Arian Feriduni studiert in Heidelberg Medizin und ist Ortsgruppenkoordinator der Seenotrettungsorganisation SOS Humanity. Mit seinem Team informiert er über die Situation von Geflüchteten auf dem Mittelmeer und sammelt Spenden für Rettungseinsätze. Im Gespräch mit dem ruprecht erklärt er, warum er sich engagiert, welche politischen Hindernisse Seenotretter:innen überwinden müssen und weshalb es für ihn am Ende um die Frage geht: Helfen wir Menschen in Lebensgefahr – oder nicht?
Gab es einen Moment für dich, in dem du entschieden hast: „Ich möchte mich in der Seenotrettung engagieren“?
Da gab es tatsächlich einen Moment. 2022 war ich auf Wohnungssuche in Heidelberg und hörte auf der Rückfahrt in meine Heimatstadt Frankfurt in den Nachrichten von einem Unglück im Mittelmeer, bei dem viele Menschen bei der Flucht gestorben sind. Das hat mich dann in dem Moment irgendwie sehr, sehr getroffen. Ich habe für mich beschlossen: Wenn ich wieder in Frankfurt bin, werde ich mich mehr mit der Thematik befassen. Und das habe ich dann auch gemacht. Danach stand für mich fest: Ich muss was tun. Ich möchte nicht, dass das einfach so weitergeht, dass regelmäßig Menschen auf dem Mittelmeer sterben und irgendwie niemand wirklich was dagegen tut. Ich habe mich nach Seenotrettungsorganisationen umgeschaut und bin dann auf SOS Humanity gestoßen. Die Ortsgruppe in Heidelberg habe ich dann Anfang 2023 mitgegründet.
Warum braucht eine Organisation, die primär im Mittelmeer aktiv ist, eine Ortsgruppe in Heidelberg?
Sowas hört man sehr oft. „Seenotrettung” in Heidelberg? Ist denn Heidelberg am Mittelmeer? Darauf antworten wir immer, dass wir die Arbeit auf dem Mittelmeer irgendwie auch vom Land aus unterstützen müssen. Es gibt drei Dinge, die man an Land tun kann. Die erste Sache ist, dass man über die Thematik aufklärt und darüber mit Menschen ins Gespräch kommt. Dazu gehen wir zum Beispiel auf Schulbesuche oder sind bei Events oder Konzerten anwesend. Der zweite große Teil ist das Sammeln von Spenden. Damit die Einsätze auf dem Mittelmeer überhaupt realisiert werden können, brauchen wir Geld. Und dieses Geld sammelt sich vor allem durch aktive Arbeit an Land. Der dritte Punkt ist die politische Arbeit. Zum Beispiel starten wir immer mal wieder Petitionen. Dafür werben wir natürlich immer an Land, damit möglichst viele Leute unterschreiben. Dann gibt es auch Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen oder die wir organisieren, zum Beispiel Demonstrationen.
Wie reagieren die Menschen in Heidelberg auf eure Arbeit? Gibt es Begegnungen, die bei dir bis heute nachhallen?
An unseren Ständen kommen wir mit sehr vielen Menschen ins Gespräch und kriegen mit, wie sie so zu diesem Thema stehen. Da habe ich noch eine Sache in Erinnerung, die ich niemals vergessen werde. Ein älteres Paar ist auf uns zugekommen und hat gelesen, dass wir uns für Seenotrettung einsetzen. Wir haben so ein großes Banner, wo „Leben retten ist Pflicht“ steht. Und dieses Paar ist an uns vorbeigelaufen und hat gerufen: „Ach nein, nicht noch mehr Terroristen!“ Das war ein sehr einprägsames Erlebnis für mich. Und das war auch nicht das einzige Mal, dass sowas passiert ist. Solche Erfahrungen zeigen das Stimmungsbild in der Stadt und in der Gesellschaft. Es gibt viele Misskonzeptionen zum Thema Seenotrettung und viele Menschen haben ein sehr schlechtes Bild davon und sind an sich Migration gegenüber negativ eingestellt. Das kriegt man bei der Arbeit einfach mit. Stadtteilübergreifend und auch in allen Altersgruppen. Man hat aber auf der anderen Seite – und diese Leute sind in der Überzahl – sehr viele Menschen, die auf uns zukommen und unsere Arbeit loben und fragen, wie sie uns unterstützen können. Das gibt einem auch Hoffnung.
Haben sich die Interaktionen aufgrund des veränderten politischen Klimas auch verändert?
