Während die Stadt ihre sanierten Säle nach Wolfgang Marguerre benennt, fällt seine Vergangenheit aus dem Bewusstsein der Bevölkerung. Derweil verfolgt der Mäzen bereits neue Pläne. Was Blutplasmaspenden mit eurem Theaterbesuch zu tun haben
Wer schon einmal im Theater Heidelberg war, oder einen Blick in die sanierte Stadthalle geworfen hat, dürfte immer wieder über den gleichen Namen gestolpert sein: Marguerre. Man könnte denken, die beiden Säle in Theater und Stadthalle seien nach einem bekannten Theaterpädagogen oder Kulturschaffenden benannt. Das ist jedoch nicht der Fall. Tatsächlich ist Wolfgang Marguerre – Gründer und CEO von Octapharma, einem Blutplasma-Fraktionierungsunternehmen – der Namensgeber. Aber was hat Blutplasma mit der Heidelberger Kunst- und Kulturszene zu tun?
Die einfache Antwort lautet: Geld. Marguerre zählt seit Jahren zu den größten privaten Förderern der Stadt. Als alleiniger Spender stellte er für die Sanierung der Stadthalle 57 Millionen Euro zur Verfügung. Dafür trägt heute der neue Saal seinen Namen und das Foyer den seines Unternehmens. Hinzu kommen die Spende für die Sanierung des Theaters (laut Forbes 17,3 Millionen US-Dollar), Corona-Hilfen für Heidelberger Einzelhändler im Jahr 2021, sowie 2011 eine Spende von einer Million Euro für die Arbeit mit Geflüchteten in Heidelberg. Marguerre nutzt sein Geld also für philanthropische Zwecke. Doch woher kommt dieses Vermögen?
Blutiges Geld?
Um die Herkunft seines Vermögens zu erklären, muss man sich auf eine Zeitreise in die 1980er begeben. Zu Beginn der Aids-Krise in den USA war Wolfgang Marguerre oberster Leiter von Armour Pharmaceuticals, einem damals zum US-amerikanischen Kosmetikkonzern Revlon gehörendes Unternehmen. In dieser Zeit geriet die internationale Plasmaindustrie, darunter auch Armour Pharmaceuticals, zunehmend unter Druck.
Allein für die Sanierung der Stadthalle spendete Marguerre 57 Millionen
Berichte über Menschen, die nach der Behandlung mit aus Blutplasma gewonnenen Produkten an HIV oder Hepatitis C erkrankt waren, kamen ans Licht. Besonders betroffen waren Menschen, die an einer erblichen Blutgerinnungsstörung, einer Hämophilie litten – auch „Bluter“ genannt. Viele der Betroffenen schwiegen aufgrund der Stigmatisierung von HIV-*Erkrankungen. Das Stillschweigen anderer wurde mit Entschädigungszahlungen, die an Verschwiegenheitsklauseln gebunden waren, erkauft. Die Pharmaunternehmen profitierten durch das Schweigen und vertuschten so den Skandal.
Eine Recherche des Reportagen Magazins zeigt, dass das verunreinigte Plasma teilweise von Strafgefangenen, also einer Hoch-*risikogruppe, entnommen wurde. Diese Spenden wurden dabei nicht von externem medizinischem Personal, sondern von geschulten Häftlingen durchgeführt, wobei wichtige Ausschlusskriterien wie kürzlich gestochene Tattoos, ungeschützter Geschlechtsverkehr oder Drogenkonsum oft ignoriert wurden. Auch betrieben viele Firmen sogenanntes „Plasma Pooling“, bei dem die Spenden nicht einzeln verarbeitet, sondern in einem Tank zusammengeführt wurden. War nur eine davon kontaminiert, konnte dadurch eine gesamte Charge betroffen sein. Auch zahlreiche Hämophilie-Patient:innen, die Plasmaspenden von Armour Pharmaceuticals erhielten, infizierten sich auf diesem Weg mit HIV. Die wirtschaftlichen Interessen der Branche wurden rücksichtslos zu Lasten von Sicherheitsstandards verfolgt.
Und Wolfgang Marguerre? Dessen Rolle bleibt umstritten. Ein aktives Wissen über kontaminierte Produkte oder deren Folgen konnte ihm nie nachgewiesen werden. Amour Pharmaceuticals kaufte ein Vorzeige-Spendezentrum und führte einen, als Experten unter Vertrag genommenen Arzt, durch Selbiges. Dieser schwärmte begeistert von dem Unternehmen und um den Skandal wurde es still.
