Ein indischer Richter bezeichnet arbeitslose Jugendliche als Ungeziefer. Das lassen sie nicht auf sich sitzen
Die Cockroach‑Janta‑Party (CJP) ist eine satirische, politische Jugendbewegung, die in Indien aktuell große Aufmerksamkeit erhält. Übersetzt bedeutet der Name der Bewegung „Kakerlaken-Volkspartei“. Der Name geht auf die Aussage des Obersten Richters Surya Kant zurück, der junge Menschen ohne festen Arbeitsplatz als „Kakerlaken“ bezeichnete. Sie wehrten sich gegen diese Fremdbezeichnung, indem sie den Wortlaut „Kakerlaken“ übernahmen und ihm durch ihre Bewegung eine neue Bedeutung geben.
Die CJP versteht sich zumindest aktuell nicht als klassische politische Partei, sondern als Bewegung. Zwar nennen sie sich „Party“, haben jedoch erklärt, bislang nicht im Sinne einer Wahlteilnahme politisch aktiv zu sein. Stattdessen organisieren sich vor allem junge Menschen, die Proteste unterstützen und politische Forderungen formulieren.
Diese Forderungen haben sie in einem Fünf-Punkte-Plan entwickelt. Besonders relevant: die Forderung nach einer 50-prozentigen parlamentarischen Repräsentation von Frauen. Ein zentraler Punkt ist außerdem „Protect Every Legal Vote“. Die Bewegung kritisiert, dass Menschen – etwa muslimische Wähler:innen – durch fehlerhafte oder verschwundene Einträge in Wählerlisten ihr Wahlrecht verlieren. Deshalb soll jedes gültige Wahlrecht geschützt werden.
„In Indien spielt neben der Politik auch Humor eine große Rolle“
Der ruprecht hat mit dem Professor für Politikwissenschaften am Südasien‑Institut, Rahul Mukherji, über die aktuelle politische Situation in Indien gesprochen. Es sei „ein Regime, in welchem autokratische und kompetitive Elemente nebeneinander stehen, auch Hybrid-Regime genannt.“ Deshalb sei die Behauptung, Indien sei keine Demokratie, falsch. Allerdings sei die Qualität der Demokratie mit der Zeit gesunken. Er hebt hervor, dass die CJP zwar eine erwähnenswerte Protestbewegung ist, allerdings dürfe man nicht die anderen Protestbewegungen vergessen, welche Indien bereits in der Vergangenheit beeinflussten.
Verbreitet hat sich die CJP vor allem über Social Media. Auf ihrem Hauptaccount auf Instagram teilen sie ihre satirische, aber dennoch politische Kritik an der aktuellen Lage der indischen Bevölkerung inzwischen mit 22 Millionen Follower:innen. Der Ethnologie-Student Ayon hat eine Vermutung, warum das so gut funktioniert: „In Indien spielt neben dem politischen Bewusstsein auch Humor eine große Rolle. Humor verbreitet sich schnell.“ Dennoch lässt die CJP sich nicht leicht einordnen, Ayon und Rahul Mukherji betonen beide, dass sie sich aktuell noch keine abgeschlossene Meinung zu ihr bilden konnten.
Die Zukunft der Bewegung wirkt ungewiss, da sie scheinbar selbst noch in einer Findungsphase ist. „Ihre ideologische Positionierung scheint noch nicht wirklich klar“, sagt Mukherji. Ayon erzählt, während seines Forschungsaufenthaltes bei Gleichaltrigen eine soziale „Hoffnungslosigkeit“ festgestellt zu haben: Es herrsche das Gefühl vor, keine Perspektive zu haben, da zivilgeselleschaftliches Engagement ins Nichts führe. Die „Kakerlaken“-Bewegung versucht auch dem entgegenzuwirken, doch „inwieweit sich eine soziale Bewegung in politische Wirkmacht verwandelt, ist eine andere Frage“, so Mukherji. In einer Zeit, in der Menschen vom Bundeskanzler als Problem im Stadtbild betitelt und rassistische Fremdbezeichnungen in der Politik immer salonfähiger werden, ist ein Blick auf ähnliche Situationen auf globaler Ebene nur von Vorteil. Denn wie Mukherji zur Rolle der Jugend sagt: „Als jüngere Person, die politisch Position ergreift, muss man erst herausfinden, was die eigenen politischen Positionen genau sind.“
Von Laetitia Klein und Leah Bohle
...ist schon immer gerne der Frage Warum nachgegangen. Diese Leidenschaft prägt nicht nur ihr Studium der Geschichte und Politikwissenschaften sondern seit 2025 auch ihre Mitarbeit beim ruprecht. Besonders gerne verliert sie sich in Recherchen oder Aktuellem aus Kultur und Politik.
...studiert Ethnologie und Psychologie und leitet seit dem Sommersemester 2026 das Ressort "Studentisches Leben". Ihr Interesse zieht sich durch alle Ressorts, weshalb sie sich auch möglichst jedem davon mal annehmen möchte. Mit einer möglichst bunten Themenvielfalt fühlt sie sich am wohlsten






