Gegen Frauen gerichtete Straftaten nehmen zu. Unsere Redakteurin besucht einen Kurs des Studierendenwerks und lernt: Selbstverteidigung kann Leben retten
In einer Stadt wie Heidelberg, in der viele Student:innen abends zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, ist das Bedürfnis nach Sicherheit oft unausgesprochen, aber präsent. Im vergangenen Juni wurde Lea* in der Heidelberger Altstadt Opfer eines gewalttätigen homophoben Angriffs. Sie befand sich auf ihrem Heimweg. Nach dem ersten Schlag ins Gesicht war ihr klar, dass sie in der Situation gefangen war. Ausweichen war nicht mehr möglich.
Lea hat in ihrer Kindheit viele Jahre lang Jiu-Jitsu praktiziert. Die aus Japan stammende und auf Selbstverteidigung ausgelegte Kampfkunst zielt darauf ab, Angriffe mit Technik und Kontrolle abzuwehren statt mit Kraft. Im Gegensatz zu Kampfsportarten wie Boxen oder Kickboxen, bei denen der sportliche Wettkampf im Vordergrund steht, spielen Prävention, Kontrolle und ein klarer Moralkodex eine wichtige Rolle: Techniken sollen schützen, nicht angreifen.
„Wenn man einmal einen Schlag auf den Kopf kriegt, ist man für zwei, drei Sekunden nicht fähig, irgendetwas zu tun“, sagt Lea. Es seien genau diese Sekunden gewesen, die gefehlt hätten. Immerhin habe sie es noch geschafft, die Arme schützend vor das Gesicht zu ziehen. Die jahrelange Jiu-Jitsu-Übung konnte sie zwar nicht aus der Situation befreien – bereits zahlenmäßig war sie ihren Angreifern unterlegen – doch sie wusste, welche Bereiche am Körper man noch bestmöglich schützen kann. Selbstverteidigung ist keine Garantie für Sicherheit, sondern ein Werkzeug mit klaren Grenzen, betont Lea. Heute fühlt sie sich nicht unsicherer, sondern aufmerksamer. Wichtig ist ihr vor allem eins geblieben: „Ich habe nicht falsch gehandelt.“
Das Stuwe bietet einen Selbstverteidigungskurs für Studentinnen an
Das Bundeskriminalamt meldete im letzten November eine Zunahme an geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten in fast allen Delikten. Für das Jahr 2024 erfasste die Kriminalstatistik 53.451 Sexualstraftaten sowie 187.128 weibliche Opfer im Bereich der häuslichen Gewalt. Auch queere Menschen und andere marginalisierte Gruppen sind häufig betroffen. Vor diesem Hintergrund erscheint das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken für viele als naheliegende Antwort – als Möglichkeit, Handlungsspielräume zu gewinnen und ein Stück Kontrolle zurückzuerlangen. Zugleich macht dieser Fokus deutlich, wie sehr Fragen von Sicherheit noch immer individualisiert werden. Anstatt Gewalt als gesellschaftliches Problem zu begreifen, wird Verantwortung häufig auf diejenigen verlagert, die potenziell betroffen sind.
Unsere Redakteurin Sara besuchte den Selbstverteidigungskurs für Studentinnen des Studierendenwerks. Dieser wird zwei Mal pro Semester kostenlos angeboten und von zwei pensionierten Polizeibeamten, Dieter Schmid und Hermann Jochim, geleitet.
Der Kurs ist in zwei Hälften aufgeteilt, die jeweils drei Stunden lang sind. Dem ersten theoretischen Teil folgt die praktische Umsetzung eine Woche später. Die Gruppe bietet einen Safe-Space, in dem man sich über Erfahrungen austauschen und Fragen stellen kann. Sara berichtet: „Die Atmosphäre ist offen und wohlwollend. Man merkt sofort, dass Dieter und Hermann unser Wohlbefinden ein großes Bedürfnis ist.“ Wiederholt bestärken sie die Teilnehmerinnen darin, dass sich Gegenwehr immer lohnt und ermutigen sie, wirklich nur die Übungen mitzumachen, bei denen sich alle wohlfühlen. Details zu den Techniken sollen auf Dieters und Hermanns Wunsch nicht nach außen getragen werden, damit potenzielle Täter sich nicht vorbereiten können. „Ich habe definitiv von dem Workshop profitiert. Ich fühle mich sicherer, gerade, wenn ich abends alleine unterwegs bin. Außerdem hatte ich die Chance, mich im praktischen Teil selbstwirksam zu erleben“, berichtet Sara. Diese Erfahrung bestätigt ihr: Sie kann sich selbst wehren. Fortschritte sieht sie nicht nur bei sich selbst – auch die anderen Kursteilnehmenden wachsen über sich hinaus: „Wir haben uns gegenseitig motiviert und angefeuert. Wir sind schnell zusammengewachsen. Ich kann jeder empfehlen, den Workshop von Dieter und Hermann zu besuchen.“
*Name von der Redaktion geändert
Von Solveig Harder, Emilio Nolte und Sara Haase
...studiert Mathematik im Bachelor und schreibt seit Mai 2023 für den ruprecht. Sie widmet sich besonders gerne gesellschaftlichen Themen, die für Studierende relevant sind.
...studiert Volkswirtschaft und schreibt seit dem Sommer '23 für den ruprecht. Er ist ein Freund der pointierten Kolumne und leitete einst die Seiten 1-3.
…studiert Germanistik im Kulturvergleich und Anglistik im Master. Sie schreibt seit dem Sommersemester 2024 für den ruprecht. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, singt sie zu Taylor Swift mit, während sie Kekse backt.