Wir müssen uns immer mehr herantasten, wenn wir mit einer Person ins Gespräch kommen. Wir können am Anfang natürlich nie einschätzen: Ist diese Person jetzt informiert über das Thema? Ist diese Person der Seenotrettung gegenüber grundsätzlich positiv oder negativ eingestellt, oder hat die Person ein Problem mit Migration? In den letzten Jahren ist uns aufgefallen, dass Leute immer vorsichtiger werden, wenn wir sie ansprechen und dann vielleicht nicht direkt bereit sind, mit uns zu reden oder zu spenden. Weil das Thema Migration immer stärker polarisiert, und auch immer stärker politisiert wird.
Was sagt ihr zu Leuten, die meinen: „Seenotrettung löst die eigentlichen Probleme nicht“?
Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir uns eine Welt wünschen, in der es keine Kriege gibt, keine politische Verfolgung von Menschen – in der jeder Mensch in seinem Heimatland friedlich leben und glücklich sein kann. Die Realität ist nun mal anders. Wir leben in Zeiten, in denen es nicht selbstverständlich ist, dass wir in Frieden leben und solange die Welt so ist, können wir da nicht unsolidarisch sein und sagen, diese Menschen, die flüchten müssen, sind auf sich alleine gestellt. Es geht darum zu verstehen: Natürlich würden wir uns wünschen, dass diese Menschen gar nicht flüchten müssten. Und die Seenotrettung löst auch nicht die zugrundeliegenden Probleme, das behauptet ja auch niemand. Aber diese Probleme existieren und bis sie gelöst werden, muss man diesen Menschen helfen, weil die Alternative ist, dass sie ertrinken. Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert.
Kommt das bei den Menschen an?
Ich habe schon das Gefühl, dass man sich auf viele Dinge verständigen kann. Wenn man ins Gespräch kommt und erklärt, dass es um Menschen geht, die nicht freiwillig ihr Zuhause verlassen, entsteht häufig mehr Verständnis, als man zunächst erwarten würde. Viele Menschen haben falsche Vorstellungen und Ängste, die von Außen geschürt werden. Spricht man dann darüber, habe ich schon oft erlebt, dass das auch bei Leuten Anschluss findet, die dem Thema kritisch gegen-*überstehen. Weil es eigentlich simpel ist. Bei einem Schulbesuch in einer achten oder neunten Klasse haben wir dazu ein kleines Spiel gemacht. Die Schüler:innen sollten sich, je nachdem, ob sie zustimmen oder nicht, auf einer Seite des Raums aufstellen. Zuerst haben wir gefragt: „Wenn ihr auf dem Schulhof jemanden seht, der sich verletzt hat, würdet ihr helfen?“ Natürlich haben alle Ja gesagt. Dann haben wir gefragt: „Wenn ihr einen Unfall beobachtet, würdet ihr Hilfe rufen oder leisten?“ Wieder waren alle dafür. Und dann haben wir gefragt: „Wenn ihr auf dem Mittelmeer Menschen seht, die ertrinken, würdet ihr ihnen helfen?“ Auch da haben natürlich alle gesagt: Ja, klar. Ich denke, wenn man es auf dieser Ebene bespricht, wird vielen klar: Das sollte gar kein politisches Thema sein, es wird nur politisch gemacht.
Du bist bei deiner Arbeit ständig mit menschlichem Leid konfrontiert. Hinzu kommt die oft hoffnungslose Nachrichtenlage. Wie gehst du damit um?
Das ist manchmal schwer. Über das Heidelberger Projekt Café Talk habe ich viel Kontakt zu Geflüchteten, unter anderem aus Afghanistan. Viele erzählen von ihren Fluchterfahrungen, und das macht einen natürlich traurig. Gleichzeitig beeindruckt mich, wie motiviert diese Menschen sind, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Diese Begegnungen geben einem Kraft. Genauso ist es bei unserer Arbeit: Natürlich erlebt man Ablehnung und sieht immer wieder Nachrichten, die einen verzweifeln lassen. Aber die positiven Begegnungen sind genauso wertvoll, überwiegen für mich am Ende und helfen dabei, mit der Hoffnungslosigkeit umzugehen, die einen manchmal überkommt.
Welche politischen Entwicklungen bereiten dir derzeit die größten Sorgen?
