Die Aktualität von Heinrich Manns „Der Untertan“ zeigt sich über hundert Jahre später auf der Bühne im Romanischen Keller – ebenso wie die Kreativität der Studis
Rezension
Der Romanische Keller sieht zwar so aus, als könne er kalt und muffig sein, doch während auf der Bühne Heinrich Manns „Der Untertan“ gespielt wird, wabert – untermalt vom Surren der Bühnenscheinwerfer – jene Heidelberger Hitze durch die eng aneinander gezwängten Zuschauer:innen, die die Stadt nun schon seit Tagen zum Schwitzen bringt. Chorkonzert plus Glockengeläut schallen aus der benachbarten Jesuitenkirche und unterstreichen das Stück ironisch. Jetzt wird auch noch die letzte Frischluftquelle, ein winziges Kellerfenster, geschlossen.
Umso mehr steigt die Spannung. Die Schauspieler:innen sind nun einer noch kürzeren Aufmerksamkeitsspanne ihres Publikums ausgesetzt; alle fünf Minuten fallen geleerte Bierflaschen klirrend um. Man fragt sich, wie auf der extrem kleinen Bühne unter extrem hohen Temperaturen die Szenen gelingen sollen.
Doch die Schauspieler:innen des Theaters Lampenfieber meistern die Situation auf mehreren Ebenen. Die Adaption von Manns Roman gelingt durch extra Erzähler:innen-Figuren und kreative Video-Einspieler, der enge Raum wird durch minimalistische, farbkodierte Kostüme und ein durchdachtes Bühnenbild ausgefüllt, Choreografien funktionieren effizient und reibungslos. Die schauspielerische Leistung variiert – erwartbar für ein Laientheater, jedoch auf hohem Niveau und kann durch einzelne herausragende Leistungen in ihrer Varianz mehr brillieren als enttäuschen.
Wie diese Inszenierung entstanden ist, erzählen die Beteiligten Pauline, Marvin und Maximilian nach der Aufführung. Sie sind neben ihrem Studium feste Mitglieder der Theatergruppe und haben schon einige Bühnenerfahrung sammeln können. Pauline hat „Der Untertan“ im vergangenen Jahr gelesen und war überrascht, wie aktuell der über 100 Jahre alte Roman noch immer wirkt. Die Entscheidung für das Stück fällt demokratisch innerhalb der Gruppe. Eine besondere Herausforderung bestand darin, das rund 500 Seiten lange Buch zu einem 40-seitigen Theaterskript zu verdichten. Auch die Rollenverteilung erfolgte nach einem Vorsprechen, demokratisch innerhalb der Gruppe. Die Hauptfigur Diederich wird, hauptsächlich wegen der großen Textmenge, von zwei Schauspielenden verkörpert. Sie wechseln sich etwa zur Hälfte des Stücks ab.
Flexibel zeigt sich die Gruppe auch bei der Besetzung der Geschlechterrollen: Es werden sowohl Männerrollen von Frauen gespielt als auch umgekehrt. „Gerade bei älteren Stücken gibt es oft deutlich mehr Männerrollen“, merkt Marvin an. In den Wochen vor den Aufführungen wurde intensiv geprobt. „Wir haben bei meiner WG im Hof geübt. Unsere Nachbarn haben uns im Vorbeigehen etwas irritiert angeschaut, woraufhin ich schnell gerufen habe, dass wir Theater machen. Sonst hätte man uns noch mit Burschis verwechselt“, erzählt Pauline schmunzelnd. Auf der Bühne fließt statt Bier literweise Tee. Eine weitere Besonderheit: Als Requisite dient die aktuelle Ausgabe des ruprecht, die auf der Bühne gelesen wird. Dass hinter der Inszenierung so viele bewusste Entscheidungen stehen, zeigt sich auch in ihrer politischen Aussage. Bis ganz zum Ende die vierte Wand durchbrochen wird, äußert sich sehr unverblümt, nüchtern, unaufdringlich aber pointiert die Kritik am Untertan-Dasein als Autoritätenliebhaber.
„Schließlich sind wir doch alle liberale Männer!“
Hier stellt sich jedoch die Frage, wie man die Parallelen zwischen dem Stück und der heutigen Welt ziehen soll. In Manns Roman ist der Konservativismus purer Revisionismus und steht für Kaisertreue. Liberalismus bedeutet in Abgrenzung dazu noch eine progressive Einstellung zur Sozialdemokratie. Auch wenn sie bereits in „Der Untertan“ die Arbeiterklasse verrät, trägt sie noch eine andere politische Bedeutung in der politischen Landschaft als der Linksliberalismus heute. Zum Beispiel wird in Manns Roman den Fabrikanten noch mit einem Streik als ernsthaftem politischen Druckmittel gedroht.
Nationalstolz wird in „Der Untertan“ als ein Merkmal der extrem Rechten problematisiert. Im WM-Jahr 2026, in dem es ganz normal für Wähler:innen aller Parteien ist, Check24-Trikots am Leib und Schwarz-Rot-Gold im Gesicht zu tragen und jüngeren Generationen Verantwortung gegenüber ihrem Land im Wehrdienst beizubringen, drängt sich die Frage auf: Wie viel reflektierter der Umgang mit dem eigenen Heimatstaat heutzutage ist. Auch fällt schon im Stück der Satz: „Schließlich sind wir doch alle liberale Männer!“
So ist „Der Untertan“ eigentlich kein Aufruf zur Versöhnung, sondern fordert, sich der Unterschiede ums Ganze gegenüber anderen politischen Lagern bewusst zu werden und für die eigenen Werte einzustehen. Die Tragik der Handlung beginnt nicht dort, wo sich Nationalisten und Progressive feindlich gegenüberstehen, sondern dort, wo die Parteien berufspolitische Absprachen über Parteigrenzen hinweg halten. „Der Untertan“ geht über eine Kritik der Rechten weit hinaus und lässt Rezipient:innen vielmehr ins Grübeln über die parlamentarische Demokratie kommen.
Der Theatergruppe Lampenfieber gelingt es, diese Vielschichtigkeit auszubreiten, ohne langweilig zu werden, dreistündig mit Pause durchzuhalten und trotzdem zu unterhalten. Es gelingt im familiären Ambiente, trotz Hitze den Ernst des Themas gewitzt zu unterstreichen und bietet somit ganz großes Theater auf ganz kleiner Bühne.
Von Solveig Harder, Justus Brauer, Philipp Mummenhoff und Robert Trenkmann
...studiert Mathematik im Bachelor und schreibt seit Mai 2023 für den ruprecht. Sie widmet sich besonders gerne gesellschaftlichen Themen, die für Studierende relevant sind.
…hielt schon immer gerne eine Zeitung in der Hand. Seit Frühling 2023 kann er seine Begeisterung für den Journalismus beim ruprecht ausleben.
...leitet Feuilleton und studiert nebenbei Geographie in Kombination mit Politikwissenschaft im Master.
Interessenschwerpunkte: ferne Länder, Tagespolitik & Sport.










