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Einen Quantensprung auf die Bühne

von Raphaela Volk, Julia Chantal Müller und Elena Lagodny
28. Juni 2026
in Ausgabe, Startseite, Wissenschaft
Lesedauer: 3 Minuten
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Einen Quantensprung auf die Bühne

Foto: Elena Lagodny

„Die Physikerinnen“: Vorhang auf für eine Prise Feminismus, ein Quäntchen Physik und einen Hauch heißen Dampf

Wer schon immer Lust hatte, eine Mischung aus Theater und Quantenmechanik zu erleben, der ist bei der szenischen Vorlesung „Die Physikerinnen – Weit weg vom Gleichgewicht“ genau richtig. Diese ungewöhnliche Zusammensetzung entstand durch eine Residency, bei der die Autorin Sarah Calörtscher mehrere Monate am Isoquant, einem physikalischen Forschungsverbund der Universität Heidelberg, die Arbeit der Physiker:innen beobachtete. Im Anschluss an die Vorlesung erzählen Matthias Bartelmann, Professor an der Uni Heidelberg, und die Autorin selbst von ihren Beweggründen.

„Physik versucht Widersprüche zu lösen, Theater versucht Widersprüche aufzudecken“, so startet die szenische Lesung und zeigt unvermittelt auf, was das Ziel der gemeinsamen Kooperation ist: Eine Brücke zu bauen zwischen zwei Arten, die Welt zu begreifen. Dabei beschreibt Sarah Calörtscher die Arbeitsweise der Physiker:innen im Isoquant als sehr präzise, Matthias Bartelmann hingegen hebt die Unmittelbarkeit und szenische Überzeugungskraft des Theaters hervor.

Witzige Schlagabtäusche wechseln sich mit tiefen Gedanken ab

In „Die Physikerinnen“ ist die Handlung aus dem Gleichgewicht geraten. Witzige Schlagabtäusche wechseln sich ab mit tiefen Gedanken, wobei die Physik eine ständige Begleiterin bleibt. Das Stück spielt in einem Dampfbad, in dem sich die Physikerinnen – gekleidet in Bademode – ihre Zeit mit Spielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ vertreiben. Auch die Open Mic Night in der „kleinsten Bar der Welt“ ist fester Bestandteil der Runde, verschwimmen hier jedoch die Grenzen zwischen den Physikerinnen als Menschen und dem Treiben auf atomarer Ebene. Die Szenerie wird schließlich durch das Eintreffen einer „Quantenheilerin“ unterbrochen.

Im Stück werden bewusst Physikerinnen in den Mittelpunkt gestellt, um das Klischee von einem rein männlichen Denkraum zu widerlegen. Im Titel wird das Gleichgewicht erwähnt, ein Zustand, in dem jede Entwicklung aufhört. Die Autorin erklärt dies als eine Metapher, als ein System, in dem nichts passiere und welches sie gerne durchschütteln würde. Weiterhin wird eine entfernte Anspielung auf Dürrenmatts Werk „Die Physiker“ gemacht, in welchem es drei Femizide gibt. Wie in dieser Handlung, werden Frauen oft in Werken dramaturgisch geopfert.

„Physik versucht Widersprüche zu lösen, Theater diese aufzudecken“

Interessant ist die Wahl des Dampfbades als Handlungsort. Im Gespräch wird die Autorin gefragt, ob es sich dabei um den Elfenbeinturm der Physik handele – ein Ort, in dem die Physikerinnen weltfremd agieren, abgekapselt von der Realität der Bevölkerung. Das Dampfbad ist jedoch auch als weiblicher Schutzraum zu verstehen, und als ein Ort, aus dessen Sicherheit man sich nicht herauswagen will. Eine reine Oase bleibt er jedoch nicht – der Druck steigt im Dampfbad.

Mitten in der Geschichte lernen wir das Radium Girl kennen. Sie soll uns an die 1920er in den USA erinnern, als damals Frauen die Zifferblätter von Uhren mit radioaktiver Leuchtfarbe bemalt haben. Die Pinsel spitzten sie mit ihren Lippen an und nahmen so unwissentlich tödliche Dosen Radium auf. Im Stück wird die Verantwortungslosigkeit der Physikerinnen durch die Kritik des Radium Girls sichtbar und regt zu einer Diskussion über Ethik in der Wissenschaft an.

Frauen nahmen unwissentlich tödliche Dosen Radium auf

Das Stück stellt sowohl die Gefahr von Forschung als auch die Kluft zwischen Physiker:innen und der Öffentlichkeit heraus. Matthias Bartelmann beschreibt im Gespräch einen Zwiespalt – Wissenschaftskommunikation sei wichtig, es bestehe jedoch immer die Gefahr der Vereinfachung. Zudem zeigt er verschiedene Aspekte der Verantwortung auf: Lehre, die Suche nach der Wahrheit, gesellschaftlicher Beitrag sowie Grenzziehung bei zu großen ethischen Differenzen.

Die Stimmung der Physikerinnen ist durchgehend unruhig und verspielt, jedoch intellektuell anregend. Sie wirken oft orientierungslos und sind ängstlich vor dem, was draußen vorgeht. Ob sie am Ende den Mut fassen, in die Außenwelt zu treten? Dies könnt ihr selbst am 13. Juni in Heidelberg im Philosophenweg 12 erfahren. Tickets gibt es online!

Von Raphaela Volk und Julia Müller

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...studiert Biowissenschaften, schreibt seit WS 2023 für den Ruprecht und nutzt Interviews als Grund um mit interessanten Leuten zu reden

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