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Gender Help Gap 

von Faustyna Gonka, Lily Grau, Emma Keßler und Samira Hedhli
24. Mai 2026
in Ausgabe, Startseite, Wissenschaft
Lesedauer: 3 Minuten
0
Gender Help Gap 

Grafik: Samira Hedhli 

Fehldiagnosen, Bagatellisierung und medizinische Vorurteile: Frauen werden im Gesundheitssystem bis heute wie eine Abweichung von der Norm behandelt. Wir beleuchten die Folgen des Gender-Health-Gap 

Es hat 28 Jahre gebraucht, um die Klitoris zu finden, heißt es in einem Kommentar zu der Nachricht, dass das Nervengeflecht der Klitoris erstmals in Gänze untersucht und als 3D-Karte abgebildet wurde. Der sarkastische Unterton des Kommentars kommt dabei nicht von ungefähr: Das Nervensystem des Penis wurde bereits 1998 detailliert dargestellt. Was zunächst wie ein Einzelfall wirkt, über den man schmunzeln kann, ist jedoch kein “Versehen”, sondern Symptom eines strukturellen Problems. Der weibliche Körper wird in der Medizin seit jeher systemisch vernachlässigt.

Und das mit weitreichenden Folgen – für diese Vernachlässigung gibt es einen Namen: Gender Health Gap. Gemeint ist damit, dass sich medizinische Forschung, Versorgung und Datenerhebung primär am männlichen Körper orientieren. Zum Beispiel sind Frauen in klinischen Studien und medizinischen Leitlinien oft unterrepräsentiert oder werden nicht differenziert genug berücksichtigt. Und das, obwohl sie die Hälfte der Welt- bevölkerung ausmachen.

Lange Zeit galt der männliche Körper schlichtweg als Norm und der weibliche als Abweichung – oder als „kleinerer Mann“. So ist in der EU erst seit 2005 die Teilnahme von Frauen an klinischen Studien verpflichtend. Historisch wurden Frauen häufig davon ausgeschlossen, weil es wegen ihres Hormonhaushalts (Zyklus, Wechseljahre, etc.) oder Schwangerschaften als zu kompliziert galt, sie als Probandinnen aufzunehmen und Studien entsprechend anzupassen. Doch auch heute noch sind viele Studien nicht gleichwertig besetzt oder beachten geschlechtsspezifische Unterschiede nicht ausreichend.

Diese Diskrepanz zieht sich durch viele Bereiche. Ein sehr plakatives Beispiel dafür sind die Reanimationspuppen in Erste-Hilfe-Kursen. Diese stellen in der Regel männliche Körper dar. So weit so banal, könnte man meinen; doch Studien zeigen, dass Frauen bei Herzstillstand seltener reanimiert werden. Wer nur an männlichen Puppen die Wiederbelebung trainiert, ist überfordert, wenn im Ernstfall der Brustkorb durch Brüste verdeckt wird und man sogar noch daran denken muss, den BH vorher zu öffnen.

Der weibliche Körper wurde lange als „kleiner Mann“ behandelt 

Auch bei Diagnosen wird es problematisch. “Typische Symptome” für eine Erkrankung basieren ebenfalls oft auf männlichen Patienten. Ein Herzinfarkt wird – typischerweise – anhand starker Schmerzen in der Brust ausstrahlend in den linken Arm erkannt. Frauen hingegen haben oft andere Symptome, Übelkeit und Rückenschmerzen zum Beispiel. Im Schnitt landen Frauen deswegen zwei Stunden später in der Notaufnahme, was im Fall eines Herzinfarkts Leben kosten kann. Lebensgefährlich kann es auch bei Medikamenten werden. Auch in diesem Bereich wurden Dosierungen hauptsächlich an Männern getestet. Infolgedessen wurden Unterschiede im Hormonhaushalt oder beim Stoffwechsel nicht ausreichend berücksichtigt, was Überdosierungen oder unerwartete Nebenwirkungen bei Frauen zur Folge haben kann. Und neben all diesen Ungenauigkeiten gibt es noch die Bereiche, über die kaum oder zu wenig geforscht wird: “Frauenkrankheiten” wie Endometriose und andere Menstruationsbeschwerden betreffen Millionen von Menschen und doch dauert es oft Jahrzehnte, bis sie überhaupt diagnostiziert werden.

Bei einem Herzinfarkt landen Frauen zwei Stunden später in der Notaufnahme 

Dieses Muster endet nicht bei körperlichen Erkrankungen. So äußert sich Neurodivergenz bei vielen Frauen anders als bei Männern. Ein bekanntes Beispiel ist ADHS: Während Jungen oft durch Hyperaktivität auffallen, fehlt gerade diese Komponente bei vielen Mädchen. Die Konsequenz ist, dass Frauen ihre Diagnose etwa sechs Jahre später bekommen als Männer.

Und bis die Diagnose da ist, ob für ADHS oder Endometriose, müssen sie sich häufig einem Gesundheitssystem aussetzen, in dem sie nicht ernst genommen werden. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer häufiger fällt, ist medical gaslighting. Symptomatisch dafür sind: Bagatellisierung von Schmerzen, der Periode die Schuld zuschieben, auch bei Beinbruch eine Diät zu verschreiben oder das vollkommene Leugnen von ernsthaften Beschwerden. Diagnose: Ihr Arzt ist ein Idiot.

Ob Bagatellisierung, Verharmlosung, Fehlinterpretation oder Abwertung – hinter dem, was Frauen tagtäglich im Gesundheitswesen begegnet, steckt ein System, welches den weiblichen Körper noch immer als eine Art Anomalie betrachtet. Und genau das kann beeinflussen, wer schneller diagnostiziert wird, wer schneller behandelt wird und im schlimmsten Fall sogar, wer die besseren Überlebenschancen hat. Fest steht: Solange der Gender Health Gap nicht geschlossen wird, ziehen Frauen in diesem System den Kürzeren.

Von Faustyna Gonka, Lily Grau, Emma Keßler und Johanna Leinweber 

Faustyna Gonka
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...studiert derzeit Jura und fand im Frühjahr 2025 zum ruprecht. Leitet heute die Seiten 1–3 und begeistert sich für alle Geschichten, die mit „Eigentlich wollte ich nur kurz nachschauen…“ beginnen und dann in einem investigativen Kaninchenloch enden.

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...schreibt wonach ihr grade der Sinn steht und leitet seit dem Sommersemester 2025 die Bildredaktion als 50% einer Doppelspitze

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Tags: Gender Health GapGesundheitswesenNr. 220Wissenschaft

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