Autismus, Depressionen, Gehbeeinträchtigung – viele stehen im Studium vor unterschiedlichen Hürden. Warum Barrierefreiheit an Hochschulen wichtig ist und wie Betroffene die Situation in Heidelberg erleben
Es ist ein Montagabend im November und wir sitzen in kleiner Runde in einem Seminarraum im Mathematikon. Heute geht es nicht um Mathematik, sondern um das Thema Studieren mit gesundheitlichen Einschränkungen. Alle zwei Wochen finden hier die Plenumstreffen des Enthinderungsreferats statt, das sich für die Interessen von Personen einsetzt, die beim Studieren Barrieren jeglicher Art erleben. Hier können Studierende ihre Erfahrungen teilen, Wünsche aussprechen und es wird gemeinsam an Lösungen für inklusives Studieren an der Universität Heidelberg gearbeitet. Vielen Menschen in diesem Raum sieht man ihre Beeinträchtigung nicht an – die Barrieren, die sie erleben sind daher oft ebenso unsichtbar. In der heutigen Sitzung werden unter anderem Ruheräume und eine bessere Gestaltung der Essensangebote in Mensen für neurodivergente oder von Allergien betroffene Personen diskutiert.
Fast jede:r sechste Studierende ist von einer Beeinträchtigung betroffen
Sophie* studiert Medizin und hat eine physische Behinderung, aufgrund derer sie sich vor allem im Rollstuhl fortbewegt. „Ich muss sehr viel planen“, erzählt sie. Kurswahl und Fortbewegung hängen davon ab, ob Gebäude zugänglich sind, wo barrierefreie Toiletten liegen und wer im Notfall helfen kann. Dazu kommt: Nicht alles läuft immer wie geplant, denn manchmal sind Aufzüge defekt, es kommt zu kurzfristigen Raumänderungen oder andere unerwartete Hindernisse stehen ihr im Weg. „Man muss immer sehr flexibel sein und dann auch Leute ansprechen und nach Hilfe fragen.“ Gesundheitsbedingte Abwesenheiten können auch zu einer Veränderung des Studienverlaufs führen.
Maria* studiert ebenfalls Medizin und hat im Laufe ihres Studiums sowohl eine Gehbehinderung erlebt als auch Depressionen gehabt. In ihrem Studienfach müssen viele Veranstaltungen in einer bestimmten Reihenfolge absolviert werden, was angesichts ihrer wiederholten Auszeiten viel Unsicherheit, erzwungenes Warten und wiederholte soziale Entwurzelung bedeutet. „Gerade soziale Kontakte tragen einen durch das Studium und motivieren einen, weiterzumachen. Da immer wieder rausgerissen zu werden, ist auch eine sehr große psychische Belastung.“
„Ich kann einfach nicht die gleichen 100 Prozent leisten wie Andere“
Auch Simon* muss wegen regelmäßiger Krankenhausaufenthalte seinen Studienalltag immer wieder unterbrechen. Er ist von episodischen Hemiparesen der rechten Körperseite betroffen, die einen weitgehenden Kraftverlust in den Extremitäten für mehrere Wochen am Stück bedeuten. Zusätzlich leidet er unter chronischen Schmerzen, Müdigkeit und feinmotorischen Einschränkungen. „Diese führen dazu, dass ich einfach nicht die gleichen 100 Prozent leisten kann wie andere Menschen“, erklärt er. Schreiben, Laborarbeit, Abgaben – vieles wird zur Herausforderung.
(Un)Sichtbare Barrieren an der Universität
Laut der Best3-Studie von 2021 ist mittlerweile fast jede:r sechste Studierende von einer Beeinträchtigung betroffen. Im Vergleich waren es 2011 und 2016 noch acht bzw. elf Prozent. Dabei überwiegen psychische Erkrankungen und nur etwa drei Prozent der Beeinträchtigungen sind auf den ersten Blick sichtbar.
Um Inklusion und Chancengleichheit zu gewährleisten, ist Barrierefreiheit ein wichtiger Faktor. Im Landesbehindertengleichstellungsgesetz findet sich die Definition: „Barrierefrei sind Ressourcen, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ Die Universität Heidelberg beruft sich auf dieses Gesetz. Physische Barrierefreiheit kann die Form von Rampen, Aufzügen oder Leitsystemen annehmen. Den Großteil der Anforderungen stellen allerdings Ruhe- und Rückzugsräume und E-Learning-Angebote dar, also Formen von nicht-physischer Barrierefreiheit. Weitere Beispiele dafür sind störungsarme Sicht-, Hör- und Belüftungsverhältnisse und eine barrierefreie Gestaltung von Medien. Die Website der Universität Heidelberg beispielsweise erklärt sich als mit den Vorgaben für digitale Barrierefreiheit des Landes nur „teilweise konform“.