Ein Skandal macht noch keinen Millionär
Marguerre war also weiter im Geschäft und gründete nach seiner Zeit bei Armour sein eigenes Unternehmen: Octapharma. Der Name ist bezeichnend: „Octa“ verweist auf den Gerinnungsfaktor VIII, dessen Mangel Hämophilie verursacht. Betrachtet man den Zusammenhang von Marguerres früherem Job und den Schicksalen vieler Menschen mit Hämophilie, so bekommt der Name doch eine eher makabre Bedeutung.
1985 wandte sich der amerikanische Biochemiker Bernard Horowitz an Marguerre. Er suchte nach Geldgebern für die Entwicklung eines Verfahrens, das Viren in Plasmaspenden zerstört. Octapharma sagte als einziges Unternehmen zu und sicherte sich im selben Atemzug die Patentrechte des revolutionären Verfahrens für ganz Europa. Die Technologie erwies sich als Meilenstein für die Sicherheit von Plasmaprodukten. Aus dem kleinen Unternehmen Octapharma wurde einer der weltweit größten Plasmakonzerne – und aus Marguerre einer der reichsten Männer Europas.
Durch kontaminierte Plasmaprodukte erkrankten viele Menschen an HIV
Doch für manche sind die Folgen des Skandals immer noch präsent. Der Verband der Opfer des Blutskandals e. V. kritisiert in einem Statement auf seiner Website: „Seine [Marguerres] Rolle in dem damaligen Skandal ist fast völlig in Vergessenheit geraten. Strafen gegen die verantwortlichen Manager wurden nie verhängt, obwohl inzwischen tausende Menschen als Folge der damaligen Katastrophe leidvoll verstorben sind. Beteiligungen an den Entschädigungszahlungen hat Octapharma und ihr verantwortlicher Eigentümer nie gezahlt.“
Kommerz durch Blutspende
Heute betreibt Octapharma rund 200 Spendezentren überall auf der Welt. Spender:innen werden geldlich entlohnt. Auch in Deutschland ist das Unternehmen aktiv und unterhält 21 solcher Zentren, in Heidelberg gibt es jedoch keines. Besonders stark vertreten ist das Unternehmen in den USA. Dort hat Octapharma seine Standorte massiv ausgebaut, vor allem in ärmeren Städten und Stadtteilen. So auch in Cleveland – einer der ärmsten Großstädte des Landes. Hier finanzieren sich, laut Reportagen Magazin, viele Menschen durch Plasma-*spenden ihren Alltag und kaufen von dem Geld Nahrungsmittel oder Benzin.
Vielleicht ist diese gegenseitige Abhängigkeit auch der Grund dafür, dass Octapharma auf der deutschen Website nur 60 Plasma-*spenden im Jahr empfiehlt – was mit den Richtlinien des Deutschen Roten Kreuzes übereinstimmt – auf der US-Webseite darüber jedoch kein Wort verliert. Stattdessen springen einem auf der englischsprachigen Website Varianten des Slogans „Donate now! Get paid!“ förmlich entgegen. Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Plasmaspenden sind medizinisch unverzichtbar. Die Kommerzialisierung einer Spende ist vielleicht moralisch fragwürdig, aber nicht illegal. Ausgerechnet in der Schweiz, dem Sitz der Octapharma AG, ist das Spenden von Plasma gegen Geld jedoch verboten.
Ambivalente Philanthrophie
Wirtschaftlich hat sich das Modell der Spenden-Kommerzialisierung als erfolgreich erwiesen. Und Marguerre, der reinvestiert einen Teil seines erworbenen Geldes in die Kulturszene seiner Heimatstadt Heidelberg. Beweist dieses philanthropische Engagement also, dass ihm das Gemeinwohl am Herzen liegt? Oder dienen seine millionenschweren Spenden dazu, seinen Namen dauerhaft mit der Kultur Heidelbergs zu verbinden?
