Nicht nur Ikkimels Stern im Rap-Universum ist aufgegangen, auch viele weitere weibliche Raperinnen profilieren sich im Genre. Dabei stoßen sie auf Hass und Hetze
Meinung
„Auf welchem Konzert wird Ikkimel ermordet?“ – Hunderte Instagram-Nutzer scheinen die provokanten Posts von Rapperinnen als Einladung zu sehen, einmal kräftig in die Tasten zu hauen und einen solchen Hate-Kommentar zu hinterlassen. Doch das provokante Auftreten oder die vulgären Texte, die Menschen bei Ikkimel und Co. so stören, bleiben bei den männlichen Rapkollegen oft unkritisiert. Wieso sind Frauen im Deutschrap eine Zielscheibe von Hass und wieso dulden wir bei Männern provokante Texte so viel öfter als bei Frauen? Es wird Zeit für einen Deep-Dive in die weibliche Rapmusik!
Die weibliche Rapmusik nahm Mitte der 90er Jahre mit Sabrina Setlur ihren Anfang. Unter dem Pseudonym „Schwester S.“, was ursprünglich nur als temporäres Projekt gedacht war, veröffentlichte sie ihre erste Platte. Diese hatte so viel Erfolg, dass Setlur anfing, selbst Texte zu schreiben und ihre Songs zu veröffentlichen. Damit brach sie mit dem gängigen Bild der passiven Muse und etablierte sich mit ihren direkten und frechen Texten als Pionierin des frühen Deutschraps. Neben Schwester S. gab es auch Cora E., später auch Lady Bitch Ray, Schwesta Ewa und Kitty Kat, welche die Deutschrapszene eroberten. Die Komponente der sexuellen Freizügigkeit kam besonders durch Schwesta Ewas und Kitty Kats provokanten Texte in den Rap und wurde ebenfalls von dem Duo SXTN aufgegriffen. SXTN erreichte als erstes weibliches Duo großen und kommerziellen Erfolg. Durch den Hype um das Duo wurde es für viele aufsteigende Rapperinnen einfacher, ebenfalls ihren Durchbruch zu erreichen. Eine dieser Rapperinnen ist die 29 jährige Berlinerin Ikkimel. Sie vertritt eine explizit linke, antifaschistische und feministische Haltung und ist eine der erfolgreichsten Rapperinnen Deutschlands. Übrigens hat sie auch einen Bachelor in Deutscher Philologie und Sozial- und Kulturanthropologie. Im selbsternannten „Fotzenstyle“ singt sie von Selbstbestimmung und provoziert durch sprachliche Radikalität. Bekannt wurde sie durch den Song „Keta und Krawall“, und auch in ihren anderen Texten geht es oft um Drogen, Sex sowie die Umkehrung klassischer Geschlechterrollen.
Ikkimel eignet sich traditionell misogyn verwendete Begriffe wie „Hoes“ oder „Flittchen“ als positive Selbstbezeichnung an und fordert die weibliche Befriedigung der Lust: „Ich bin eine geile Fotze und hab mich noch nie geschämt.“ Männer stellt sie oft reduziert auf eine primär sexuelle Funktion dar. Mit bewusst absurden und provokanten Formulierungen wie „Leck meine Eier“ unterläuft sie klassische Vorstellungen weiblicher Sexualität und kehrt bekannte männlich-dominante Rap-Codes um.
Ikkimels Inszenierung eines Matriarchats erreicht seinen Höhepunkt bei der Bezeichnung „Mutter Ikki“ durch ihre Fans. Ihr Party-Lifestyle ist zwar das Gegenteil einer Maternität, aber sie wird zur kulturellen Mutter, durch die Auslebung der eigenen Wünsche und ironische Darstellungen von umgekehrten Machtverhältnissen. Das löst Debatten und Hate-Kommentare aus insbesondere ihr neuer Song „Giftmord“, der den Mord an einem Mann beschreibt. Dabei kann dieser auch gesellschaftskritisch verstanden werden, indem es die meist männlichen Täter zu Opfern ihrer eigenen Gewalt werden lässt, denn: Es ereignet sich fast täglich ein Femizid in Deutschland, die Täter sind meist (Ex-)Partner der Frauen. Männliche Rap- Kollegen, die selbst sexistische und Gewaltverherrlichende Texte singen, teilen ihren Hass gegen Ikkimel öffentlich. Der Rapper Fler drohte ihr beispielsweise mit Schlägen und schrieb: „Dann kannst du danach sagen, ich bin ein toxisch-maskuliner Mann.“
Durch ihre Musik und ihr öffentliches Auftreten haben Ikkimel, Vicky, SXTN und Co. selbsternannte „Alpha Männer“ von ihrem Thron gestoßen und damit den Deutschrap weitreichend verändert. Frauen leben sich aus, folgen keinen Musik-Normen und etablieren eigene Musikrichtungen – von Technorap über Hip-Hop bis zur besten Fotzenmusik.
Und die feministischen Texte der weiblichen Rapstars färben auch auf den Männerrap ab. So singt Ski Aggu beispielsweise in „MAXIMUM RIZZ“ „Flirten ist nur geil, wenn es geil für alle ist.“
Weibliche Rapperinnen weigern sich, dem Narrativ der „ruhigen, braven Mädchen“ zu folgen und singen die fotzige, provokante Musik, die ihnen gefällt. Niemand ist dazu gezwungen „KETA UND KRAWALL“ im Auto mitzusingen, aber dennoch sollten wir uns über den Boom von mehr weiblichen Personen im Rap freuen. Also ein Hoch auf alle rappenden Chayas, juhu!
Von Ann-Sophie Etzelmüller, Solveig Harder und Chiara Emilia Matter
Songtipps
Unsere Redakteur:innen empfehlen euch ein paar ihrer Lieblingssongs:
Du liebst mich nicht – Schwester S
Die Fotzen sind wieder da – SXTN
Mami – Ikkimel
Party nur für mich – Vicky
Schere – Ikkimel
Tittentraining – 6euroneunzig
Slang – Ebow
...studiert Mathematik im Bachelor und schreibt seit Mai 2023 für den ruprecht. Sie widmet sich besonders gerne gesellschaftlichen Themen, die für Studierende relevant sind.






