Wieso zur Hölle tut man sich eine Biermeile eigentlich an?
Die Abendsonne lässt den Sportplatz friedlich glitzern. Eine große Gruppe von Läufer:innen joggt sich gemeinsam zu Musik warm, während ein junger Mann mit Megafon gut gelaunt Startnummern verteilt. Also ein Wettkampf? Überraschend scheint jedoch der Anblick am Rande der Tartanbahn. Dort türmen sich Bierflaschen: Pils, alkoholfreies Bier, Radler und Weizen. Sobald der Startschuss ertönt, beginnt eine ungewöhnliche Mischung aus Ausdauersport und Trinkspiel: die Biermeile.
In einer markierten Zone wird das erste Bier getrunken. Anschließend gilt es, 400 Meter so schnell wie möglich bis zum nächsten Getränk zurückzulegen. Insgesamt müssen von den Teilnehmer:innen vier Biere getrunken und vier Runden gelaufen werden.
Was sich Übelkeit erregend anhört, hat sich unter Heidelberger Student:innen zu einem überraschend beliebten Event entwickelt. Im Sommer 2024 war es noch eine kleine Truppe, dieses Frühjahr versammelten sich über hundert Student:innen auf dem Sportplatz. Das Organisationsteam besteht aus Levi, Sebastian und Moritz. Ihr Ziel: ein Event für Freund:innen und andere Sportbegeisterte auf die Beine stellen, das Spaß macht. Aber wie kann die Kombi aus Laufen und Biertrinken Freude bereiten?
Moritz nimmt selbst regelmäßig teil und kennt die Herausforderungen: „Das erste Bier ist immer herrlich. Das zweite ist in Ordnung, aber macht schon weniger Spaß. Ab dem dritten wird es richtig schlimm.“ Bei der Biermeile treffen sich schnelle Läufer:innen und Feierfreudige. Die Vorfreude ist schon Wochen vorher groß. „Du musst auch gut am Glas sein“, betont Moritz. „Ich würde davon abraten, mit Hefeweizen teilzunehmen – Davon musste ich kotzen.“ Wer sich vor dem Finish der Biermeile übergibt, muss eine Strafrunde laufen. Für Moritz bedeutet die Biermeile auch sportliche Motivation: Ohne dieses Ziel im Terminkalender wäre er nicht so regelmäßig zum Intervalltraining auf den Platz gegangen. Der Streckenrekord der Heidelberger Biermeile liegt bei 5:52 Minuten, den Weltrekord hält der Kanadier Corey Bellemore mit 4:28 Minuten. In Kanada liegt auch der Ursprung der Biermeile, anschließend wurde sie an US-amerikanischen Colleges schnell populär. Inzwischen wird das Format weltweit ausgetragen, teilweise sogar mit professionellem Wettkampfcharakter.
Auch Zuschauen lohnt sich, denn man kann den Kampf der anderen live beobachten oder Spaßwetten abschließen. Wer nicht allein an den Start gehen möchte, kann auch als Zweier-, Dreier- oder Viererstaffel teilnehmen. Die Anmeldung ist kostenlos, lediglich das eigene Bier muss bezahlt werden. Mittlerweile gibt es einen Instagram Account, der Einblicke zu vergangenen Biermeilen teilt und über an-stehende Events informiert. Im Anschluss an die Biermeile wird meist zu einer Party weitergezogen. Dabei ist es wichtig, den Sportplatz sauber zu hinterlassen, denn keiner möchte am nächsten Tag beim Training über eine Bierflasche stolpern.
Auch die zweifache Gewinnerin Lea teilt ihre Erfahrungen: Bei ihrer ersten Biermeile habe sie nicht gewusst, ob sie es überhaupt ins Ziel schaffen würde. Ihr Motto: „Einfach mal ausprobieren, einfach mal trauen!“. Mit Bravour schaffte sie es als erste Frau ins Ziel, und auf den ersten Gedanken: „Ich will das nie wieder machen“, folgte schnell: „Der Sieg hat mich heiß gemacht, weiter mitzumachen“. Sie betont: „Das Klima ist toll, es geht vor allem darum, Spaß zu haben und Zeit mit Freunden zu verbringen.“
Von Solveig Harder
...studiert Mathematik im Bachelor und schreibt seit Mai 2023 für den ruprecht. Sie widmet sich besonders gerne gesellschaftlichen Themen, die für Studierende relevant sind.