Auch abstraktere Barrieren können das Studium erschweren. So geben Studierende mit Beein- trächtigung wesentlich seltener an, dass die Finanzierung ihres Lebensunterhalts gesichert ist. Sie pflegen häufiger Angehörige und haben bereits häufiger in ihrem Studium Diskriminierungserfahrungen gemacht. 92 Prozent der Studierenden mit Beeinträchtigung berichteten von Schwierigkeiten in mindestens einem der Bereiche Studienorganisation, Lehre und Lernen oder Prüfungen und Leistungsnachweise.
Inklusives Studieren in Heidelberg
An der Universität Heidelberg gibt es aufgrund der dezentralen Organisationsstruktur eine Vielzahl an Stellen und Ansprechpartner:innen für inklusives Studieren. Für individuelle Beratung zu Bewerbung, Studienorganisation, Nachteilsausgleichs- und Härtefallanträgen ist das Team „Inklusives Studieren“ zuständig. Dieses Angebot ist stark nachgefragt, allerdings ist das Team klein und viele betroffene Studierende wissen noch immer nicht, dass Unterstützungsangebote seitens der Universität existieren und sie beispielsweise auf Nachteilsausgleiche Anspruch haben könnten. „Es wäre wahrscheinlich wichtig, sofort bei der Bewerbung darauf aufmerksam zu machen, dass es ein Anrecht auf solche Unterstützung gibt“, bemerkt Simon.
Auch Unify, die zentrale Stelle für Vielfalt, Gleichstellung und Antidiskriminierung, arbeitet an mehr Barrierefreiheit im Studium. „Wir versuchen, strukturell Barrierefreiheit und eine Befassung mit dem Thema in der Universitätsstrategie zu verankern“, erklärt Referentin Evelyn Kuttikattu. Dazu arbeitet Unify vor allem an Sensibilisierung, Antidiskriminierung, Förderung und Prävention. Verschiedene Veranstaltungen und Fortbildungen für Studierende und Personal werden mit diesem Ziel angeboten. Für psychologische Unterstützung in Krisensituationen oder die Vermittlung von Therapieplätzen leistet die Psychosoziale Beratungsstelle (PBS) des Studierendenwerks Hilfe. Wenn es um die individuelle Studienplanung geht, werden Betroffene meist an die Fachstudienberatung und Prüfungsämter ihres Faches verwiesen. Um etwa einen Nachteilsausgleich zu beantragen, muss ein fachärztliches Attest vorliegen, das zwar nicht zwangsläufig eine Diagnose, aber die Art des Nachteils und Ausgleichsmöglichkeiten beinhaltet. Simon erhält beispielsweise Schreibzeitverlängerungen für Klausuren, außerdem ist in seinem Fall keine maximale Studiendauer festgehalten. Auch im Gespräch mit Dozierenden können weitere Anpassungen gewährt werden. Doch die Akzeptanz variiert – gerade wenn es um psychische Krankheiten geht. Maria berichtet: „Bei meiner Gehbehinderung bekam ich von meiner Fachstudienberaterin ohne Weiteres Hilfe. Als ich wegen Depressionen auf sie zugekommen bin, stieß ich auf totales Unverständnis.“ In dem „Dschungel aus Ansprechpersonen“ die für ein bestimmtes Anliegen zuständige Stelle zu finden, ist besonders zu Anfang schwierig, betont sie. Auch das emotionale Outing sei belastend, erklärt Sophie. „Es ist immer wieder eine Überwindung, sich quasi nackt zu machen und zu sagen: ‚Das ist mein Problem.‘“
„Mit meiner Depression bin ich auf totales Unverständnis gestoßen“
Sorgenkind Altstadt
Die Barrierefreiheit am Altstadt-Campus der Universität Heidelberg wird wesentlich durch den Denkmalschutz beeinflusst, der bauliche Veränderungen erschwert. Konflikte entstehen laut dem Amt für Baurecht und Denkmalschutz besonders bei starken Eingriffen in die Substanz, die Struktur oder das Erscheinungsbild des Denkmals. Der Gesetzgeber ermöglicht hier im §56 der Landesbauordnung „Abweichungen, Ausnahmen und Befreiungen zuzulassen, zur Erhaltung und weiteren Nutzung von Kulturdenkmalen.“ Trotz dieser Vorgaben besteht im Altstadt-Campus ein deutlicher Nachholbedarf. Von 101 Gebäuden in Bergheim und Altstadt gelten nur 40 als barrierefrei zugänglich.
Im Campus Neuenheim ist die Situation insgesamt besser, von 71 Gebäuden gelten 60 als barrierefrei, wie uns das Dezernat 3 mitteilt. Dennoch treten dort im Alltag ebenfalls Probleme auf. Sophie erzählt beispielsweise über die Zentralmensa im Neuenheimer Feld, dass dort zwar ein Aufzug existiert, doch die Tür dorthin so schwer zu öffnen ist, dass sie sie nicht selbst bedienen kann. Solche praktischen Hindernisse zeigen, dass Gebäude zwar auf dem Papier als barrierefrei gelten können, in der Praxis allerdings weiterhin unzugänglich sind.
