Im Vorlesungsverzeichnis stehen fast nur Werke von weißen Männern. Die Kritische Germanistik möchte dies ändern
Am 7. Mai 2026 gründete sich im Germanistischen Seminar eine neue studentische Initiative: die „Kritische Germanistik“.
Eine der beiden Mitgründerinnen erzählt, dass für sie ihre eigene Semesterplanung ausschlaggebend gewesen sei: Im Vorlesungsverzeichnis sei ihr aufgefallen, dass 90 Prozent der Autor:innen weiße Männer seien. Sie habe sich deshalb gefragt, warum es in der Wissenschaft und der universitären Lehre kein vielfältigeres Angebot gibt. Gerade die Germanistik sei ein sehr weiblich geprägtes Fach, was auf höheren Ebenen aber kaum repräsentiert werde.
Dass der Anstoß für die Gründung sich aus einem Missverhältnis zwischen der Repräsentation männlicher und weiblicher Autor:innen ergeben hat, bedeutet nicht, dass nur diese Thematik beleuchtet werden soll. Vielmehr gehe es ihnen allgemein um marginalisierte Stimmen in der Literatur, was auch eng mit Rassismus oder der Diskriminierung gegen queere Personen verbunden sei.
Im Kontext von Rassismussensibilität verweist eine Studentin auch darauf, dass sich diese nicht nur auf das Lesen der Werke, sondern auch auf eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Fachs beziehe.
Damit sei die Kritische Germanistik eine aktiv kritisierende Instanz, die aufzeigen will, dass eine Auseinandersetzung mit marginalisierten Autor:innen durchaus machbar ist. Der Name „Kritische Germanistik“ sei dabei eine bewusste Anlehnung an die Kritischen Jurist:innen, da sie sich eine ähnliche Instanz auch für das eigene Fach gewünscht hätten.
Zentrale Ziele seien die Etablierung einer dauerhaften Initiative, die in der Lage sein soll, das Seminar zu einer Auseinandersetzung mit der angebrachten Kritik zu bewegen. Zusätzlich liegt, wie bereits erwähnt, ein Fokus auf der Beleuchtung von marginalisierten Perspektiven, denn es gebe sie und es wäre möglich, sie stärker in den Literaturbetrieb einzubinden. Die Universitäten seien dafür bedeutend, da sie durch eine Kanonisierung den Literaturbetrieb prägen würden.
Dies führe zu einem Kreislauf, der das bestehende Ungleichgewicht weiter verstärke: Dozent:innen, die sich mit nicht-kanonisierten Autor:innen oder Themen auseinandersetzen wollen, stünden vor der Problematik, dass es wenig Forschung gibt und Texte teilweise gar nicht verlegt werden. Dennoch sei die Forderung nach einem veränderten Lehrangebot legitim, auch wenn das im Zweifelsfall mit einem höheren Arbeitsaufwand verbunden ist.
Eine Auseinandersetzung mit marginalisierten Stimmen sei machbar
Konkret sei geplant, jedes Semester ein Thema auszuwählen und passende Veranstaltungen wie Vorträge von Dozierenden, Diskussionsrunden oder Leseabende zu organisieren. Daneben gebe es Überlegungen, wie Student:innen noch aktiver eingebunden werden können.
Da die Gruppe noch ganz am Anfang steht, erhoffen sie sich für die nähere Zukunft vor allem mehr Interesse bei Student:innen zu wecken, um den Stand der Lehre zu problematisieren und mehr Aufmerksamkeit auf die Auswahl der Autor:innen zu lenken.
Ein sehr aktueller Aspekt sei die Vergabe der Poetikdozentur im Sommersemester 2026. Diese ist eine Veranstaltungsreihe, die das Germanistische Seminar ausrichtet, bei der Autor:innen Einblicke in die eigene Arbeit geben. Dieses Semester ist die Wahl auf Clemens Meyer gefallen – ein Autor, der 2024 für Schlagzeilen gesorgt hat, nachdem er pöbelte und entrüstet den Raum verließ, weil er den Buchpreis auf der Frankfurter Buchmesse nicht erhalten hatte.
Diese Situation sei symptomatisch für einen allgemeinen Missstand im Literaturbetrieb, bei dem in erster Linie Männer mit einem Monopol auf gute Literatur auftreten. Zusätzlich werde solches Verhalten im Zweifelsfall nicht verurteilt, sondern entsprechenden Personen wird weiter eine Bühne geboten. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik sei auch zentral für das erste Semesterthema mit dem Titel: „Konkurrenz, Kapital und Kunstfreiheit. Reflexionen zum Kulturbetrieb der Gegenwart“, gewesen.
Abschließend verdeutlicht die Kritische Germanistik, dass sie sich als Initiative wahrnehme, die vor allem die Lehre in Heidelberg hinterfragen und im besten Fall beeinflussen möchte – auch über Veranstaltungen und eine Präsenz in den Sozialen Medien.
Von Emma Keßler
…studiert Psychologie im Bachelor. Seit Frühjahr 2025 schreibt sie für den ruprecht und hilft seit einiger Zeit auch bei der Website mit.





