In einer europäischen Studie berichtet jede dritte Person von sexueller Belästigung im Hochschulkontext. Auch in Heidelberg übertreten Dozierende immer wieder Grenzen. Wie begegnen Universität und Studierende dem Problem?
In Strümpfen würdest du sehr heiß aussehen.“ Marlene* ist im zweiten Semester, als ihr Dozent ihr gegenüber diese Bemerkung macht. Der Spruch ist nur einer von vielen Tiefpunkten in einer Spirale von Grenzüberschreitungen, sexualisierten Kommentaren und psychischem Druck, denen sich die damals Neunzehnjährige täglich ausgesetzt sieht. Es beginnt mit Aufmerksamkeit, die zunächst noch harmlos wirkt, Gespräche nach dem Seminar und Einladungen ins Büro, die man nicht ablehnen will; schließlich sitzt einem nicht irgendein Mann gegenüber, sondern die Person, die später die eigenen Leistungen bewertet. Ein Machtverhältnis, aus dem es für Studierende wie Marlene kaum ein Entkommen gibt. Marlene hat in ihrem Studium sexuelle Belästigung erlebt. Was sie damals noch nicht wusste: Andere Studentinnen aus ihrem Jahrgang machten ähnliche Erfahrungen. Das Problem betrifft nicht nur ihr Institut und nicht nur die Universität Heidelberg.
Zahlen und Fakten
Es gibt wenig aktuelle Zahlen darüber, wie viele Menschen im Laufe ihres Studiums Opfer sexualisierter Gewalt werden. Das EU-Projekt Unisafe befragte im Jahr 2022 rund 42.000 Menschen an 46 europäischen Hochschulen zu geschlechtsbezogener Gewalt. Die Umfrage unterschied dabei zwischen psychischer, sexueller, körperlicher und wirtschaftlicher Gewalt, sowie Gewalt im digitalen Raum. Jede dritte Person berichtete von sexueller Belästigung im Hochschulkontext. Besonders betroffen waren Frauen (66 Prozent) und nicht-binäre Personen (74 Prozent). Diese Zahlen decken sich mit den Ergebnissen der bekannten amerikanischen Campus Sexual Assault Study aus dem Jahr 2007. Die Umfrage ergab, dass eine von fünf Studentinnen im Laufe ihres Studiums sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt habe. Aufgrund ihrer geringen Rücklaufquote gilt die Umfrage als umstritten.
An der Universität Freiburg erregte im Frühjahr ein Fall bundesweite Aufmerksamkeit. Ein Mit-*arbeiter der Universität hatte über 15 Jahre lang heimlich Studentinnen und Kolleginnen in öffentlichen und privaten Toiletten gefilmt. Der SWR berichtet, der Mann habe seine mit Kameras bestückten Immobilien gezielt an junge Studentinnen vermietet. Insgesamt waren 800 Frauen betroffen. Vom Amtsgericht Freiburg erhielt der Täter eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten, von der Universität Freiburg eine Kündigung mit Ausgleichszahlungen.
Problematische Strukturen
Die Sozialwissenschaftlerin Cornelia Schweppe beschreibt Machtmissbrauch an Hochschulen in der Einleitung zu ihrem Buch „Macht-*missbrauch an Hochschulen – Analysen und Perspektiven“ als „drängendes“ und „strukturell veran-*kertes, systemimmanentes Problem“. Zentral seien dabei
hierarchische Strukturen. Einzelne Personen hätten oft sehr viel Macht über die Karriere ihrer Mitarbeitenden, können fördern, wichtige Aufgaben übertragen, Verträge verlängern – oder eben nicht. Bei Promovierenden sind Betreuer:in und Vorgesetzte:r oft dieselbe Person. Studierende befinden sich ebenfalls in einem steilen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Hochschulpersonal. Vor allem unerfahrene Studierende sind sich über Umgangsweisen innerhalb der Universität häufig nicht im Klaren und können das Verhalten ihres Gegenübers möglicherweise nicht als missbräuchlich erkennen. Auch Marlene berichtet von ihrer anfänglichen Unsicherheit. „Ich wusste gar nicht: Wie ist man so zu Dozierenden?“, erinnert sie sich. „Ist das eher familiär hier, oder eher distanziert?“ 30 Prozent der Betroffenen in der Unisafe Studie gaben an, dass sie das Erlebte erst später als Gewalt hätten einordnen können. Nur 13 Prozent gaben an, den Vorfall gemeldet zu haben.
