Keine Kohle? Kein Problem! Diesmal geht es nach Frankreich
Ich sitze in einem neongrünen Fernbus dessen Lüftung mit dem Enthusiasmus eines alten Staubsaugers röhrt. Farbe und Lüftung verbreiten bei mir wenig Urlaubsstimmung – in Begleitung des blaugelben Vintage-Wanderrucksacks meiner Tante freue ich mich dennoch auf die nächsten zehn Tage. Die Direktverbindung Heidelberg–Perpignan wird einmal täglich angeboten und kostet in der Nebensaison – in meinem Fall Ende September bis Anfang Oktober – etwa 50 Euro pro Fahrt.
Wenn alles glatt läuft, erreicht man nach knapp 16 Stunden den äußersten Süden Frankreichs. Mein Ziel: Argelès-sur-Mer, eine ruhige Kleinstadt kurz vor Spanien im Département Pyrénées-Orientales.
In 16 Stunden sieht man viel. Leute, die essen, stricken, Serien bingen und solche, die schlafen. Schlafen wäre das Klügste, was man auf so einer Fahrt tun könnte. Ich tue es nicht. Vielleicht, weil man in einem vollbesetzten Fernbus nachts nichts aus der Hand geben möchte – nicht einmal das Bewusstsein. Stattdessen unterhalte ich mich, beobachte vorbeifliegende Lichter auf der Autobahn und höre Podcasts, die ich mir in weiser Voraussicht über die letzten Wochen aufgehoben habe.
Frühmorgens steige ich in Perpignan aus, einer Stadt mit deutlichem katalanischen Einfluss nahe der Mittelmeerküste. Von hier aus startet mein Frankreichurlaub mit einer 15-minütigen Zugfahrt nach Argelès-sur-Mer (knapp 6 Euro). Wer noch nicht genug vom Bus hatte, kann das Angebot der Region Okzitanien nutzen: Für 1 Euro pro Fahrt lassen sich viele Linien des Départements befahren.
In Argelès erwartet mich eine vier Wochen zuvor gebuchte Ferienwohnung im obersten Stock eines modernen Hochhauses: drei Zimmer, Küche, Bad und 360-Grad-Blick auf Meer und Berge. Direkt am kilometerlangen Sandstrand – und das zum günstigen Nebensaisonpreis von knapp 450 Euro für zehn Tage. Bei der Schlüsselübergabe fragt der Vermieter, ob ich zum Arbeiten hier sei. Papperlapapp! Ich werde französischen Käse essen, barfuß am Strand im wellenumspülten Saum spazieren und mein Schulfranzösisch nutzen, um etwas mit charmanten Senioren und Fischern zu flirten.
Abseits der Tourizeit ist die Temperatur angenehm: nicht mehr zu heiß, noch nicht zu kühl. Es gibt keine überfüllten Orte, denn die Einheimischen haben sich ihre Strandpromenade zurückerobert. Und das Beste: Ich esse nur in authentischen Restaurants zu fairen Preisen, denn die Tourifallen sind für die Nebensaison geschlossen.
Hinter dem Hafen von Argelès beginnt der etwa 3,5 Kilometer lange Küstenpfad Sentier du Littoral, der über Klippen und Buchten nach Collioure führt. Der Weg ist steinig, stellenweise steil – und genau deshalb so schön. Nach etwas mehr als zwei Stunden bin ich in der charmanten Küstenkleinstadt mit Hafen, bunten Häusern und verwinkelten Gassen. Hier geht es noch etwas touristischer zu.
Einziger Minuspunkt der Nebensaison: Das kleine Kunstmuseum in Collioure ist für die Wintermonate zu. Stattdessen besuche ich das Château Royal, das von Oktober bis Mai jeden ersten Sonntag im Monat kostenfreien Eintritt bietet. Anschließend spaziere ich durch einen Olivenhain vorbei an einer Ölmühle und durch Weinberge, bevor ich mich abends an der windstillen Steinwand der Promenade Rue Jean Bart niederlasse.
Baguette aus einer Boulangerie und aromatische Tomaten vom Markt
Hier sitzen die Einheimischen wie Eidechsen an der Wand und beobachten flanierende Menschen, lauschen dem rauschenden Wellengang und genießen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Ich habe ein Baguette aus einer Boulangerie, ein paar aromatische Tomaten, saftigsüße Pfirsiche und in Öl eingelegte Oliven vom Markt. Dazu würzigen Käse und ein bisschen Rotwein aus dem Weingut in Saint-Génis-des-Fontaines. Die Leute lächeln mir und meinem vorzeigbaren Picknick zu; ich lächle zurück. Das Meer glitzert vor mir, als die Sonne hinter den Pyrenäen verschwindet. Zurück nach Argelès bringt mich ein kleines Shuttleboot für knapp 15 Euro.
Geübte Wanderer:innen mit erstklassigem Schuhwerk werden die wunderschöne, durchaus anspruchsvolle Route vom Gare d’Argelès-sur-Mer vorbei an Schloss Valmy, teils unter alten Korkeichen, hinauf zum Tour de la Massane genießen. Der steile Aufstieg von knapp 800 Höhenmetern ist in mehrfacher Hinsicht atemberaubend.
Für einen weiteren Tagesausflug bietet sich die Künstler:innen-Kleinstadt Céret an. Hier befindet sich das Musée d’Art Moderne, das junge Menschen unter 26 Jahren kostenfrei besuchen können. Samstags ist Markttag, dann ziehen sich die Stände durch die Gassen des Stadtzentrums. Kulinarisch hat die gesamte Region viel zu bieten, etwa fangfrischen Fisch, den es versteckt an zwei winzigen Ständen direkt am Hafen von Argelès-sur-Mer gibt. Weitere Spezialitäten der Region an der spanischen Grenze sind eisgekühlte, weiße Sangria und Bunyetes – gezuckerte, frittierte Teigfladen.
Im Fernbus Richtung Deutschland unterhalte ich mich freundlich mit meinem Sitznachbarn über seine Enkelkinder und das Leben. Kurz vor Heidelberg wird die Begegnung etwas zu freundlich. Da fällt mir auf: Vielleicht ist es Zufall, vielleicht Gesetzgebung – Catcalling ist in Frankreich seit 2018 verboten – aber während meines Urlaubs wurde ich kein einziges Mal belästigt.
Von Daniela Rohleder
...studiert Editionswissenschaft & Textkritik im Master und ist im Herbst 2021 beim ruprecht eingestiegen. Zwischen Oktober 2022 und November 2023 leitete sie das Ressort „Studentisches Leben“. Auch thematisch widmet sie ihr Zeichenlimit gerne dem studentischen Blick auf die Umwelt – wobei sie einiges über Radiosender, Feierkultur und Elternschaft gelernt hat.





