Und jüngst hörte ich den Teufel dies Wort sagen: HEIDI ist tot und lang lebe OCLC. Warum die Leitung der Universitätsbibliothek sich für OCLC entschieden hat und was diese Entscheidung für Studierende bedeutet
Das rustikale 90er-Jahre Webinterface mit seinem nostalgischen Flair, das goldgelbe Histogramm auf der linken Seite, die unübersichtliche Wand textdichter Suchergebnisse, die einen zu erschlagen droht – das alles und vieles mehr gehört seit dem 22. Juni der Vergangenheit an.
Die Universitätsbibliothek (UB) Heidelberg hat im April diesen Jahres auf ihrer Homepage den Umstieg auf ein neues Bibliotheksmanagementsystem bekanntgegeben – das cloudbasierte WorldShare Management Services (WMS) des Anbieters OCLC, eine Non-Profit-Organisation (NPO) mit Sitz in Ohio. Auch der Bibliothekskatalog HEIDI wird eingestellt und durch WorldCat Discovery von OCLC ersetzt.
Im Gespräch mit dem ruprecht erläutert Martin Nissen, Abteilungsleiter der UB, dass dieser Wechsel erforderlich sei „da das bislang genutzte System SISIS-SunRise seit über 25 Jahren im Einsatz ist und nun nicht weiterentwickelt wird.“ Er betont, dass die UB „mit dem Bibliothekskatalog HEIDI voll zufrieden ist, aber das dahinterliegende Bibliothekssystem […] aus den 90ern war“, so Nissen.
Von Seiten der UB werden drei große Vorteile des neuen Systems hervorgehoben: Durch die Zusammenführung des Heidelberger Bibliotheksbestands sowie den Fremddaten entsteht ein Suchraum mit ca. 6 Milliarden Einträgen. Diese Erweiterung des Suchraumes ist jedoch zweischneidig, wie Nissen betont: Wer spezifisch sucht hat in wenigen Klicks das Ergebnis. Die thematische Suche wird jedoch durch den größeren Suchraum herausfordernder – man ist auf den Algorithmus angewiesen.
Ein zweiter großer Vorteil ist die responsive und barrierefreie Weboberfläche. Und zuletzt „stellt das neue System die E-Medien in den Mittelpunkt; das alte System zielte vom Geschäftssystem mehr auf die analogen Medien ab“, betont Nissen.
Der Umstiegsprozess begann bereits vor 10 Jahren. Die Umstellung ist indes nicht unstrittig. Zu den Vertragskonditionen, den Kosten oder etwaigen Rabatten wollte sich die UB nicht äußern. Es handelt sich jedenfalls um ein Abomodell mit einer vierjährigen Vertragslaufzeit.
Ein anderes Produkt, nämlich das Open-Source Bibliothekssystem FOLIO, das von Universitäten in Bayern, unter anderem der TU München eingesetzt wird, wäre für die UB aufgrund des Entwicklungsstands und der damit verbundenen zusätzlich erforderlichen Entwicklungskapazitäten keine Option. Auch in Baden-Württemberg fördert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWK) Informationen des ruprecht zufolge aktuell die Entwicklung von FOLIO für das Land.
Dass OCLC eine bibliothekarisch geprägte NPO ist, wird seitens der UB im Gespräch mit dem ruprecht positiv hervorgehoben. Auf Partnerschaften von OCLC mit Unternehmen wie LexisNexis hingegen das zum Elsevier-Mutterkonzern RELX gehört, und 2006 eine der frühen Investoren von Palantir waren, „hat die UB keinen Einfluss“, so Nissen.
Nicht näher eingehen möchte die UB darauf, dass OCLC seit 2009 keine Auskunft über ihre Spender erteilt. In älteren Jahresberichten finden sich indes sporadische Angaben, unter anderem zur Melinda-Gates-Foundation und politischen Lobbyorganisationen wie Tramutola LLC. OCLC finanziert sich neben Spenden über Mitgliedsbeiträge, die auch von der UB entrichtet werden. Sehr brisant sind auch die Verbindungen innerhalb der Führungspositionen: Sowohl CEO Skip Richard als auch ehemaliger Vice President (VP) und derzeitiger VP of Marketing Scott Livingston bekleideten die höchsten Führungspositionen. bei LexisNexis und spezialisierten sich auf Datenaggregation, Personenveknüpfung und Auswertung.
Die zunehmende Bedeutung derartiger Software für vertiefte Data Analytics und Predictive Analytics erläutert Renke Siems, Referent im MWK in seinem Aufsatz „Das Lesen der Anderen“.
Als Beispiel führt er eine von OCLC veröffentlichte User Story der University of Gloucestershire: „Die Einführung von WMS […] hat uns [OCLC] die Möglichkeit geboten, Lernanalytikfunktionen in ein Bibliotheksmanagementsystem zu integrieren. […] Unsere Daten […] sind ziemlich umfangreich, daher können wir sogar die Nutzung von Bibliotheksressourcen in unterschiedlichen demografischen Gruppen vergleichen.“
Er beschreibt auch den Nutzen für große Verlage: So regten Verlagsvertreter in einem Webinar an, Bibliothekssysteme dazu zu nutzen, individuelle Fingerabdrücke zu erstellen, um Nutzer:innen von Schattenbibliotheken wie Sci-Hub zu identifizieren. „Und bei einem späteren Webinar stellte OCLC ‚Libraries as Security Advocates‘ vor, die selbstverständlich ‚Publisher Assets‘ beschützten“, so Siems in seinem Ausatz.
Eine Garantie, dass Nutzer:innendaten nicht in die USA abfließen, kann die UB auf Nachfrage des ruprecht nicht abgeben, denn „im Rahmen des Angemessenheitsbeschlusses der Europäischen Kommission nach Artikel 45 der DSGVO können Daten weitergegeben werden“, erklärt Nissen.
Die Zusammenarbeit mit der UB wurde von OCLC bereits im August 2024 öffentlich bekanntgegeben. Erst zwei Jahre später zog die UB nach. Auf die Frage, warum diese Information nicht früher mitgeteilt wurde, entgegnete Nissen, dass „diese Überlegung, welches ‚Betriebssystem‘ im Hintergrund läuft, für die meisten Nutzer:innen nicht von Interesse ist“.
Es gibt keine Garantie, dass Nutzer:innendaten nicht in die USA abfließen
Es wäre nicht das erste Mal, dass die UB stillschweigend eine Änderung mit weitreichenden Folgen umsetzt: Vor mehr als zehn Jahren wurde man beim Klick auf die Abbildung eines Buches auf die Amazon-Seite des betreffenden Werkes weitergeleitet. Im Hintergrund wurde ein Referral Code gesetzt, der dazu führte, dass auch alle anderen auf Amazon getätigten Käufe eine kleine Pauschale generierten. Wer letztendlich das Geld bekam, ist unbekannt.
Unbekannt ist auch, wie OCLC mit den ihnen anvertrauten Nutzer:innendaten umgehen wird. In der Ausgabe der FAZ vom 25. Juni warnte Roland Reuß, der am germanistischen Seminar lehrt, vor einer Zukunft „der gläsernen Wissenschaftler“. Diese Warnung verhallte seitens der UB bisher ungehört.
Von Amr Maray und Roman Portius




