Ritalin hilft Menschen mit ADHS im Alltag. Die aufmerksamkeitssteigernde Wirkung ist unter Studierenden beliebt und der Missbrauch ist verbreitet. Ein Konsument erzählt
Eigentlich wird Ritalin ausschließlich als Medikament bei ADHS verschrieben. Warum also bietet der nette Jura-Student in der UB dir schon zum dritten Mal seine Tabletten an?
Im medizinischen Kontext auch als Methylphenidat bekannt, gehört Ritalin zur Gruppe der Stimulanzien und wird als Betäubungsmittel eingestuft. Durch die Hemmung der Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin, beide wichtig für die Informationsübertragung, wird die Konzentration dieser Botenstoffe im zentralen Nervensystem erhöht. Ärzt:innen verschreiben Ritalin primär zur Behandlung von ADHS. Durch die Erhöhung der sonst mangelhaften Konzentration von Dopamin hilft Ritalin Betroffenen, sich besser und länger zu konzentrieren.
Doch auch bei Menschen ohne Dopamindefizit kann Ritalin die Konzentrationsfähigkeit steigern. Wegen seiner stimulierenden Wirkung wird Ritalin häufig als Lerndroge missbraucht. Einer Studie der Mainzer Universität zufolge betrieben 20 Prozent der befragten Studierenden in den letzten zwölf Monaten „Hirndoping“. So wird das Einnehmen von Substanzen zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit genannt.
Ein Ritalin-Konsument erzählt dem ruprecht, er habe zwei Wochen vor seinem Abitur regelmäßig Ritalin genommen. „Ich konnte mich von alleine nicht aufraffen, um zu lernen“. Besorgt habe er sich das Medikament über einen Freund mit ADHS-Diagnose. Über die Wirkung erzählt er: „Ich hatte plötzlich Lust auf Lernen. Irgendwann war ich fertig und es war plötzlich vier Stunden später. Nicht ganz wie eine Trance, aber Voll-Fokus“. Ohne den gesellschaftlichen Druck, gute Noten und Leistungen zu erbringen, hätte er nie Ritalin genommen. Über mögliche Nebenwirkungen habe er sich nicht wirklich informiert. „Während der gesamten zwei Wochen hing so ein gleichgültiger, grauer Schleier über mir.“ Seitdem habe er nie wieder Ritalin konsumiert.
„Während der gesamten zwei Wochen lag ein grauer Schleier über mir“
Auf die leichte Schulter sollte man den Konsum nicht nehmen. Stefan Heizmann, Leiter der Suchtberatungsstelle Heidelberg, hat uns hierzu einige Fragen beantwortet.
Welche Nebenwirkungen und Risiken bringt die missbräuchliche Nutzung von Methylphenidat mit sich?
Methylphenidat kann z.B. Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Herzrhythmusstörungen verursachen. Außerdem kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen, also z.B. deren Wirkung verstärken oder abschwächen. Auch psychische Probleme wie Angstzustände oder Halluzinationen können hervorgerufen werden. Die vermeintlich höhere Leistungsfähigkeit belastet und überfordert Körper und Psyche, da die notwendigen Erholungsphasen künstlich verkürzt werden, was irgendwann zu extremen Erschöpfungserscheinungen führt. Langfristig kann sich eine psychische Abhängigkeit entwickeln.
Haben Sie in Ihrer Beratungsstelle Erfahrungen mit der missbräuchlichen Nutzung von Ritalin gemacht?
Uns suchen immer wieder Menschen auf, die Ritalin nicht bestimmungsgemäß (also aufgrund einer ärztlich begleiteten Behandlung von ADHS oder Narkolepsie) einnehmen. Meist wird mit dem Konsum eine Leistungssteigerung in Beruf, Studium oder Schule beabsichtigt, manchmal auch eine euphorisierende Wirkung. Das Ausmaß lässt sich nur schwer beziffern, Studien kommen hier zu sehr unterschiedlichen Häufigkeitsangaben. Ich würde davon ausgehen, dass unter Studierenden ca. 3-5 % Ritalin oder vergleichbare Substanzen missbräuchlich einsetzen.
Kommt es in Ihrer Beratungspraxis vor, dass Betroffene durch den Missbrauch von Ritalin eine Abhängigkeit entwickeln oder in andere Konsummuster geraten?
Beides kommt vor. Insbesondere die Kombination mit Cannabis wird häufig berichtet – nicht die gleichzeitige Einnahme, sondern im Wechsel: Ritalin, um sich aufzuputschen, Cannabis um wieder runter zu kommen und schlafen zu können.
In der Öffentlichkeit wird Ritalin oft weniger kritisch wahrgenommen als klassische Drogen. Was glauben Sie, welche Ursache dahintersteckt und inwiefern trägt diese gesellschaftliche Wahrnehmung Ihrer Meinung nach zur Normalisierung oder Verharmlosung des Konsums bei?
Leistung wird in unserer Gesellschaft ein hoher Wert beigemessen. Hohe Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit sind äußerst erwünscht. Selbstoptimierung ist „in“. Entsprechend verbreitet ist die Angst, zu versagen oder zumindest nicht im vorderen Feld mithalten zu können. Dem Medikament fehlt auch das „schmuddelige“ Image der „Droge von der Straße“. Was auch per Rezept verschrieben werden kann, steht grundsätzlich akzeptierter da als Substanzen, die eigentlich nur über den Schwarzmarkt bezogen werden können. Hinzu kommt: Hirndoping wird in der Regel auch nicht als Betrug wahrgenommen, wie es bei körperlichem Doping im Sport der Fall ist.
Welche Präventionsmaßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um über den Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Ritalin aufzuklären?
Wir brauchen – wie eigentlich immer – eine gute Kombination von Verhältnis- und Verhaltensprävention. Auf Seiten der Verhältnisprävention bietet sowohl die Verschreibungspraxis als auch die Ausgabe in Apotheken Ansatzpunkte, um reglementierend und kontrollierend zu wirken. Auf Ebene der Verhaltensprävention sind beispielsweise die Vermittlung von Informationen und die Förderung alternativer Verhaltensweisen wirkungsvoll – insbesondere dort, wo es kontinuierlich um das Erbringen und Bewerten geistiger Leistungsfähigkeit geht, also in Schule und Studium.
Welche ersten Schritte würden Sie jemandem empfehlen, der merkt, dass der Konsum außer Kontrolle gerät?
Melde dich bei einer der hiesigen Suchtberatungsstellen. Du kannst hier über deinen Konsum sprechen und dir eine professionelle Einschätzung einholen. Und wenn du etwas verändern möchtest, bekommst du von uns dabei Unterstützung. Egal, ob eine Abhängigkeit vorliegt oder nicht. Und: Die Beratung ist kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht.
Von Karla Walder und Philipp Mummenhoff
Suchtberatung Heidelberg AGJ
Bergheimer Straße 127/1
69115 Heidelberg
Telefon 06221 29051
www.suchtberatung-heidelberg.de
Fachstelle Sucht BW LV
Unterer Fauler Pelz 1
69117 Heidelberg
Telefon 06221 23432
Suchtberatungsstelle der evangelischen Stadtmission Blaues Kreuz Heidelberg
Plöck 16–18, 69117 Heidelberg
Telefon 06221 149820
www.heidelberger-suchtberatung.de
...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.








