Unsere Rubrik zum Matilda-Effekt
1970, Kalifornien: Die aufgeweckte 27-jährige Polly Matzinger bedient in einer Cocktailbar, wo sich zur guten Stunde Professoren von der University of California in Davis angeregt unterhalten. Dabei kommt die Kellnerin mit der Herrenrunde ins Gespräch. Ihre Ansichten zu Biologie und Tieren hinterlassen einen tiefen Eindruck – fortan wird sie von den Forschern zum Berufswechsel gedrängt. Dabei wollte Polly Matzinger gar nicht Biologin werden.
1947 in La Seyne-sur Mer in Frankreich geboren, entstammt sie einer freigeistigen Familie, die 1954 in die USA auswandert. In frühen Jahren widmet sie sich der Musik und forciert eine Karriere als Komponistin. Da daraus jedoch nichts wird, versucht sie sich schon bald als Hundetrainerin, spielt Bass in einer Jazz-Band und arbeitet zeitweise als Schreinerin. Nach einem Abstecher in einen Playboy Club in Denver zieht es sie nach Kalifornien zurück, wo sie in besagter Cocktailbar ihre nächste Anstellung findet.
Als Barkeeperin überzeugte sie Forscher von ihrem Wissen
Nach Umwegen beginnt Matzinger also Biologie zu studieren – und das nicht ohne Erfolg. Ihrem Studium folgt ein Forschungsaufenthalt in Cambridge und die Leitungsposition eines Immunologielabors, welche sie 24 Jahre innehat. Die Immunologin stellt in ihrer Arbeit alte Theorien auf den Prüfstand: Nach der gängigen Lehrmeinung unterscheidet der Körper zwischen eigenen und fremden Zellen, wobei letztere eine Immunreaktion auslösen. Aber warum akzeptiert der Körper dann Organtransplantationen und wieso stoßen Mütter Föten – welche zur Hälfte fremdes Erbgut enthalten – nicht ab? Wie erklären sich Autoimmunerkrankungen?
Trotz Zweifel an ihrerArbeit revolutionierte sie die Immunologie
Auf diese Fragen entwickelt Polly Matzinger das Danger Modell. Dieses postuliert ein zusätzliches „danger signal“, welches die Immunabwehr in Gang setze und von beschädigten, kranken Zellen ausgehe. So werden die der Forschung bekannten Abläufe – nach denen die weißen Blutkörperchen fremde Antigene identifizieren und mit Hilfe sogenannter APC-Zellen vernichten – auf ein neues Fundament gestellt. Die APC-Zellen werden laut Matzinger nun durch das „danger signal“ aktiviert. Ihrer Theorie wird zum Teil Simplifizierung unterstellt, zudem hat sie bisher keine stichfesten Belege vorgelegt. Viele ihrer Lehrmeinungen seien in einer ähnlichen Weise bereits bekannt, so die Kritik. Die Immunologin hält jedoch an der Bedeutung ihrer Arbeit fest und betont ihre Relevanz für die Krebsforschung.
Trotz Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit und stetiger Kritik, etwa aufgrund ihres unkonventionellen Werdegangs, der zumeist von männlichen Kollegen belächelt wurde, revolutioniert Polly Matzinger die Immunologie auf ihre Art und Weise. Heute lebt sie im Ruhestand auf ihrer Farm, wo sie Schafe züchtet.
Von Raphaela Volk




