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Gegen das Vergessen

von Anne Steiner und Till Gonser
30. Juni 2023
in Ausgabe, Heidelberg, Heidelberger Historie, Startseite
Lesedauer: 2 Minuten
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Gegen das Vergessen

„Undeutsche“ Bücher auf der Gedenkplatte am Uniplatz. Foto: Till Gonser

Im Mai jährte sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung in Heidelberg zum 90. Mal. Ein Rückblick auf die nationalsozialistische Geschichte der Heidelberger Studierendenschaft

Der 20. Mai ist ein schöner Tag. Der Himmel ist freundlich, und doch hat das Germanistische Seminar mit der Bürgerstiftung an diesem Tag aus einem traurigen Anlass zu einer Marathonlesung auf dem Universitätsplatz eingeladen: An genau diesem Ort, an dem heute viele auf Vorlesungen warten oder sie ausklingen lassen, fand vor 90 Jahren, am 17. Mai 1933, die größte der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Heidelberg statt. Insgesamt gab es 1933 ganze drei solcher propagandistischen Aktionen, die ihren Höhepunkt in der Verbrennung von „undeutschen“ Autor:innen wie Heinrich Heine, Hannah Arendt oder Stefan Zweig fanden. Planung und Durchführung des Hauptereignisses lagen dabei fest in studentischer Hand; Widerstand von Seiten der Professor:innen gab es nahezu keinen. Wie passt ein solches Verbrechen am freien Denken in den Mikrokosmos Universität?

Tatsache ist, dass Hochschulen genauso gleichgeschaltet wurden wie andere Institutionen, und insbesondere die Studierendenschaft gilt bis heute als maßgeblicher Motor dieser Entwicklung. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler Ende Januar 1933 folgte innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl an repressiven Maßnahmen, die hauptsächlich auf jüdische und politisch linksgerichtete Personen abzielten und die Freiheit der Bevölkerung einschränkten. Die Deutsche Studentenschaft (DSt), die spätestens seit 1931 vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) dominiert wurde, folgte dem neuen politischen Kurs schnell. In Zusammenarbeit mit dem Propagandaministerium von Joseph Goebbels entstanden die Pläne für die im April und Mai reichsweit durchgeführte „Aktion wider den undeutschen Geist“, die sich hauptsächlich gegen „jüdischen Intellektualismus“ richtete. In zwölf als „Thesen“ betitelten Parolen, die vor allem an Universitäten verbreitet wurden, forderte man unter anderem, den „undeutschen Geist“ aus Büchereien zu verbannen. Der Hauptverantwortliche für die praktische Umsetzung dieser Worte war in Heidelberg Gustav Adolf Scheel, der später unter anderem Karriere in der Schutzstaffel (SS) machte und Reichsdozentenführer wurde. Er bildete in Vorbereitung der Bücherverbrennung „Kampfausschüsse“, die beispielsweise verbotenes, für die Zerstörung bestimmtes Schriftgut aus Büchereien und Buchhandlungen beschlagnahmten.

Die wohl hauptsächlich geschäftlich motivierten Beschwerden der Heidelberger Buchhändler:innen blieben wirkungslos, und am 17. Mai fand schließlich der Höhepunkt der Aktion in Heidelberg statt. Nach einem propagandistischen Vortrag in Hörsaal 13 der Neuen Universität näherte sich von der Stadthalle her ein Fackelzug, gebildet aus Studierenden des DSt und NSDStB, aber auch Parteimitgliedern der NSDAP und Ortsgruppen der SS und Sturmabteilung (SA). Unter einer Kampfrede von Scheel, Skandierungen von Burschenschaftlern und nationalistischen Liedern wurden die Bücher auf einem Scheiterhaufen schließlich „feierlich“ angezündet. Das Heidelberger Tageblatt schrieb dazu: „Die dunkel aufglühenden Hauptgebäude der Universität waren ungemein eindrucksvoll.“

90 Jahre später liegen ebenjene Gebäude in unschuldigem Sonnenschein, und wenig lässt noch an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit denken, die damals begangen wurden. Genau deshalb werden hier am 20. Mai über mehrere Stunden hinweg Ausschnitte aus damals verbrannten Büchern vorgelesen – leider vor sehr wenig Publikum.

Von Anne Steiner

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...studiert Physik im Master und fotografiert seit Herbst 2019 für den ruprecht. Von Ausgabe 200 bis Ausgabe 208 leitete er das Online-Ressort, von Ausgabe 205 bis 210 die Bildredaktion.

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