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Ein Blick unter den Aluhut

Verschwörungstheorien existieren seit der Aufklärung – mit katastrophalen Folgen wie dem Holocaust. Auch heute scheinen sich Verschwörungstheorien immer mehr zu verbreiten.
Die gute Nachricht: Früher gehörten Verschwörungstheorien zum Mainstream, sagt der Tübinger Amerikanist Michael Butter. Grund zur Entwarnung sei dies allerdings nicht

Herr Butter, was sind Verschwörungstheorien?
Verschwörungstheorien nehmen an, dass erstens nichts durch Zufall geschieht, zweitens alles miteinander verbunden ist und drittens nichts so ist, wie es scheint. Das heißt, sie behaupten, dass man immer hinter die Kulissen blicken, unter die Oberfläche bohren muss. Dann erkennt man zum einen die geheimen Verbindungen zwischen Organisationen, Ereignissen und Institutionen, die man vorher vielleicht nicht für möglich gehalten hätte. Zum anderen, dass es diese eine Gruppe gibt, die im Geheimen die Strippen zieht: die Verschwörer, nach deren Plan sich die Geschichte entfaltet.

Was unterscheidet reale Verschwörungen von den Verschwörungen, wie sie von Verschwörungstheorien beschrieben werden?
Das Hauptkriterium, wie man beide unterscheiden kann, ist, dass Verschwörungstheorien davon ausgehen, dass die Verschwörer wirklich alles unter Kontrolle haben. Die Erfahrung realer Verschwörungen lehrt uns hingegen, dass die Verschwörer selten dazu kommen, die Früchte ihrer Verschwörung zu genießen. Ein Beispiel ist die Ermordung Cäsars: Einerseits war sie erfolgreich, andererseits natürlich ein kompletter Fehlschlag, denn die Bewahrung der römischen Republik misslang völlig.

Außerdem unterscheiden sich reale Verschwörungen vor allem durch ihre Reichweite. An realen Verschwörungen ist fast immer eine überschaubare Anzahl an Personen beteiligt. Bei der Mondlandung dagegen waren tausende Menschen beteiligt. Da quatscht immer einer und will Journalisten beeindrucken.

Dann beschränken sich reale Verschwörungen meistens auf singuläre Ereignisse wie Staatsstreiche, wohingegen Verschwörungstheorien sich sehr oft um Gruppen drehen, denen unterstellt wird, dass sie über Jahrhunderte hinweg die Geschichte kontrollieren.

Viele Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die rund um die Echsenmenschen, klingen sehr absurd. Was macht denn eine gute oder erfolgreiche Verschwörungstheorie aus?
Verschwörungstheorien wie zum Beispiel die Reptiloiden klingen in der Tat oft sehr absurd. Trotzdem sind sie relativ erfolgreich. Ich glaube das liegt daran, dass diese Verschwörungstheorien, genauso wie die Theorien zur Mondlandung, packende Geschichten erzählen und uns die Welt erklär- und verstehbar machen. Nichts geschieht mehr aus Zufall. Außerdem kann man mit dem Finger auf Leute zeigen und bekommt eine Erklärung dafür, warum das Land vor die Hunde geht.

Wer denkt sich so etwas aus?
Das ist sehr schwer zu sagen, weil die meisten dieser Theorien erst einmal entstehen und wir sie erst dann in den Blick bekommen, wenn sie verschriftlicht werden. Erst dann lässt es sich zurückverfolgen, wer die Ersten waren, die die Texte verfassten.

Worin besteht der Unterschied zu Fake News?
Bei Fake News geht man davon aus, dass sie als bewusste Täuschung in die Welt gesetzt werden, um Verwirrung zu stiften oder Fehlinformationen an den Mann zu bringen. Bei Verschwörungstheorien sind diejenigen, die sie verbreiten, in den allermeisten Fällen überzeugt.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Da wäre beispielsweise David Icke, ein englischer Fußballspieler und Pressesprecher der Grünen, der irgendwann ein Erweckungserlebnis hatte und dann meinte zu begreifen, dass die Welt von Reptiloiden beherrscht wird, die sich von unserer negativen Energie speisen und sich Projektionen schaffen können, sodass sie als Menschen erscheinen. Das ist ganz klar eine Verschwörungstheorie, die an eine Person angebunden ist. Er hat darauf quasi seine Karriere aufgebaut.

Was leisten diese Theorien für diejenigen, die an sie glauben?
Diese Theorien machen die Welt verständlich und benennen Gruppen, die Schuld sind, auf die man mit dem Finger zeigen kann und gegen die man vorgehen kann.

Außerdem haben sie eine Entlastungsfunktion: einerseits in dem Sinne, dass man sich selbst keine Vorwürfe mehr machen muss, weil böse Gruppen, nicht man selbst, verantwortlich sind. In der Gegenwart haben Verschwörungstheorien neben der Entlastungsfunktion auch ein Alleinstellungsmerkmal: Man gehört zu denen, die begriffen haben, wie die Welt wirklich funktioniert.