Die Universität steht zusätzlich vor organisatorischen Herausforderungen. Eigentümer der Gebäude ist der Betrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg; Abstimmungen zwischen Universität, Baubehörden und Denkmalschutz verlängern viele Verfahren, finanzielle Mittel fehlen. Zwar soll Barrierefreiheit künftig bei Sanierungen und Neubauten mitgedacht und durch Angebote wie digitale Navigationstools, mobile Rampensysteme und automatische Türöffner ergänzt werden. Insgesamt reiche das aber nicht aus und, so das Dezernat 3: „Leider ist der Fortschritt hinsichtlich der notwendigen Gebäudesanierungen nicht so wie eigentlich erforderlich, sodass ein grundsätzlicher Sanierungsstau, und somit auch ein Verzögerung bei der Umsetzung der Barrierefreiheit, vorherrscht.“
Zugang, Ressourcen, Awareness: Studieren ohne Extralast
Das Paradox, dass mit einem Studium mit gesundheitlicher Einschränkung immer zusätzlicher organisato- rischer Aufwand einhergeht, scheint unausweichlich. Trotzdem sollte es der Universität ein Anliegen sein, stets auf eine Verbesserung der nötigen Prozesse hinzuarbeiten, um die Hürden für ein Studium auch mit besonderen Bedürfnissen so gering wie möglich zu gestalten.
Betroffene und Expert:innen teilen ihre Wünsche und Lösungsvorschläge. Insbesondere spiele die mangelnde Zugänglichkeit der Universität eine zentrale Rolle. Ein Vorschlag ist die Hybridisierung der Lehrveranstaltungen für eine digitale Zugänglichkeit. Betroffene Personen könnten von zu Hause aus auf den Lernstoff zugreifen, ohne Inhalte zu verpassen, die für eine Klausurzulassung wichtig sind. Bei der Sitzung des Enthinderungsreferats wird angemerkt, dass die nötige Infrastruktur seit Corona-Zeiten besteht. Zudem würde ein allgemeiner Leitfaden zur Barrierefreiheit von der Universität die Situation der Betroffenen erleichtern. Maria wünscht sich darüber hinaus ein „proaktives Verweisen“ von Fachstudienberater:innen und Dozierenden auf bereits bestehende Angebote. Evelyn Kuttikattu nennt den Wunsch nach einem zentralen Accessibility-Office. Sophie stimmt zu: „Man könnte mehr Gelder und noch ein größeres Team aufstellen, um mehr People-Power zu haben und mehr erreichen zu können.“ Dennoch bekommt Markus Fertig, gehörloser Dozent an der Pädagogischen Hochschule (PH), in Bezug auf das Abbauen von Barrieren oft den Eindruck, dass dies als zu aufwändig angesehen werde – „Insbesondere, weil wir eine Minderheit sind.“ Analog einer Koordinationsstelle wünscht sich Fertig eine zentrale Stelle für eine:n Gebärdensprachdolmetscher:in. Kurzfristige Gespräche zu führen sei für ihn fast unmöglich, da die Buchung eine Vorlaufzeit von bis zu vier Wochen benötige.
Mehr Awareness und Sensibilisierung ist ein wichtiger erster Schritt
Ein großer Wunsch der Betroffenen, ist mehr Awareness und Sensibilisierung. Awareness führt ide- alerweise dazu, dass Personen, die an unsichtbaren Barrieren leiden, eher einen Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen. Sensibilisierung fördert den respektvollen Umgang im Alltag. Spreche man mehr und offener über die Themen, werden unsichtbare Barrieren für alle sicht- barer, hält Maria fest. „Wir haben bereits eine sehr schöne Gemeinschaft an der Uni, und wir können diese sicher noch besser machen“, findet Simon. Für Markus Fertig gilt der Grundsatz: „Einfach probieren statt blockieren.“
*Namen von der Redaktion geändert
Samira Hedhli, Lukas Hesche, Catharina Hock, Laetitia Klein und Odette Lehman finden Barrieren echt doof!
...studiert Sonderpädagogik an der PH und wenn er mal wieder etwas zum Prokrastinieren braucht, schreibt er Artikel für den ruprecht.
...ist schon immer gerne der Frage Warum nachgegangen. Diese Leidenschaft prägt nicht nur ihr Studium der Geschichte und Politikwissenschaften sondern seit 2025 auch ihre Mitarbeit beim ruprecht. Besonders gerne verliert sie sich in Recherchen oder Aktuellem aus Kultur und Politik.
...studiert Germanistik im Kulturvergleich und Soziologie im Bachelor und leitet seit dem Wintersemester 2024/25 das Ressort "Studentisches Leben". Sie ist seit Ende 2023 beim ruprecht aktiv und interessiert sich besonders für Dinge, die eine gründliche Dosis Reflektion und neue Perspektiven gebrauchen können, deshalb schreibt sie gerne über aktuelle gesellschaftliche, kulturelle und politische Themen.










