht die Reise in die Vergangenheit: Außen knusprig, innen saftig – und mehr Geschichte, als auf den ersten Blick zu sehen ist
Du gehst aus dem Haus. Dir fällt auf, dass du etwas Wichtiges vergessen hast, also gehst du zurück. Wenn du nun wieder zu Hause bist, schaust du dann zwangsläufig in den Spiegel? Falls ja, kommst du wahrscheinlich aus einem osteuropäischen Land – oder der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), wo ein Aberglaube besagt, dass der kurze Spiegelblick nach dem Umkehren vor Unglück schützt. Aus dieser Sowjetunion kamen meine Eltern in den 1980ern nach Deutschland.
Unserem Familiennamen merkt man diese Migrationsbewegung nicht an. Denn obgleich mein Stammbaum Jahrhunderte in Osteuropa wurzelte, sind wir ursprünglich Deutsche. Quasi ein Migrationshintergrund „light“: Unsere Geschichte führt über Einladungen Katharinas der Großen ins Russische Reich im 18. Jahrhundert, über Privilegien und deren Entzug, Deportationen und Stigmatisierung in der Sowjetunion. Eine Bewegung, die oft als „Rückkehr“ bezeichnet wird – obwohl viele der sogenannten Russlanddeutschen seit Generationen nicht mehr in Deutschland gelebt hatten.
Ähnlich komplex verhält es sich mit der osteuropäischen Kultur. Unter der sowjetischen Vereinheitlichungspolitik wurde versucht, aus einzelnen osteuropäischen und asiatischen Kulturen eine „sowjetische“ Identität zu formen. Die Folgen zeigen sich heute noch auf dem Teller: Kaukasisches Schaschlik, ukrainischer Bortsch oder sibirische Pelmeni gelten oft pauschal als russisch. Aus dieser kulinarischen Patchworkfamilie haben meine Eltern einen Schatz an Gerichten nach Deutschland mitgebracht.
Ein Gericht, das dieses kulturelle Wirrwarr besonders gut repräsentiert, sind Tschebureki. Ein Tscheburek ist flach, halbmondförmig und hat charakteristische Gabelabdrücke am Rand. Beim Frittieren entsteht ein knuspriger, goldgelber Teigmantel, in dem sich eine saftige, aromatische Lammfüllung verbirgt. Ursprünglich stammen diese Teigtaschen von den Krimtataren – einer turksprachigen Ethnie von der Halbinsel Krim.Das Rezept für Tschebureki ist simpel, die Zubereitung idealerweise gesellig: Bevor wir gemeinsam essen, kommen wir zusammen und bereiten die Teigtaschen gemeinschaftlich zu. Und wenn sich ein paar Personen zusammensetzen, so sagt meine Mutter, dann geht es ganz schnell.
1. Schritt: Teig. Mehl, Wasser, weiche Butter und Salz in einer großen Schüssel vermengen und auf der Arbeitsfläche einige Minuten zu einem geschmeidigen Teig verkneten. Er darf weder klebrig noch bröckelig sein – elastisch ist richtig. Den Teig zu einer Kugel formen, mit der umgedrehten Schüssel abdecken und 20 bis 30 Minuten ruhen lassen.
2. Schritt: Füllung. In der Zwischenzeit das Hackfleisch mit fein gewürfelten Zwiebeln, Salz, Pfeffer und etwas Öl gründlich vermischen. Die Masse sollte saftig, aber nicht flüssig sein. Wer auf Fleisch verzichtet, kann alternativ Kartoffelbrei, Zwiebeln und/oder Pilze nehmen.
3. Schritt: Ausrollen und Ausstechen. Einen Teil des Teigs etwa 3 Millimeter dünn ausrollen und mit einer Schale runde Teigplatten (ca. 13–15 cm Durchmesser) ausstechen. Die Teigreste immer wieder zusammenkneten und erneut ausrollen, bis alles verarbeitet ist.
4. Schritt: Füllen und Formen. Jeweils einen gehäuften Esslöffel Füllung auf eine Hälfte der Teigplatte geben und auf dieser Hälfte verstreichen, den Rand frei lassen. Die andere Hälfte darüber klappen und möglichst wenig Luft einschließen. Die Ränder erst mit den Fingern, dann mit einer Gabel fest andrücken. Wichtig ist, zügig zu arbeiten, damit der Teig nicht austrocknet. Die fertig geklebten Tschebureki auf eine bemehlte Fläche legen und mit einem Küchentuch abdecken.
5. Schritt: Frittieren. Einen großen Topf mit Küchenpapier auslegen; dort können die Tschebureki später abtropfen und warm bleiben. Sonnenblumenöl in einer tiefen Pfanne erhitzen, sodass der Boden etwa zwei Zentimeter bedeckt ist. Zur Temperaturprobe einen Holzlöffel ins Öl halten: Bilden sich Bläschen, ist das Öl heiß genug. Die Tschebureki portionsweise frittieren; zuerst auf der einen, dann auf der anderen Seite, bis sie goldbraun sind. Das Rezept ergibt etwa 18 handgroße Teigtaschen.
6. Schritt: Servieren. Pur – ohne Beilagen oder Dips. Tschebureki sind Fingerfood im besten Sinne: Traditionell isst man sie mit den Händen, von einer Spitze zur anderen, und versucht, den Saft im Tscheburek bis zum letzten Bissen zu bewahren.
Tipp: Zum Kochen hören wir Lieblingslieder aus einem vergangenen Leben. Wer möchte, hört hier rein.
Zutaten:
Für den Teig:
– 500 g Mehl
– 1 TL Salz
– 250 ml Wasser, fast kochend
– 50 g weiche Butter
Für die Füllung:
-400 g Hackfleisch (ursprünglich Lamm)
– 2 große Zwiebeln, fein gehackt
– 2 TL Salz
– 1 TL Pfeffer
– 1,5 EL Sonnenblumenöl
Zum Ausbacken:
– Ausreichend Sonnenblumenöl
Von Daniela Rohleder
Bildunterschrift: Tschebureki: Tsch-e-bereits weg.
...studiert Editionswissenschaft & Textkritik im Master und ist im Herbst 2021 beim ruprecht eingestiegen. Zwischen Oktober 2022 und November 2023 leitete sie das Ressort „Studentisches Leben“. Auch thematisch widmet sie ihr Zeichenlimit gerne dem studentischen Blick auf die Umwelt – wobei sie einiges über Radiosender, Feierkultur und Elternschaft gelernt hat.
...studiert Kunstgeschichte und Politikwissenschaft, seit 2021 schreibt sie über Kurioses aus Politik, Kultur und dem studentischen Leben
...studiert Biowissenschaften und schreibt … nichts. Er layoutet und illustriert seit 2023 für den ruprecht.







