Einmal ins 19. Jahrhundert lesen und zurück?
Rezension
Eine Frau steht in einer Küche, die in einem unbestimmbaren „alten“ Stil gehalten ist. Sie backt Brot. Ihre Haare sind perfekt zurückgebunden, ihr Kleid makellos. Gleich wird sie noch die Butter für das Brot schlagen. Im Hintergrund ertönt Kinderlachen. Der Kamera erzählt sie eine Anekdote von ihrem wunderbaren Ehemann, der sich so um die Familie sorgt und dem sie gerne untergeordnet ist. Das Instagram-Reel endet. In der Beschreibung steht #tradwife, Englisch für traditionelle Ehefrau. Er beschreibt einen neuen Trend, bei dem Frauen online die traditionellen, heteronormativen Familienbilder propagieren, in denen die Frau dem Mann untergeordnet ist. Nur, dass sie dabei oft Millionen von Dollar verdienen.
Es war wohl eine Frage der Zeit, bis Tradwife-Romane auf den Markt kommen. Caro Claire Burkes Romandebut Yesteryear jedoch hat den Zeitgeist nicht nur getroffen, sondern übertroffen. Es scheint, als würde das ganze Internet darüber sprechen. Der Film mit Anne Hathaway ist schon in Planung.
„Was ist eine Tradwife?“, fragt Natalie Heller Mills älteste Tochter am Anfang des Romans ihre Mutter. Diese hat sechs Kinder und einen zum Bauern gewordenen Ehemann, mit welchen sie auf der Yesteryear Ranch lebt. Auch sie hat einen Instagram-Account, dessen Millionen von Follower:innen ihr dieses Leben – und ein millionenschweres Business – ermöglichen. Doch nicht alles ist wie es scheint, Natalie hat Schwierigkeiten, Realitäten auseinanderzuhalten. Die Fassade bröckelt von Beginn an, wenn sie denn je existiert hat. Und dann wacht Natalie eines Tages im Jahr 1855 auf, in genau dem von ihr so romantisierten amerikanischen Pionier-Leben. Mehr werde ich nicht verraten, es ist am besten, mit so wenig Vorwissen wie möglich in das Buch reinzugehen.
Was in Erinnerung bleibt, ist gar nicht mal die innere Anspannung, das Buch-Anschreien oder der innere Ekel. Stattdessen ist es die Art, wie reflektiert Burke mit der Figur und ihrer Lebensrealität, und der der Frauen, die Natalie trifft, umgeht. Das tut sie, ohne dabei Natalies Handlungen sofort gutzuheißen. Was der Roman nicht ist, ist ein „Tradwives sind Satan personifiziert!“-Plädoyer. Es ist eher eine Untersuchung dessen, wie weit ein Mensch gehen kann, um sich selbst zu schützen. Der Roman wurde bereits von Lisa Kögeböhn ins Deutsche übersetzt und kann euch glatt aus eurer Leseflaute zu Semesterbeginn herausziehen.
Von Klara Plassmann
…erkundigt und schreibt gerne, eine Kombi, die sie zum ruprecht geführt hat. Am liebsten untersucht sie Themen, in denen sich Geschichte, Politik und Kultur kreuzen. Sie studiert Geschichte und Osteuropastudien im Bachelor und ist seit dem Wintersemester 2025/26 beim ruprecht.
...studiert Biowissenschaften, schreibt seit WS 2023 für den Ruprecht und nutzt Interviews als Grund um mit interessanten Leuten zu reden






