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Trippy Theater  

von Solveig Harder, Philipp Mummenhoff, Emilio Nolte, Louisa Büttner, Justus Brauer und Robert Trenkmann
7. Januar 2026
in Ausgabe, Feuilleton, Film & Theater, Startseite
Lesedauer: 4 Minuten
0
Trippy Theater  

Graphik: Philipp Mummenhoff

Alles nur eine Frage der Perzeption? Wie sich der Konsum von Drogen auf einen Theaterbesuch auswirkt – ein Selbstversuch 

Der Plan 

Zwei von uns bleiben nüchtern, zwei sind alkoholisiert und zwei geben sich dem grünen Teufel (Cannabis) hin, dann geht es zu „König Lear – der letzte Gang“ ins Theater. Inhalt des Stücks ist, wie der demente Lear, seinen drei Töchtern sein Imperium (ein Restaurant) vermachen will und diese auffordert, ihm ihre Liebe zu bekunden. Die Erwartungen an das Drama sind hoch: große Gefühle und ein Ausbruch aus dem Studi-Alltag. Die gemütliche Runde der Redakteur:innen vor dem Stück führt zwar dazu, dass nur noch eine der Testpersonen halbwegs nüchtern ist. Aber egal, zumindest die Outfits stimmen, also ab ins Theater… 

Vorspiel 

Der Weg von meiner Wohnung ins Theater ist fast die größte Herausforderung des Abends – schließlich haben wir uns vor der Vorstellung in meiner WG-Küche gut mit Bierchen, Glühwein und Marihuana versorgt. Nüchtern wie ich bin, wäre ich lieber mit 23 Schulkindern ins Theater gegangen, als mit den Fünf. Der Anspruch, das – nach der Vorlage von Shakespeare modern interpretierte – Stück intellektuell würdigen zu wollen, sinkt rapide, selbst bei journalistischer Pflicht. 

Druck 

Alkoholisiert im Theater hat man es nicht leicht: Nach dem etwas überrumpelnden Beginn des Stückes bleibt das unangenehme Saallicht minutenlang an. Als es endlich dunkel wird, kann ich mich in der letzten Reihe ungestört dem mitgeführten Flach-mann widmen. Der Alkohol macht sich zunächst durch wachsende Unkonzentriertheit bemerkbar. Der Fokus fehlt, dafür lache ich in heiterem Zustand gerne mit. Bei Gesangseinlagen stimme ich enthusiastisch ein, wofür ich verärgerte Blicke aus der Vorderreihe ernte. Offenbar gibt es eine feine Linie zwischen kulturellem Genuss und beschwipster Begeisterung. In der zweiten Hälfte des Stücks drückt meine Blase. Für den Toilettengang bin ich gezwungen, über meinen Sessel zu klettern, da der alte Herr am Ende der Stuhlreihe tief schläft. 

 Haha ich bin voll high digga 

Der THC-CBD Mix wirkt sich ganz anders auf meine Wahrnehmung aus. Banal wirkende Details werden auf einmal entweder absurd oder hoch interessant: Sind die Weinflaschen im Bühnenbild angeklebt oder könnten sie auch herunterfallen? Warum ist das Muster der Holzvertäfelung über der Bar weder punkt- noch achsensymmetrisch? Was zur Hölle bedeutet punktsymmetrisch? Parallel dazu sprudeln philosophische Überlegungen aus mir heraus. Bei niedrigster Bildschirmhelligkeit hämmere ich meinen inneren Monolog in die Notizen-App. 

High reception  

Negativ-immersiv wirkt das Stück. Statt einzutauchen, tauche ich auf. Skurrile Witze und der Einsatz von unpassenden V-Effekten im Minutentakt provozieren eher genervtes Kopfschütteln als gebanntes Mitfühlen. Als Gen-Z Kind, das durch das Internet sozialisiert wurde und in dessen Umfeld gerade jede:r über die neue Haftbefehl-Dokumentation redet, hätte ich mich gefreut, mal aus meinem Alltag ausbrechen zu können. Stattdessen höre ich hier wieder „06-06-9!“. Und auch alle anderen Memes, die im alltäglichen Wahnsinn durch meinen Kopf fliegen, werden vereinfacht und für altes Publikum verdaubar, auf der Bühne entleert. Trotz moderner Interpretation handelt es sich hier um ein Theaterstück für ältere Menschen.  

In vino veritas 

Diverse jugendliche Anspielungen im Stück stoßen im greuhaarigen Publikum auf peinlich berührtes Lachen. Als hätten sie gerade nur Bahnhof verstanden oder das alleinige Wort Social-Media stelle für sie schon einen Witz dar. Aktuelle Debatten werden aufs Äußerste reduziert und nur mit Buzzwords wie „gender“ oder  „woke“ abgehandelt. Das lässt die zugrundeliegenden Generationenkonflikte deutlich hinter ihrer Komplexität zurückbleiben. Das Stück stellt diese Debatten eher als Herumgezanke beim Familientreffen, statt als wirkliche Probleme echter Menschen dar. Mein Fazit zum Stück, originaltgetreu aus der Notizen-App: „Familientragödie, glaube ich“. 

Mit unlackiertem Helm  

Viele Versuche, die inneren Vorgänge des dementen Mannes modern zu inszenieren, wirken für mich krampfhaft: Das Publikum wird aktiv eingebunden, die Verwechslung von Szenen simuliert und eine Souffleuse bei gespielten Texthängern genutzt. Nüchtern zieht das wenig. Das ständige Durchbrechen der vierten Wand lässt viele Szenen brüchig wirken. So wie die Demenz den König Lear, demontiert sich die Inszenierung nach und nach selbst und gegen Ende dann sogar im Wortsinn: Noch während die Aufführung läuft, wird das Bühnenbild abgebaut und abtransportiert. Mit Akkuschraubern und Rollwagen wohlgemerkt! Einen Nerv trifft das Stück dann aber doch noch: Im letzten Akt schleicht sich der demografische Wandel leise auf die Bühne und ich bin überraschend berührt von dieser Szenerie der Einsamkeit. Unauffällig schaue ich mich um. Auch das Publikum wirkt stiller. 

Fazit 

Nüchtern betrachtet war das Stück betrunken oder bekifft wahrscheinlich besser. 

Disclaimer 

Nicht nachmachen! Der Konsum von Alkohol und Cannabis kann körperliche und psychische Folgen haben. 

  

Von Solveig Harder, Louisa Büttner, Emilio Nolte, Philipp Mummenhoff, Justus Brauer und Robert Trenkmann 

 

 

 

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...studiert Mathematik im Bachelor und schreibt seit Mai 2023 für den ruprecht. Sie widmet sich besonders gerne gesellschaftlichen Themen, die für Studierende relevant sind.

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