Niemand wird dir glauben
Anfangs habe Marlene noch versucht, das Verhalten ihres Dozenten schönzureden, sagt sie. Aber dann wurden die Fragen immer persönlicher und der Kontakt immer häufiger. Der Dozent habe gezielt ihre Pausenzeiten herausgefunden, habe sie auf dem Campus abgefangen und regelmäßig, auch am späten Abend, in sein Büro eingeladen. Dort habe er bewusst körperliche Nähe gesucht und Gespräche in eine sexuelle Richtung gelenkt. „Er saß wirklich direkt neben mir. Sehr nah“, erinnert sich die Studentin. „Die Tür war nicht abgeschlossen, aber ich hatte das Gefühl: Wenn ich jetzt einfach aufstehe und gehe – was macht er dann?“ Immer wieder habe sie sich auch gefragt, ob sie vielleicht überreagiere. „Er hat mich total gegaslightet“, sagt sie heute. Schließlich schenkte der Dozent Marlene sein selbstgeschriebenes Buch, in dem es um die sexuelle Beziehung zwischen einem Lehrer und seiner deutlich jüngeren Studentin geht. „Er meinte: ,I think you will like this.‘ Danach wollte er mit mir über die expliziten Szenen sprechen.“ Als sie ihm sagte, die Szenen seien „ekelhaft“, habe der Dozent verletzt reagiert. Gleichzeitig sei er ihr körperlich immer näher gekommen. „Da hatte ich plötzlich Angst vor ihm“, sagt Marlene.
Durch Gespräche mit ihren Kommiliton:innen merkt sie mit der Zeit, dass sie nicht die Einzige ist. „Das Muster war relativ gleich. Bei ihr sogar schon ein bisschen fortgeschrittener.“ Insgesamt seien Marlene acht weitere betroffene Studentinnen persönlich bekannt, bei einer von ihnen sei es nicht bei verbaler Belästigung geblieben. Besonders erschütternd sei für sie gewesen, wie bewusst der Dozent offenbar vorging. Er habe ihr stolz erzählt, dass es auch schon früher Beschwerden gegen ihn gegeben habe. Ohne Konsequenzen. Außerdem habe er ihr erklärt, warum er gezielt bestimmte Studentinnen auswähle. „Er hat gesagt: ,Ich such mir nur Menschen wie dich aus. Alternativ aussehende Leute. Weil euch niemand vor Gericht glauben würde.‘“ Eine andere Studentin konfrontierte den Dozenten schließlich mit seinem Verhalten. Kurz darauf kommt es auch zwischen ihm und Marlene zur Konfrontation. Danach wendet Marlene sich an Unify.
Hilfe suchen
Unify ist die zentrale Einrichtung für Vereinbarkeit, Vielfalt, Gleichstellung und Antidiskriminierung an der Uni Heidelberg. Im Fall eines Konfliktes ist Unify die erste Anlaufstelle für Angehörige der Universität. Seit 2023 arbeitet die Uni Heidelberg, und damit auch Unify mit dem selbstentwickelten Guide-System. Ziel ist es, Betroffenen möglichst niedrigschwellige Anlaufstellen zu bieten. Janine
Schiebel, die bei Unify für die Koordination zuständig ist, erklärt dem ruprecht gegenüber: „Unter sexueller Belästigung auf dem Campus versteht man dasselbe wie im öffentlichen Raum. Das können anzügliche Kommentare, Witze oder Gesten sein, bis hin zu ungewollten Berührungen.“ Betroffene könnten sich auch dann an die Beratungsstelle wenden, wenn sie den Vorfall nicht offiziell melden möchten, oder erstmal nur ein unverbindliches Gespräch brauchen. „Was wir in der Beratung auf jeden Fall besprechen können, ist, wie man den Vorfall für sich bewertet, wie man damit umgeht oder wie man Grenzen setzen kann“, sagt Schiebel.
Ein wichtiges Puzzleteil des Hilfsangebots sind die Vertrauenslots:innen. Diese erhalten von Unify eine Awarenessschulung und sind direkt an den Fakultäten als Ansprechpartner:innen anzutreffen. Dozierende mit Interesse können sich für die Position mit einem kurzen Motivationsschreiben bewerben. Nach einem persönlichen Gespräch, bei dem die Eignung für den Posten geprüft wird, kann man dann für das Amt ausgewählt werden. Unify kann auch dabei unterstützen, den offiziellen Beschwerdeweg zu beschreiten. Sind Täter und Opfer aus der Studierendenschaft, kann ein Ausschluss von Veranstaltungen, die Androhung von oder im Extremfall sogar die Exmatrikulation drohen. Konsequenzen seien dabei abhängig von der Schwere des Vorfalls. Für Mitarbeitende sei ein ermahnendes Gespräch ein erster Schritt, es könnten Abmahnungen und in späteren Schritten eine Kündigung folgen. „Wenn jemand ein außerordentlicher Professor ist, kann er einen Widerruf von dieser Tätigkeit bekommen“ erklärt Schie-bel weiter. Die Koordinatorin wünscht sich vor allem, dass mehr Bewusstsein geschaffen wird, „Was ist in Ordnung, was nicht, was ist eine Grenzverletzung? Das wissen ja viele auch nicht,“ erklärt sie.