Da gibt es so viel. Besonders akut ist für uns gerade die Finanzierung. Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ihre finanzielle Unterstützung für die zivile Seenotrettung im Mittelmeer ersatzlos eingestellt. Wir können, Stand jetzt, von September bis Dezember keine Einsätze auf dem Mittelmeer realisieren. Um das nochmal zu verdeutlichen: Wenn wir nicht genug Geld sammeln, dann werden ab September keine Einsätze mehr stattfinden und das heißt für diese Zeit, jeder Mensch, der auf dem Mittelmeer in Not gerät und nicht gerettet werden kann, wird sterben. Gleichzeitig erleben wir, dass die Arbeit von Seenotrettungsorganisationen politisch immer stärker erschwert wird. Wir haben den Rechtsruck, den wir überall in Europa beobachten und das macht die Arbeit nicht gerade leichter. Ein Beispiel sind die sogenannten Piantedosi-Dekrete in Italien. Dadurch können Rettungsschiffe deutlich leichter festgesetzt werden. Unser Schiff, die Humanity One, wurde erst vor Kurzem für 60 Tage in einem italienischen Hafen festgesetzt und musste ein Bußgeld zahlen. Sowas passiert nicht nur uns, sondern auch anderen Seenotrettungsorganisationen.
Was man auch sehr oft sieht, ist, dass die italienische Regierung uns Häfen zuweist, die sehr weit entfernt sind. Statt nach Sizilien zu fahren, müssen die Schiffe dann teilweise bis nach Norditalien. Für die Menschen an Bord, die oft traumatische Erfahrungen hinter sich haben, bedeutet das noch mehr Zeit auf See. Für uns bedeutet das höhere Kosten und weniger Zeit für weitere Einsätze. Das ist eine Taktik, die unsere Arbeit einfach schwerer macht. Sorgen macht mir auch die sogenannte libysche Küstenwache. Wir sagen bewusst „sogenannte“, weil das aus unserer Sicht keine normale Küstenwache ist. Denn Es gibt zahlreiche Berichte von Menschenrechtsorganisationen und Zeugenaussagen darüber, dass Menschen auf dem Mittelmeer abgefangen und nach Libyen zurückgebracht werden. Dort drohen ihnen ganz schreckliche Dinge – Folter, Vergewaltigung, Sklavenhandel und andere schwere Menschenrechtsverletzungen. Erst vor Kurzem wurde außerdem bekannt, dass auf ein Rettungsschiff einer anderen Organisation geschossen wurde. Und das Schreckliche daran ist: Diese sogenannte libysche Küstenwache wird von der EU unterstützt. Darüber sprechen wir auch in unserer Petition. Ich habe oft das Gefühl, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass europäische Gelder in solche Strukturen fließen.
Gibt es etwas, was du dir konkret von der Bundesregierung wünschst?
Eigentlich würden wir uns wünschen, dass wir unsere Arbeit gar nicht machen müssen. Dass Seenotrettung nicht von zivilen Organisationen übernommen werden muss, sondern dass die EU selbst dafür sorgt, dass Menschen auf dem Mittelmeer gerettet werden. Weil das aber aktuell nicht passiert, wäre der erste Schritt aus meiner Sicht, uns zumindest nicht noch zusätzlich Steine in den Weg zu legen. Also die Fördermittel nicht zu streichen und Organisationen wie uns bei der Arbeit zu unterstützen. Und ich würde mir wünschen, dass Deutschland seiner Rolle in Europa gerecht wird. Wenn Deutschland oft als Motor der EU bezeichnet wird, dann sollte die Bundesregierung auch klar Position beziehen, wenn Menschenrechte infrage gestellt werden.
Worauf bist du als Koordinator der Ortsgruppe Heidelberg besonders stolz?
Ich glaube einfach darauf, wie sehr die Gruppe gewachsen ist. Als wir angefangen haben, waren wir nur ein paar Leute. Inzwischen sind wir deutlich mehr geworden, etwa 40 aktive Mitglieder. Viele kommen über unsere Veranstaltungen zu uns, andere zum Beispiel über den Arbeitskreis Seenotrettung in der Fachschaft Medizin. Man merkt, dass wir als Gruppe inzwischen viel mehr auf die Beine stellen können als noch am Anfang. Wir bauen gerade unsere Öffentlichkeitsarbeit aus, sind auf Instagram (@soshumanity_heidelberg) aktiver, machen Kooperationen mit Cafés und organisieren andere Events. Viele Menschen wissen gar nicht, was aktuell auf dem Mittelmeer passiert. Deshalb versuchen wir, das Thema sichtbarer zu machen. Dass wir das inzwischen mit so vielen engagierten Leuten gemeinsam machen können, darauf bin ich schon stolz.
Das Gespräch führte Faustyna Gonka
...studiert derzeit Jura und fand im Frühjahr 2025 zum ruprecht. Leitet heute die Seiten 1–3 und begeistert sich für alle Geschichten, die mit „Eigentlich wollte ich nur kurz nachschauen…“ beginnen und dann in einem investigativen Kaninchenloch enden.
...studiert Biowissenschaften, schreibt seit WS 2023 für den Ruprecht und nutzt Interviews als Grund um mit interessanten Leuten zu reden