Sie haben gesagt, dass es heute nicht mehr normal ist, Verschwörungstheorien zu glauben. War das früher anders?
Die Verschwörungstheorien moderner Prägung entstanden im 17. Jahrhundert. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es in der westlichen Welt vollkommen normal, an Verschwörungstheorien zu glauben. Die klügsten Köpfe der Zeit waren Verschwörungstheoretiker. Praktisch jeder amerikanische Präsident von Washington bis Eisenhower war Verschwörungstheoretiker, Thomas Mann verbreitete Verschwörungstheorien zu den Illuminaten, Winston Churchill zu den Juden. Erst in den 50er Jahren setzte in der westlichen Welt ein Stigmatisierungsprozess ein, in dem Verschwörungstheorien an die Ränder der Gesellschaft wanderten.

Haben solche Theorien also ihre Popularität verloren?
Nein. Sie sind genau wie Aberglaube, oder Glaube an Magie weiter verbreitet als man denkt, weil die Leute es nicht mehr offen zugeben. Sie wissen, dass Verschwörungstheorien als anrüchig gelten und erzählen sie nur Leuten, von denen sie wissen, dass es bei ihnen auf offene Ohren stößt. Sie wissen, dass man Verschwörungstheorien nicht wissenschaftlich bestätigen kann und sie in seriösen Medien und dem politischen Diskurs keinen Platz haben.

In der letzten US-Wahl hatten Verschwörungstheorien einen großen Einfluss auf das Ergebnis. Was bedeutet das für künftige Wahlkämpfe?
Donald Trump hat die Polarisierung des Landes geschickt ausgenutzt: Er hat nicht ständig im Wahlkampf Verschwörungstheorien verbreitet, sondern hat es lange Zeit bei Gerüchten belassen und sich damit immer eine Hintertür gelassen. Erst als er Mitte Oktober weit hinten lag, wusste er, dass er die Taktik ändern musste. Die Republikaner hatte er ohnehin in der Tasche, nun musste er diejenigen an den Rändern mobilisieren. Dementsprechend stellte er sich in Florida vor sein Publikum und fabulierte von der großen Weltverschwörung der Eliten zusammen mit Clinton gegen das amerikanische Volk. Seit er gewonnen hat, belässt Trump es wieder bei Verschwörungsgerüchten.

In Deutschland kann man Verschwörungstheorien noch nicht so offen bedienen. AfD-Politiker bedienen sich auch immer wieder vorsichtiger Anspielungen: Als zum Beispiel Notre Dame brannte, twitterte Alice Weidel, dass derzeit überall in ganz Europa viele Kirchen brennen würden, man darüber von Politik und Medien aber nichts höre. Damit fühlen Verschwörungstheoretiker des „Großen Austauschs“ sich natürlich bestätigt, also der Theorie, dass irgendwelche Mächte darauf abzielen, die christliche Bevölkerung Europas durch eine muslimische Bevölkerung zu ersetzen.

Gibt es auch Verschwörungstheorien, die von Linkspopulisten verbreitet werden?
Oft entsteht der Eindruck, dass es Verschwörungstheorien vor allem rechts gäbe, aber das stimmt nicht. Diese Fehlwahrnehmung beruht darauf, dass uns die Verschwörungstheorien von links nicht so stören wie die von rechts. Wenn sie von links kommen, wie beispielsweise von jemandem wie Bernie Sanders, in dessen Reden man auch immer wieder verschwörungstheoretische Versatzstücke findet, tut man das als etwas unpräzise formulierte Kapitalismuskritik ab.

In den allermeisten Fällen sind sie nicht so offensichtlich antisemitisch, sexistisch oder rassistisch wie rechtspopulistische Verschwörungstheorien. Wenn wir uns Linke in den USA anschauen, wenn wir Maduro oder Chávez’ Südamerika anschauen, dann ist völlig klar, dass auch Linkspopulisten Verschwörungstheorien verbreiten.

Was müsste man tun, um Verschwörungstheorien einzudämmen?
Es ist eine schwierige Frage, weil Verschwörungstheoretiker nur noch mehr an ihre Theorien glauben, nachdem man sie mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert hat. Da muss man eher in einem langwierigen Prozess ansetzen und Fragen stellen, sodass sie auf innere Widersprüche aufmerksam werden. Das ist nicht immer leicht.

Ich glaube, die Prädisposition zur Verschwörungstheorie ist in uns allen drin: Wir sind genetisch darauf gepolt, Kausalitäten festzustellen, Intentionen festzuschreiben, Verbindungen zu ziehen und Muster zu erkennen. Wenn man keine anderen Erklärungsmodelle für gesellschaftliche Prozesse gelernt hat, überträgt man das eins zu eins und ist dann schnell bei Verschwörungstheorien. Deswegen glaube ich, dass Bildung ein ganz wichtiger Faktor ist. Daher sind auch Fächer wie Gemeinschaftskunde oder Politik in der Schule etwas sehr Wichtiges.

Das Gespräch führte Eduard Ebert.

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