Zwischen Siesta und Systemkrise: Die unsichere Zukunft Spaniens
Auf dem Plaza treffen sich während der Siesta-Pause Tourist:innen auf ein Bier und gratis Tapas in der mediterranen Sommersonne. In dem Universitätsgebäude um die Ecke demonstrieren spanische Student:innen lauthals gegen soziale Missstände. Es sind zwei Welten, die hier in Andalusien aufeinandertreffen. Die südlichste autonome Region Spaniens ist bei Reisenden für ihre reiche Kultur, spektakuläre Küsten und günstiges Essen beliebt. Doch wer sich hier etwas länger aufhält, fällt schnell in die Realität hinter der Postkartenidylle. In den Straßen hängen Plakate, die zu Vollversammlungen aufrufen. Manchmal geht es um Lohnerhöhungen, andere Male ist es eine Positionierung gegen die rechte Politik, die unter anderem im andalusischen Parlament immer mehr die Oberhand gewinnt. Im Vergleich zu Deutschland sind die Universitäten Andalusiens zentrale Orte an denen Demonstrationen stattfinden. Plakate hängen hier in den Fluren aus und rufen linke Gruppen während Vorlesungen zum gemeinsamen Kampf auf. Doch was steckt dahinter?
Während meines Erasmus-Semesters in Granada bot sich mir die Gelegenheit, mit spanischen Student:innen zu sprechen und gemeinsam einen Blick hinter die Fassade zu werfen.
Im Zentrum vieler Debatten steht das „Ley Universitaria para Andalucia“, also das universitäre Gesetz für Andalusien, auch LUPA genannt. Obwohl die Reform offiziell verspricht, das Bildungssystem zu fördern und Finanzierungsmittel zu stellen, haben viele Student:innen Angst, dass die Regional-regierung aufgrund chronischer Unterfinanzierung an öffentlichen Hochschulen private Universitäten bevorzugen wird. Ebenfalls erleichtert dieses Gesetz privaten Anbieter:innen den Marktzugang und gibt ihnen Mitspracherechte im andalusischen Hochschulsystem. Bei steigenden Mensapreisen und defizitären Kursen, verbreitet sich unter Studierenden die Angst einer generellen Privatisierung der Hochschulbildung.
Die Folgen struktureller Finanzierungsprobleme sind bereits im universitären Alltag spürbar. Dadurch, dass immer weniger Kurse finanziert werden können, unterrichten mehrere Dozent:innen eine Klasse. So wird versucht, Lehrpersonen weiterhin eine Tätigkeit bieten zu können. Doch dadurch wird Studieren in Andalusien immer teurer. Viele Student:innen leben weiterhin bei ihren Eltern oder müssen während ihrer Studienzeit arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ein Leben innerhalb Granadas kann sich kaum jemand leisten, sodass viele weit außerhalb wohnen und lange Pendelzeiten Normalität sind.
Paradoxerweise garantiert ein Studium in Andalusien zudem nicht zwingend gute Berufschancen. Dennoch entscheiden sich immer mehr junge Menschen in der Hoffnung auf einen guten Beruf für ein Studium, auch wenn sie nicht die nötigen Qualifikationen oder ausreichend Motivation mitbringen.
Nach ein paar Wochen an der Universität Granada ist klar: Hier ist Bildung eng mit Politik verflochten. Mit Sorge beobachten viele Student:innen den Rechtsruck, der sich aktuell vor allem in Andalusien bemerkbar macht. Eine Erklärung ist laut ihnen die „andalusische Wut“, die aufgrund wirtschaftlicher Probleme unter den Menschen herrscht. Zudem ist Andalusien nicht nur für Tourist:innen anziehend, sondern auch für Migrant:innen, die über die Küstenregionen in das Land kommen. Viele Menschen fragen sich, wie ein wirtschaftlich unsicherer Staat all seinen Einwohner:innen stabile Zukunftsaussichten sichern kann.
Es ist ein Versuch der Jugend, durch eine aktive Protestkultur positive Veränderungen im Bildungssystem zu bewirken. Ihr Ziel ist ein Andalusien, das jungen Menschen, egal woher diese stammen, eine verlässliche Zukunftsperspektive bieten kann.
Doch nicht alle Student:innen unterstützen die politischen Initiativen. Einige fühlen sich gestört davon, dass Protestaktionen während des Unterrichts, der sowieso von großen Klassen, schlechter Organisation und mangelnder Digitalisierung gezeichnet ist, wertvolle Lernzeit raubt. Aus ihrer Sicht steht die politische Mobilisierung teilweise im Widerspruch zu dem Ziel, die Qualität der akademischen Ausbildung zu verbessern.
Das ist Andalusien: Eine Region mit urlaubsfreudigen Tourist:innen, arbeitssuchenden Migrant:innen, einer wütenden Mittelschicht und einer frustrierten Jugend. Dazu gehört auch ein Appell an die Tourismuskultur, sich vor dem „tranquila vida“ zumindest mit der dortigen Politik auseinanderzusetzen. Denn Andalusien ist mehr als Sonne und Sangria. Es ist eine Region im Spannungsfeld zwischen Tradition, Wandel und unsicheren Existenzen.
Von Fabienne Burkhardt
...studiert Anglistik und Geschichte. Aktiv im ruprecht seit Oktober 2024.





