Wir haben uns in Heidelberg und seinen Instituten auf Schatzsuche im Wirrwarr der Aushänge begeben
Egal, wo man sich in Heidelberg bewegt, überall begegnen uns Plakate, die verschiedenste Veranstaltungen bewerben. Je nachdem, worauf man Lust hat, kann man Ausstellungen, Konzerte, Vorträge oder Parties finden. Trotzdem laufen wir häufig einfach daran vorbei: Wir haben für euch getestet, was passiert, wenn man den Plakaten einfach folgt …
Sprechende Steine
Schon vor Beginn des Vortrags „Sprechende Steine“ von Jonas Osnabrügge fällt mir auf, dass ich den Altersdurchschnitt im Hörsaal deutlich senke. Das Thema erweist sich dann aber als überraschend lebendig: Im Mittelpunkt stehen antike Inschriften, die weit mehr sind als bloße Texte, auch wenn sie nicht wirklich gesprochen haben. Als materielle Zeugnisse verraten sie durch Standort, Gestaltung und Kontext viel über das Leben in der Römerzeit. Besonders spannend finde ich die Leugensteine aus Heidelberg. An ihnen verdeutlicht Osnabrügge, dass selbst ein gut erforschtes Feld durch neue Funde und Fragestellungen weiterhin spannende Erkenntnisse liefert.
Goethe wäre stolz
Als ehemaliger Deutschunterricht-Nerd interessiert mich der Aushang für das Stück „Der Groß-Cophta“ direkt. Bereits beim Verteilen der letzten ruprecht-Ausgabe wurde mir ein Flyer dafür in die Hand gedrückt, was ich als Zeichen nehme: Ich muss hingehen. Im Theater war ich in Heidelberg schon oft, doch die Gruppe „Vogelfrei“ kenne ich noch nicht. Das Ticket kaufe ich mir auf Spendenbasis an der Abendkasse – dazu eine Zitronenlimonade und ein veganes Brot für insgesamt 1,50 Euro. Das Bühnenbild ist detailreich gestaltet und die Schauspieler:innen gehen völlig in ihren Rollen auf. Auch das aktive Publikum trägt deutlich zur Stimmung bei. Zwischendurch lenkt mich der Kampf zwischen einer unschuldigen Wespe und einer leider sehr zielsicheren Frau mit Fächer ab, doch sonst bin ich völlig in das Stück vertieft. Diese Theatergruppe werde ich mir merken.
Für die Wissenschaft!
Anforderungen: Über 18, Englischkenntnisse auf B1 Niveau und eine funktionierende Sehfähigkeit – drei Mal check. Ich scheine gut vorbereitet. Durch ein Plakat im psychologischen Institut auf eine Studie zur Entscheidungsfindung aufmerksam gemacht, sitze ich kurz nach elf vor dem PC in Übungsraum F. In drei Runden wähle ich höchstkonzentriert zwischen verschiedenen Mustern und sammle dabei Punkte. Mein Ergebnis: 91 Punkte – Was das jetzt über meine Entscheidungsfindung aussagt erfahre ich nicht. Dafür erhalte ich aber stolze 3,70 Euro und ein Dokument, das mir eine Versuchspersonenstunde zum Anrechnen für mein eigenes Studium bestätigt. Mit dieser Ausbeute bin ich nach simplen 40 Minuten Einsatz wirklich mehr als zufrieden.
Auch Bergheim kann feiern
Den Aushang für das Bergheim-Sommerfest habe ich das erste Mal im ethnologischen Institut entdeckt. Sobald man auf den Vorplatz der Bergheim-Bib tritt, begrüßt einen laute Musik, die der DJ über den ganzen Platz schmettert. Aushänge machen auf einen Awareness-Raum und kostenloses Wasser an der Bar aufmerksam, was mein Wohlgefühl direkt steigert. Bei 39 Grad und kaum
Schatten ist die Hitze schwer auszuhalten, weshalb mehrere der Anwesenden einfach barfuß in den Brunnen steigen. Mein absolutes Highlight des Abends: Eine aktive Seifenblasenmaschine angebracht am Balkon! Ich kann definitiv sagen, diese Feier hat sich gelohnt.
Du entkommst ihr nicht
Vor den Public-Viewings konnte man sich in letzter Zeit kaum retten: Jede Ecke bietet sie an und wie mir ein Aushang zeigt, gehört auch der Marstall dazu. Ich wollte das ignorieren – Fußball fällt kaum in meinen Interessenbereich und die WM boykottiere ich sowieso. Doch ich merke schnell, dass ein Fluchtversuch keine realistische Option ist – Spiele auf unzähligen Bildschirmen und überall Deutschlandflaggen… und als ich abends in meiner Altstadt-WG noch einmal alles zum Lüften aufreiße, komme ich nicht drumherum auditiv alles von der Niederlage Deutschlands direkt aus meinem Bett heraus mitzuerleben.
Corpus Delicti
Mich als True Crime-Enthusiastin hat der Titel der Vortragsreihe „Corpus Delicti – Vom ‘True Crime’ zur Mediävistik“ direkt gecatcht und ich wurde nicht enttäuscht. Bei gefühlten 40 Grad begebe ich mich zu „Darstellungen von Verbrechen und Strafe als Bildpropaganda im Spätmittelalter“ von Volker Hille. Innerhalb von 45 Minuten lerne ich, wie ein Grabdeckel, auf dem der bestattete Ritter enthauptet wird, und eine Darstellung von Kindsmord durch die Vermittlung von antijudaistischen Vorstellungen verknüpft werden können. Dem thematischen Input folgt eine kurze Diskussionsrunde. Bis zum Ende der Vorlesungszeit finden noch drei Veranstaltungen statt, jeweils donnerstags um 18:15 Uhr im Hörsaal des Historischen Seminars.
Los Angeles im Spotlight
Von der Hauptstraße gelange ich ins Heidelberg Center for American Studies, in dessen Eingangsbereich die Fotografien von Anton Wagner auf mich warten. Wagner war – wie mich eine Plakette informiert – ein Geograph, der 1932/33 die Entwicklung von Los Angeles fotografisch dokumentierte. Spannend ist, dass Los Angeles der Prototyp einer Stadt war, die komplett auf Autos ausgerichtet ist. Mich hat außerdem überrascht, dass auf einem Bild ein Turm zur Ölförderung abgebildet ist, der mitten in einem Wohngebiet steht. Daneben fällt mir auf, dass das charakteristische Hollywood Sign leicht anders aussieht als heute. Dem könnt ihr selbst noch bis zum 24. Juli nachgehen. Der Eintritt ist sogar frei.
Es zeigt sich, dass es sich lohnen kann, den Wald aus Plakaten manchmal genauer zu betrachten. Wir haben viele interessante, sehr unterschiedliche und oft kostenlose Erfahrungen sammeln können, auf die wir anders wohl kaum aufmerksam geworden wären.
Von Leah Bohle, Laetitia Klein und Emma Keßler
...studiert Ethnologie und Psychologie und leitet seit dem Sommersemester 2026 das Ressort "Studentisches Leben". Ihr Interesse zieht sich durch alle Ressorts, weshalb sie sich auch möglichst jedem davon mal annehmen möchte. Mit einer möglichst bunten Themenvielfalt fühlt sie sich am wohlsten
...ist schon immer gerne der Frage Warum nachgegangen. Diese Leidenschaft prägt nicht nur ihr Studium der Geschichte und Politikwissenschaften sondern seit 2025 auch ihre Mitarbeit beim ruprecht. Besonders gerne verliert sie sich in Recherchen oder Aktuellem aus Kultur und Politik.






