Jahrelang stand der Name Henry Jarecki in Heidelberg für Förderung und Investitionen. Heute steht sein Name in Zusammenhang mit den Epstein-Files – und auf der Agenda eines universitären Prüfausschusses
Henry Jarecki war in Heidelberg lange Zeit als Förderer und Wohltäter bekannt. Über Jahre unterstützte der Psychiater, Unternehmer und Investor wissenschaftliche und soziale Projekte, stiftete Millionenbeträge und wurde dafür unter anderem mit der Ehrensenatorenwürde der Universität Heidelberg und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Die nach seinem Vater benannte Max-Jarecki-Stiftung investierte in den letzten 16 Jahren mehr als 250 Millionen Euro in die Heidelberger Bahnstadt – so zum Beispiel in das Forschungsgebäude Skylabs. Sie finanzierte Kinder- und Jugendeinrichtungen wie den Spielplatz „Im Eichgärtlein“ in Kirchheim oder die „Kinderbaustelle“ im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund und festigte mit ihren Investitionen Jareckis Ruf als Mäzen, dessen Name in Heidelberg vor allem mit wissenschaftlicher Förderung und sozialem Engagement verbunden war.
Die Max-Jarecki-Stiftung investierte 250 Millionen Euro in die Bahnstadt
Doch hinter dem Gesicht des Wohltäters verbirgt sich offenbar ein zweites: In den veröffentlichten Unterlagen aus dem Umfeld des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein erscheint Jarecki als dessen langjähriger Vertrauter. Die enge Verbindung zu ihm bestand auch nach Epsteins Verurteilung wegen sexueller Ausbeutung Minderjähriger weiterhin. Zu den bekannt gewordenen Dokumenten zählt ein persönlicher Eintrag Jareckis in Epsteins Geburtstagsbuch aus dem Jahr 2003. Sechs Jahre später gratulierte er dem gerade aus der Haft entlassenen Epstein mit den Worten: „The king’s restored! I hope you do not come to your senses. And when’s the party?“
Die Verbindungen beschränken sich aber nicht nur auf persönliche Korrespondenz. Bereits im Juni 2024 erhob eine anonym gebliebene Frau vor einem US-Bundesgericht in Manhattan schwere Vorwürfe gegen Jarecki. Sie beschuldigte ihn, sie über mehrere Jahre sexuell missbraucht zu haben, nachdem Epstein sie bei Jarecki in psychiatrische Behandlung geschickt hatte. Die Klage umfasste unter anderem Vorwürfe der Vergewaltigung und des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Jarecki ließ sämtliche Vorwürfe über seine Anwältin zurückweisen.
„When’s the Party?“ schrieb Jarecki dem frisch entlassenen Sexualstraftäter
Im April 2025 zog die Klägerin ihre Zivilklage aus unbekannten Gründen zurück, weshalb es zu keiner gerichtlichen Verurteilung kam. Diese Erkenntnisse blieben in Heidelberg nicht folgenlos.
Nach eigenen Recherchen der SPD und der Jusos Heidelberg, welche die enge Verbindung Jareckis zu Epstein untermauern, fordern sie gemeinsam mit den Grünen Heidelberg eine lückenlose Aufklärung der Vorwürfe sowie die vorläufige Einstellung der Beziehungen der Stadt Heidelberg zu Jarecki und den mit ihm verbundenen Stiftungen. Außerdem sollen Jarecki die Ehrensenatorenwürde der Universität Heidelberg und das Bundesverdienstkreuzes aberkannt werden.
Die Stadt Heidelberg zeigt sich unterdessen in einem öffentlichen Statement vom 27. März irritiert über die „offensichtlich zeitweise engen Verbindungen zwischen Dr. Henry Jarecki und Jeffrey Epstein“ und betont, dass sie zwar Geschäftsbeziehungen mit der Max-Jarecki- Stiftung, nicht aber mit der Privatperson Henry Jarecki unterhalte. Man könne Jareckis Verhalten nicht nachvollziehen. Nach Bekanntwerden der Epstein-Files seien laufende Projekte zunächst gestoppt und Gespräche mit Vertreter: innen der Stiftung aufgenommen worden. Die Geschäftsbeziehungen mit der Stiftung würden nun aber fortgesetzt. Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Im Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Max-Jarecki-Stiftung in den vergangenen Wochen wurde von deren Seite betont, dass Henry Jarecki mittlerweile an Demenz leide und sich nicht mehr selbst äußern könne. Er sei sich der Art und des Ausmaßes von Epsteins inzwischen weithin bekannten Verbrechen nicht bewusst gewesen.“ Auf die gegen Jarecki persönlich vorgebrachten Anschuldigungen wird nicht weiter eingegangen. Auch die Universität Heidelberg sieht sich mit Fragen konfrontiert. Ein öffentliches Statement blieb bisher aus – dennoch wurde in der Senatssitzung vom 24. März die Einrichtung eines Ausschusses zur Überprüfung der Ehrensenatorwürde beschlossen, der einen möglichen Entzug der Ehrensenatorwürde Jareckis diskutieren soll. Getagt hat das Gremium seither noch nicht. Nach Angaben des Ausschussvorsitzenden Thomas Lobinger stehe der Ausschuss in seiner personellen Zusammensetzung, allerdings müsse erst Klarheit über die rechtliche Lage für einen möglichen Entzug der Ehrensenatorwürde geschaffen werden – eine entsprechende Regelung fehle in der Grundordnung der Universität. Deswegen sei derzeit ein Gutachten in der Vorbereitung. Ziel sei es, nach Vorlage des Gutachtens die eigentliche Arbeit innerhalb von sechs Monaten abzuschließen, so Lobinger. Sollte Jarecki die Ehrensenatorwürde entzogen werden, wäre das das erste Mal in der Geschichte der Universität.
Für den Stura hat Jarecki die Ehrensenatorschaft nicht verdient
Im Ausschuss sitzt auch ein Mitglied des Studierendenrats. Das Gremium selbst hat sich bereits eindeutig positioniert: Es fordert die Universität auf, Henry Jarecki die Ehrensenatorenwürde unverzüglich abzuerkennen. Zudem solle die Ruperto Carola transparent darlegen, an welchen Stellen Jarecki in der Vergangenheit Einfluss auf die Universität genommen habe. „Dies betrifft insbesondere Bereiche, in denen es sich nicht um reine Finanzierungen handelte, sondern in denen er inhaltliche oder strukturelle Mitsprachemöglichkeiten besaß“, heißt es in einem Beschluss. Abschließend erklärt der Studierendenrat: „Eine Person mit einem derartigen Hintergrund hat eine Ehrensenatorschaft der Universität Heidelberg nicht verdient.“
Letztlich bleibt abzuwarten, wie der Prüfausschuss der Universität entscheidet – zumindest moralisch scheint die Antwort auf die Frage der Aberkennung eindeutig.
Von Faustyna Gonka und Eric Klimmer
...studiert derzeit Jura und fand im Frühjahr 2025 zum ruprecht. Leitet heute die Seiten 1–3 und begeistert sich für alle Geschichten, die mit „Eigentlich wollte ich nur kurz nachschauen…“ beginnen und dann in einem investigativen Kaninchenloch enden.
...studiert Geschichte und Biologie, seit April 2025 schreibt er für den ruprecht. Er interessiert sich besonders für gesellschaftlich relevante und wissenschaftliche Themen.