Awareness-Arbeit
Seit 2023 gibt es an der Fachschaft Geschichte ein Awareness-Team. Entwickelt hatte sich die Initiative aus einem Arbeitskreis zu Antidiskriminierung. „Wir haben gemerkt, da gibt es einen Bedarf, das ist notwendig“, erzählt Melina vom Awareness Team. Zu ihren Hauptaufgaben zählt die Begleitung von Veranstaltungen wie Sommerfesten oder Fachschaftspartys. Dort stehen die Mitglieder als Ansprechpartner:innen für Betroffene oder Personen in Konfliktfällen zur Verfügung. Alle Teammitglieder haben Schulungen beim Frauennotruf besucht, Selma ist zusätzlich als Vertrauenslotsin tätig. Die Idee des Awareness Teams sei es, eine direkte Anlaufstelle anzubieten, die Betroffene an die richtigen Stellen weiterleiten kann. Ein Problem sehen sie vor allem in der Sichtbarkeit beziehungsweise der Unsichtbarkeit der Angebote. „Man muss stark in die Prävention gehen. Bevor etwas passiert, muss eigentlich schon klar sein, wo ich mich überhaupt hinwenden kann“, sagt Hanna. Aktuell sei das an vielen Instituten nicht ausreichend gegeben. „Das wäre schon ein Fortschritt, wenn man es irgendwie schaffen könnte, dass Dozierende, gerade bei uns in Einführungsveranstaltungen, einfach mal sagen würden, ‚Hey, es gibt übrigens auch ein Awareness-Team‘“, fügt Melina hinzu. Kritisch sieht das Team ebenfalls die Kürzungen im sozialen Bereich. „Es gibt sehr viele wichtige Institutionen in Heidelberg, wie zum Beispiel den Frauennotruf, die Beratungsangebote haben, die Aufklärungsarbeit machen, denen halt allen das Geld gekürzt wird.“ Sie selbst machen die Awareness Arbeit und die Weiterbildungen ehrenamtlich. Auch Vertrauenslots:innen erhalten keine Vergütung.
„Eigentlich sollte es gar nicht passieren“
Anders als im Historischen Seminar, gibt es in Marlenes Institut kein Awareness-Team und keine Vertrauenslots:in. Unterstützung suchte sie sich selbst, erst bei anderen Studentinnen, später bei Unify und dem Frauennotruf. Von den Mitarbeiter:innen dort habe sie sich ernst genommen gefühlt. „Die haben alles getan, was sie konnten“, sagt sie. Die Universität erstattete auf Marlenes Wunsch keine Anzeige. Eine Aussage vor Gericht habe sie sich damals nicht zugetraut. Der Dozent erhielt interne Auflagen, unterrichtet jedoch bis heute am Institut.
Heute kann Marlene über das Erlebte sprechen. Aber einfach sei das nicht gewesen. „Es ist wirklich schwer, darüber zu reden“, sagt sie. „Vor allem in einem System, in dem man nicht unterstützt wird.“ Trotzdem hofft sie, dass sich langfristig etwas verändern wird. Nicht erst im Umgang mit Betroffenen, sondern schon im Vorfeld. „Eigentlich sollte man nicht sagen: Lasst uns darüber reden“, sagt sie uns. „Eigentlich sollte es gar nicht passieren.“
*Namen von der Redaktion geändert
geschrieben von Faustyna Gonka, Laetitia Klein und Mara Renner
...studiert derzeit Jura und fand im Frühjahr 2025 zum ruprecht. Leitet heute die Seiten 1–3 und begeistert sich für alle Geschichten, die mit „Eigentlich wollte ich nur kurz nachschauen…“ beginnen und dann in einem investigativen Kaninchenloch enden.
...ist schon immer gerne der Frage Warum nachgegangen. Diese Leidenschaft prägt nicht nur ihr Studium der Geschichte und Politikwissenschaften sondern seit 2025 auch ihre Mitarbeit beim ruprecht. Besonders gerne verliert sie sich in Recherchen oder Aktuellem aus Kultur und Politik.
...studiert Kunstgeschichte und Politikwissenschaft, seit 2021 schreibt sie über Kurioses aus Politik, Kultur und dem studentischen Leben
...studiert Biowissenschaften, schreibt seit WS 2023 für den Ruprecht und nutzt Interviews als Grund um mit interessanten Leuten zu reden








