Nerd-Corner: Unsere Rubrik zu nischigen Themen aus der Wissenschaft. Das Enigma des tödlichen Komodo-Waran-Bisses
Das Tierreich unterhält die Menschheit seit langem. Fast jede:r hat im Biologie-Unterricht David Attenborough-Filme gesehen oder prokrastiniert mittlerweile mit Videos über die gefährlichsten Raubtiere der Welt.
Wem es ähnlich geht, ist bestimmt schon im Internet über die größte Land-Eidechse unseres Planeten gestolpert – den Komodo-Waran. Gräbt man etwas tiefer als gruselig-faszinierende Videos, in denen diese bis zu drei Meter lange Riesenechse eine ganze Ziege auf einmal runterschluckt, findet man einen bis heute andauernden Streit innerhalb der Wissenschaft.
Nachdem in den 1980er Jahren zum ersten Mal die These aufkam, der Komodo-Waran würde absichtlich Beutestücke in seinem Maul verfaulen lassen, hält sich bis heute die Vorstellung, dass seine Bisse eine bakterielle Infektion nach sich ziehen. Nur so könne er größere Beutetiere überhaupt erfolgreich jagen. Der australische Toxikologe Bryan Fry wollte diese Hypothese testen. Denn das außerordentlich starke Immunsystem des Warans spricht eigentlich dagegen, dass er seine Beute mit Bakterien aus seinem Maul infiziert. Bei seinen Untersuchungen auf den vier Inseln in Südostasien, auf denen der Komodo-Waran heute noch in freier Wildbahn lebt, fiel Fry eine verblüffend leichte Erklärung der Bakterien-These auf. Die Wasserbüffel, die oft nach einem Komodo-Waran-Biss innerhalb von wenigen Tagen sterben, wurden erst vor 200 Jahren auf die Inseln übervölkert und flüchten bei einem Angriff immer in das nächste Gewässer. Doch auf eben jenen Inseln gibt es nur stehende Tümpel, die einer Kloake gleichkommen. Bakterien können hier in eine tiefere Wunde eindringen und so leicht zu einer tödlichen Infektion führen.
Die Riesenechsen können eine ganze Ziege auf einmal herunterschlucken
Es gibt aber noch eine weitere Erklärung, wie sich Bisse des Komodo-Warans auf seine Beute auswirken können. 2009 veröffentlichte ein Forschungsteam um Bryan Fry Ergebnisse, die darauf hinweisen, dass sich im Unterkiefer der Echse Giftdrüsen befinden. Eigentlich fehlen dem Tier dafür die typischen Rillen in seinen Zähnen, die für giftige Reptilien üblich sind. Sie sind jedoch extrem scharf, gezackt und mit einer Eisenschicht verstärkt. Durch Ziehen und Schütteln seines Kopfes während eines kräftigen Bisses könnten so die Giftproteine ins Blut seines Opfers gelangen. Die Proteine hindern dann wiederum die Blutgerinnung, induzieren einen Schockstatus und senken den Blutdruck der Waran-Beute.
Trotzdem hält sich die Hypothese der bakteriellen Infektion bis heute. Fry erzählt in einem Interview, dass andere Forschende seine Ergebnisse anzweifelten und sogar mehrere Zoos ihm und seinem Team die Forschungsarbeit an ihren Komodo-Waranen verwehrten. Bryan Fry selbst vermutet, dass es sich dabei um Neid gegenüber seinen Erkenntnissen über das riesige Reptil handelt.
So werden Beweise gegen den giftigen Biss des Komodo-Warans bis heute gesammelt, lassen sich jedoch meist anders erklären. Bei Bisswunden von Zooarbeiter:innen handle es sich beispielsweise nicht um einen ernsten Versuch von den Waranen, einen Menschen zu töten, sondern um eine einfache Abwehrreaktion. Nur bei einem festen Biss könne das Gift freigesetzt werden, vermutet Fry.
Deswegen speicheln die Warane also? Nein, die typisch riesigen Spuckefäden kommen aus unterschiedlichen Speicheldrüsen, die getrennt von den Giftdrüsen im Unterkiefer gelagert sind. Wenn man 80 Prozent seines eigenen Körpergewichts fressen w, braucht man einfach extrem viel Speichel, um beispielsweise eine ganze Ziege runterschlucken zu können.
Die Debatte über den Speichel der – eigentlich niedlichen – Reptilien dauert allerdings immer noch an. Obwohl die Bakterien-These quasi als verworfen gilt, ist man sich noch nicht zu 100 Prozent über die Wirkung des Gifts einig.
Von Justus Brauer
…hielt schon immer gerne eine Zeitung in der Hand. Seit Frühling 2023 kann er seine Begeisterung für den Journalismus beim ruprecht ausleben.
...studiert Biowissenschaften und schreibt … nichts. Er layoutet und illustriert seit 2023 für den ruprecht.
...schreibt wonach ihr grade der Sinn steht und leitet seit dem Sommersemester 2025 die Bildredaktion als 50% einer Doppelspitze










