Der Vorstandsvorsitzende des neuen Verbunds der Unikliniken Heidelberg und Mannheim Hanns-Peter Knaebel im Gespräch
Wenn man Sie googelt, findet man alle möglichen Berufsbezeichnungen. Was genau ist Ihr Job?
Meine genaue Jobbeschreibung ist eigentlich Kümmerer für alles, was die Zusammenführung der beiden Universitätskliniken Heidelberg und Mannheim betrifft. Das Aufgabenspektrum ist sehr vielfältig und deswegen ist der Titel mir gar nicht so wichtig. Mir ist wichtig, dass wir erfolgreich sind.
Welchen Bezug zu Heidelberg haben Sie?
Ich bin nach dem Medizinstudium an die Chirurgie hier in Heidelberg gekommen. Das war meine erste Stelle und sicherlich auch mit die prägendste Zeit in meinem Berufsleben. Ich war dann zwölf Jahre hier und bin 2007 in die Industrie gewechselt, weil es mich gereizt hat, nochmal in eine andere Richtung zu gehen.
Ihnen liegt die Zusammenführung der Universitätskliniken am Herzen, warum?
Die Thematik eines möglichen Verbundes ist 2020 durch ein Schreiben des Mannheimer Oberbürgermeisters aufgekommen, das den Leidensdruck aufgrund der finanziellen Zwänge beschrieb. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass dieser Verbund eine Chance für das Land Baden-Württemberg ist und man ihn eigentlich größer denken muss als nur ein Regionalprojekt. Lange Zeit bestimmte die Diskussion: Ist es Nordbaden gegen Südbaden, ist es Mannheim gegen Stuttgart? Aber ich war mir sicher, das ist eigentlich ein badenwürttembergisches Projekt, welches eine nationale und internationale Strahlkraft entwickeln kann.
Wieso kommt es erst jetzt zur Zusammenführung der beiden Universitätskliniken?
Es hat längere Zeit gedauert bis der politische Wille da war, dieses Projekt auch umzusetzen. Und als der politische Wille da war, gab es letztendlich natürlich noch ein paar Dinge zu überwinden, wie zum Beispiel: Dürfen zwei Kliniken dieser Größe in dieser Region überhaupt zusammengehen? Es gab tatsächlich eine kartellrechtliche Ablehnung, bis es im Rahmen des sogenannten Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes des Bundesgesundheitsministeriums ermöglicht wurde, dass Kliniken sich zusammenschließen können. Klinikfusionen muss man anders beurteilen als Zusammenschlüsse von Unternehmen. Das war der letzte Mosaikstein, der fehlte, um diesen Verbund zu realisieren.
Was sind konkrete Ziele, die Sie für den Verbund für die nächsten zwei, fünf, zehn Jahre verfolgen?
Erstens, eine Medizinstrategie mit gut abgestimmten Schwerpunkten, damit wir eine Balance von Angeboten in Mannheim und in Heidelberg haben, die sich gut ergänzen – das ist sicherlich das Entscheidendste.
Digitalisierung und KI-Strategie sind die zweite große Säule. Die Zukunft liegt in einer gemeinsamen Datenstrategie und einem datengetriebenen Ansatz, um sowohl Daten zu generieren, diese aber auch gleichzeitig zu analysieren und für die Behandlung zu nutzen. Wir arbeiten hier mit kommerziellen Lösungen, die wir trainieren können, aber auch eigene KI-Agenten spielen für uns eine Rolle. Die Klinik der Zukunft denkt digital – und bleibt menschlich.
Drittes großes Thema ist die finanzielle Stabilität. Wir müssen uns sehr intensiv darum kümmern, dass wir leistungsfähig sind und das Land finanziell nicht belasten. Der letzte große Bereich ist das Thema Infrastruktur. Hier gibt es viel zu tun, um die bauliche Struktur auf die Zukunft auszurichten. So haben wir vor 40 Jahren mit der Kopfklinik eine der modernsten Kliniken bezogen. Diese müssen wir jetzt von Grund auf sanieren. Wir errichten aktuell ein neues Herzzentrum, das als „Smart Hospital“ geplant ist und in Mannheim haben wir mit der Manfred-Fuchs-Klinik einen digitalen Vorreiter eröffnet. Hier werden zum Beispiel minimalinvasive Eingriffe bei urologischen Krebserkrankungen mit KI-gestützten Robotersystemen durchgeführt – in vollständig digitalisierten Operationssälen.
Stichwort finanzielle Stabilität: Ist eine schwarze Null in der Universitätsmedizin möglich?
Muss ein Gesundheitsversorger hohe Profite machen? Nein, muss er nicht. Aber eine schwarze Null ist unbedingt möglich und die streben wir auch an. Laut Businessplan war 2031 bis 2032 vorgesehen. Wir wollen es ein bisschen schneller schaffen. Wir werden alle einen Beitrag leisten müssen. Gesundheitsversorger, Industrie, Forschung, Krankenversicherungen, sonst wird es nicht funktionieren. Es gibt für mich auch eine ethische Dimension im wirtschaftlichen Handeln in der Medizin: Wenn ich meine Ressourcen auf zehn Patienten verwende, habe ich noch 90 Patienten in der Warteschlange, die auch noch Hilfe benötigen.
Das Uniklinikum Heidelberg hat kürzlich das Krankenhaus Salem übernommen. Die Zahl der Medizinstudienplätze errechnet sich auch anhand der Anzahl der Krankenbetten. Können Sie schon konkret beziffern, wie viele Studienplätze hinzukommen werden?
Wir haben die Kapazitäten über den Verbund hinweg aufgrund der neuen gesetzlichen Vorgaben noch nicht komplett erfassen können. Ich gehe davon aus, dass wir Anfang nächsten Jahres da mehr Klarheit haben. Ganz grundsätzlich sage ich, – und das steht ja im Koalitionsvertrag – wenn es erklärter Landeswille ist, mehr Medizinstudienplätze zu schaffen, sind wir bereit, auch unseren Beitrag zu leisten.
Was ist eine Sache, die Ihnen besonders gut am UKHD gefällt, bei der Sie meinen, das könnte Mannheim übernehmen und umgekehrt?
Also ich weiß nicht, ob ich isoliert etwas herausheben möchte, aber vielleicht möchte ich mal sagen, was mir wirklich extrem gut gefällt: Wir haben die Situation gehabt, dass vor ungefähr zwei Jahren die Stimmungslage gegenüber dem Verbund nicht durchgängig positiv war. Und heute spüre ich sowohl in Heidelberg, wie auch in Mannheim eine extrem große Energie, weil die Menschen sehen, welche Chance in dem Verbund steckt.
Das generiert ein wirklich positives Momentum. Weil wir gemeinsame Ziele haben, finden wir so zusammen. das gibt mir auch persönlich viel Energie.
Das Gespräch führten Amr Maray und Annika Bacdorf
...studiert Politikwissenschaft und Anglistik. Seit dem Winter 2023 ist sie beim ruprecht, wo sie mal dies und mal das macht.
...studiert Biowissenschaften, schreibt seit WS 2023 für den Ruprecht und nutzt Interviews als Grund um mit interessanten Leuten zu reden