Es bleibt zu diskutieren, ob sich das zugrundeliegende Motiv für eine gute Tat auf das Endresultat auswirkt. Denn egal ob Marguerre altruistisch handelt, oder sich profilieren will – eine sanierte Stadthalle und einen schicken Theatersaal hat Heidelberg trotzdem. Und das in Zeiten eines Heidelberger Haushalts, der stark von Sparmaßnahmen in den Bereichen Soziales, Kunst und Kultur geprägt ist. Dennoch ist Marguerres Art der Kulturförderung recht einseitig und beschränkt sich auf elitäre Vorzeigeprojekte. Diese Einrichtungen bereichern das kulturelle Leben der Stadt zweifellos. Doch Kultur besteht nicht nur aus repräsentativen Gebäuden und klassischer Musik. Dass es stark vom Förderverständnis einzelner Großspender abhängt, welche Kunst- und Kulturprojekte eine Geldspritze erhalten, kann man durchaus kritisieren.
Sein neuester Streich
Auch Marguerres neuestes Projekt steht exemplarisch für sein Förderverständnis. Auf dem Gelände des Klosters Neuburg bei Ziegelhausen soll oberhalb des Neckars ein Kammermusik-Campus entstehen, inklusive Konzertsaal, Künstler-*wohnungen, Bistro und Tiefgarage. Dass Marguerre selbst Kammermusiker ist, dürfte kein Zufall sein. Man sieht an seinen Förderungen und Plänen also einen gewissen Hang zu einem eher traditionellen Kulturbegriff. Ein Gasthof musste bereits weichen, der Abriss ist trotz medialer Kritik durch den Gastronomen bereits erfolgt. Und auch die Brauerei zum Klosterhof, in der seit 17 Jahren Bio-Bier gebraut wird, muss ihre Türen schließen.
„Der Klosterbrauerei wird der Hahn zugedreht“, titelt die RNZ im Dezember 2025. Doch so eindeutig ist das Ganze nicht. In einem Gespräch mit dem ruprecht redet der Brauereibesitzer Rolf Schmiedgen erstmals mit der Presse. Demnach habe es detaillierte Pläne für einen Neuaufbau der Brauerei weiter oben am Hang gegeben. „Eigentlich war geplant, dass wir diesen Sommer schlüsselfertig umziehen. Wir hatten mit den Marguerres alles fertig durchgeplant, sogar die neue Brauereiausstattung“, sagte der Brauereimeister. Laut ihm sei der Wille vorhanden gewesen, eine Umsetzung jedoch risikobehaftet und wahrscheinlich dauerhaft nicht wirtschaftlich.
Trotz des Endes der Brauerei betonte Schmiedgen sein gutes Verhältnis zu den Marguerres und wirkte beinahe erleichtert: „Unter den heutigen wirtschaftlichen Umständen nochmal mindestens zehn Jahre ins Risiko zu gehen, da gehe ich lieber und habe wieder Zeit für die Familie. Als Selbstständiger hat man keine Familie, keinen Urlaub, keine Freizeit.“
Sein neuestes Projekt ist ein Kammermusik-Campus in Ziegelhausen
Auch die Mönche, die das Kloster bis heute bewohnen und verwalten, hätten, laut Schmiedgen, wohl händeringend nach einem Pächter oder Käufer für das Areal gesucht. Die Abtei bleibt von den Baumaßnahmen unberührt, die große denkmalgeschützte Scheune wird grundsaniert und zur Konzerthalle umgebaut. Die Neben-*gebäude, in denen sich aktuell noch die Brauerei befindet, werden abgerissen. Weder die Familie Marguerre noch die Koordinatorin des geplanten Kammermusikcampus waren für ein Gespräch mit dem ruprecht bereit.
Kadenz
Der geplante Kammermusik-Campus ist ein weiteres von Marguerres Großprojekten, von denen die Stadt Heidelberg mit Sicherheit profitieren wird. Und während andere Multi-Millionäre mit ihrem Geld den Mars ansteuern, investiert Marguerre sein Vermögen in die Heidelberger Kulturszene. Dennoch bleibt ein gewisser Nachgeschmack bestehen. Marguerres wirtschaftlicher Aufstieg ist mit einer Branche verbunden, deren Geschichte bis heute kontrovers diskutiert wird. Da ihm eine persönliche Verstrickung in den Blutskandal nie nachgewiesen werden konnte, ist die Debatte über seine Verantwortung bis heute nicht zu Ende.
geschrieben von Lily Grau und Robert Trenkmann
...schreibt wonach ihr grade der Sinn steht und leitet seit dem Sommersemester 2025 die Bildredaktion als 50% einer Doppelspitze
...leitet Feuilleton und studiert nebenbei Geographie in Kombination mit Politikwissenschaft im Master.
Interessenschwerpunkte: ferne Länder, Tagespolitik & Sport.






