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The Brutalist

von Amr Maray und Elena Lagodny
12. Juli 2026
in Ausgabe, Feuilleton, Startseite
Lesedauer: 3 Minuten
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The Brutalist

Mit Hammer und Meißel. Foto: Elena Lagodny

Schön, schöner, am schönsten? Looksmaxxing ist überall, doch der Social-Media-Trend hat einen fragwürdigen Ursprung und propagiert zerstörerische Ideale

Es gibt da diese Szene in dem Film „Before Sunrise“ aus dem Jahr 1995. Jesse (Ethan Hawke) begegnet in einem Zug Richtung Paris der Studentin Céline (Julie Delpy). Schon während ihres ersten Gesprächs ist ihre gegenseitige Zuneigung evident. Er braucht nicht lange, um sie zu überzeugen, spontan in Wien einen Zwischenstopp einzulegen. Sie beginnen allmählich, sich einander zu öffnen. „Aber ist nicht alles, was wir im Leben tun, ein Weg, um ein wenig mehr geliebt zu werden?“, fragt Céline, während sie sich nachts durch die engen Gassen der Stadt hindurchschlängeln.

Etwas, das die meisten Menschen mehr oder weniger bewusst tun, um ein wenig mehr geliebt zu werden – ob sie das nun zugeben können oder nicht –, ist an ihrer äußeren Erscheinung zu arbeiten. Diese ästhetische Arbeit wurde Frauen seit jeher als unausgesprochene Selbstverständlichkeit abverlangt; sie sind die ursprünglichen Looksmaxxerinnen, wider Willen. Ihre Arbeit wird aber als „natürliche Schönheit“ unsichtbar gemacht.

Das Neuartige ist, dass Männer diese ästhetische Arbeit in eine explizite, technische und damit „männliche“ Tätigkeit – das Looksmaxxing – umgedeutet haben. Der Begriff erkennt diese ästhetische Arbeit überhaupt erst als solche an. Zugleich dient er als Bestätigung der eigenen männlichen Identität. Obgleich es Looksmaxxern um ihre Erfolgschancen bei Frauen geht, schwingt in der Art und Weise, wie sie sich gegenseitig analysieren und bewerten, subtile Homoerotik mit. Frauen können – sehr zum Leidwesen einiger Looksmaxxer – heutzutage selektiver sein, was die Partner:innenwahl anbelangt. Dass das Angebot nicht ihren Ansprüchen genügt, hinterlässt Spuren. Bei mancher Frau in Form eines sogenannten Heteropessimismus, eine resignierte Haltung heterosexueller Frauen gegenüber Beziehungen zu Männern, die oftmals als frustrierend und erschöpfend empfunden werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig, werden von Looksmaxxern aber einzig und allein auf das Aussehen reduziert. In ihrer Welt bevorzugen Frauen allein Männer mit einem hohen SMV (sexual market value). Um diese mehr als gewagte These zu untermauern, zitieren – nein verzerren – sie eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien. Dabei würde es genügen, diejenigen zu fragen, die man mit dem Looksmaxxing zu beeindrucken gedenkt.

Es ist nicht Schönheit, die sie anstreben, sondern das Gefühl, dass sie als Mensch etwas Ganzes und Liebenswertes sind

Um ihren SMV zu steigern und den inneren Mangel, den sie im Äußeren verorten, zu beheben, sind sie bemüht, ihre äußere Erscheinung zu maximieren. Was Looksmaxxer dafür nicht alles tun: manches sinnvoll (Sport treiben und ein passender Haarschnitt), manches zweifelhaft („Mewing“ wobei die Zunge bewusst flach an den Gaumen gedrückt wird, zur Verbesserung der Jawline) und manches schmerzhaft (chirurgische Eingriffe). Über allem thront die PSL-Skala, die Initialen stammen von drei großen Incel-Foren: Sie weist jedem Mann eine Zahl von 0 bis 8 zu und sortiert ihn so in eine von drei Kategorien: Subhuman, Normie oder Chad.

Diesen Zynismus der Fetischisierung von Schönheit und diese entmenschlichende Sprache demonstriert auch Bramal, Heidelberger Zahnmedizinstudent, der mit fast 10.000 Follower:innen kein Unbekannter in der Szene ist: Laut ihm liege Hitler auf der Skala bei 3.0. Sein SMV, bemerkt Bramal sachlich-nüchtern, sei „durch seinen Status jedoch immens höher“. Hitlers von Hass getriebene menschenverachtende Ideologie rückt in den Hintergrund und verblasst; „canthal tilt“, der passende „Nasolabialwinkel“ und „Gonionwinkel“ sind die Werte auf die es ankommt. Sie blenden Politik, Ideologie, und das Persönliche aus, denn diese sind nicht quantifizierbar. Das einzige, an das Looksmaxxer glauben, ist die äußerliche Schönheit.

Es ist aber nicht Schönheit, die sie anstreben, sondern das Gefühl, dass sie als Mensch etwas Ganzes und Liebenswertes sind. Aber in ihrem Streben nach maximaler Schönheit offenbaren sie unbeabsichtigt selbst, dass sie nicht ganz sind. Emil Cioran, ein rumänisch-französisch Philosoph, fragte einmal, was geschehen würde, „wenn das Gesicht eines Menschen sein Leiden angemessen ausdrücken könnte“. Der Looksmaxxer betreibt das genaue Gegenteil: Er arbeitet daran, dass sein Gesicht eben nichts mehr verrät. Fatalerweise verschärfen Social-Media-Algorithmen diese Selbstentfremdung nur noch mehr. Sie normalisieren gesundheitlich riskante Eingriffe, fluten Feeds mit vermeintlichen Erfolgsgeschichten und verstärken so genau jene angeblichen Mängel, die sie zu beheben versprechen.Letztendlich übersehen Looksmaxxer, wie die Autorin Ursula K. Le Guin schreibt, dass „es eine ideale Schönheit gibt, die schwerer zu definieren oder zu verstehen ist, weil sie sich nicht nur im Körper findet, sondern dort, wo Körper und Geist aufeinandertreffen und einander bestimmen. Dort ist eine Person, die nicht nur das ist, wonach sie aussieht, und um sie zu finden und zu kennen, muss ich hindurchschauen, hineinschauen, tief schauen“. Was der Looksmaxxer also braucht, ist nicht die Kieferoperation, sondern den Willen, mit all seiner Unzulänglichkeit zu leben, sie auszuhalten, und zwar wirklich frei von allen Urteilen.

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Tags: Before SunriseFeuilletonLooksmaxxingNr. 221Social-Media-TrendThe Brutalist

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