Ein Rückblick auf die Intermedia 69 – Und wie Kunst Heidelberg in einen Ausnahmezustand versetzen konnte
Ein riesiges Polyesterei, das im Floridastrom ausgesetzt wurde und Standortdaten sendete. Die sogenannte „Lauftonne“, eine rotierende mannshohe Trommel, in der die Besucher:innen mit Gleichgewicht und Körperkontrolle zu athletischen Akteuren wurden. Christos Verhüllung des Amerikahauses. Ausstellungsort für all diese kuriosen Werke war im Jahr 1969 das revolutionäre Kunstfestival „Intermedia 69“ in Heidelberg, das in einem chaotischen Ausnahmezustand kulminieren sollte. In der politisch aufgeheizten Zeit der 60er Jahre, die geprägt war von Anti-Amerikanismus, Kritik an der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft und der Opposition gegenüber dem Vietnamkrieg, entwickelten Klaus Staeck und Jochen Goetze in Eigeninitiative die „Intermedia 69“ Anlass für ihre Veranstaltung war die konservative Ausstellung „Plastik der Gegenwart“ des Heidelberger Kunstvereins, der man mit der Intermedia etwas aktuelleres und aufregenderes entgegensetzen wollte.
So wurde das kleine, bürgerliche Heidelberg zum Spielplatz für die internationale Avantgarde. Staeck und Goetze luden gattungsübergreifend zeitgenössische Künstler:innen ein. Intermedial war dabei einerseits das vermengte Potpourri verschiedener Kunstströmungen, darunter Fluxus oder Happening, und andererseits die Kunst selbst. Helmut Schweizer, Konzept und Aktionskünstler, erzählt dem ruprecht von einer seiner Aktionen, bei der er mit einem Messer grünlich fluoreszierende Kreuze in ein Wasserbecken schnitt, während sein Kollege Manfred Weihe eingeschweißte Fußgipse in diese Becken warf – „Banales, herkömmliches Material wie Ölfarbe oder Marmor nutzten wir nicht.“ Ein anderer Künstler, Claus Böhmler, erstellte durch das simple Aufkleben und Abreißen von Tesafilm auf Zeitungen meterlange Abrissfilme. „Wir wollten das Alltägliche in die Kunst einbringen.“ Und die Kunst wurde zum Alltag. Drei Tage lang fanden rund um die Studierendenwohnheime am Klausenpfad zahlreiche Aktionen, Konzerte sowie Theater- und Filmvorführungen statt. Die damals turbulente Aufbruchsstimmung unter den Künstlern war Teil einer breiten kulturellen Bewegung, getragen von der Hoffnung auf Demokratie und Freiheit für alle. Maßgeblich beteiligte sich dann auch noch das aktivierte Publikum an der Gestaltung ihrer Umwelt und der Aufhebung der Ordnung. Ganz im Sinne eines Happenings verschwammen so die Grenzen zwischen Künstler:innen, Kunst und Besuchenden. Eine Motorradgruppierung drehte ihre Runden im Veranstaltungssaal, andere gruben den Rasen um. Für einen kurzen Moment war Heidelberg zu einer Oase der Freiheit geworden.
Kunst außerhalb des institutionellen Kontexts konnte keine echte Kunst sein
Trotzdem und gerade deswegen wurde das Festival von zwei Fronten heftig kritisiert: Linksorientierte Gruppierungen bewerteten die Intermedia und die Kunst als unpolitisch und damit konventionell. Mit Sprüchen wie: „Außen Scheiß-Kunst, innen Scheiß-Dunst“ oder „Kunst als Weißmacher“ besprühten sie die Folie von Christos Installation. Nur eine agitierende Kunst aus Parolen, wie sie ironischerweise Staeck selbst betreiben sollte, schien legitim. Unterschwellige politische Botschaften in der Kunst wurden entweder nicht verstanden oder schlichtweg ignoriert. Auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums fühlte sich das Bürgertum in seiner traditionellen Kunstauffassung provoziert – Kunst außerhalb des institutionellen Kontextes konnte keine echte Kunst sein. Später wurde die „Intermedia 69“ von Beteiligten mit Woodstock verglichen und markierte zweifellos einen unvergleichlichen Höhepunkt künstlerischer Vitalität in Heidelberg. „So etwas könnte ich jedes Jahr gebrauchen“, erzählt Schweizer. Und wer weiß, vielleicht beglückt uns ja bald ein Organisator mit einem vergleichbaren 50-jährigen Jubiläum. Die politischen Missstände für einen solchen Ausnahmezustand wären zumindest schon mal gegeben.
Von Roman Portius, Karla Walder und Philipp Mummenhoff
…studiert Psychologie im Bachelor. Seit Frühjahr 2025 schreibt sie für den ruprecht und hilft seit einiger Zeit auch bei der Website mit.





