Vor 160 Jahren erschien Fjodor Dostojewskis Roman „Der Spieler“. Online-Casinos verleihen dem Klassiker neue Aktualität
Zocken fasziniert uns irgendwie. Alle spielen. Am Handy, am Computer oder an der Konsole. Wir jagen das Dopamin auch in den „sozialen“ Netzwerken. Nach einem breiteren Verständnis sind wir also alle Spieler:innen. Dabei ist es kein Zufall, dass Spiele gegen Entgelt aktuell eine Renaissance erleben. Sie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, begleitet von offensiven Werbekampagnen wachsender Glücksspiel-Anbieter:innen.
In „Der Spieler“ geht es um das, was in der Werbung nicht stattfindet: Der junge Ich-Erzähler Alexej ist Hauslehrer eines hochverschuldeten russischen Generals, der samt seines Gefolges in der fiktiven deutschen Stadt Roulettenburg residiert.
Der General lebt über seine Verhältnisse und wartet sehnlichst auf den Tod einer reichen Großtante, um sie zu beerben. Doch dann taucht die vermeintlich Todkranke persönlich in Roulettenburg auf, quicklebendig. Erst enterbt sie den General, dann verspielt sie wie viele ihr Vermögen beim Roulette.
Währenddessen hängt Alexej als Bediensteter des zerstörten Generals fest. Und er ist unglücklich verliebt in dessen Stieftochter Polina. Die hat es aber auf einen englischen Adligen abgesehen. So verfällt auch Alexej der Spielsucht. Erst gewinnt der kluge Kopf hoch, dann verliert er wieder alles. Im Rausch des Spiels vergisst er sogar seine Liebe zu Polina. Am Ende bleibt ihm nur das Spiel. Die Sehnsucht nach Gewinn nimmt alles ein, bleibt aber unerfüllt. Als Spieler:in bezahlt man mit seiner Existenz.
Einerseits ist das Werk ein Geständnis seines Autors, der als erfolgreicher Schriftsteller selbst spielsüchtig wurde. Dostojewski verarbeitet hier Motive seines eigenen Schicksals: Existenzverlust und seine gescheiterte Liebe zu einer deutschen Studentin. Das mag die lebhaften Beschreibungen des Spiel betriebs in den Casinos erklären, so wie die Dynamik zwischen Alexej und Polina, die heute wohl als „toxisch“ gelten würde. Zentral ist je doch die messerscharfe Analyse des Autors, wie aus Verlangen Rausch und schließlich Sucht wird.
Der Roman ist aber auch politisch. Die Protagonisten sind arrogante und lebensferne Adelige, die traktieren, einander hintergehen und gierig sind. Allesamt Spieler:innen, doch am Ende verzocken sie sich. Egal ob am Roulettetisch oder im Leben; letztlich scheitern die Unternehmungen der Figuren. Hier wird eine clevere Satire über den verdorbenen Adel des späten 19. Jahrhunderts in Europa geboten. Dass die russische Monarchie nach der Oktoberrevolution erst 1917 untergehen würde, macht Dostojewski zu einem ihrer Vorboten.
Man mag einwenden, dass die klassischen Casinos im Begriff sind auszusterben: ein weißer Saal, Spieltische, Croupiers, das Feine und Elegante – so gut wie vorbei. Das große Geld wird heute mit Automaten gemacht, in verrauchten Spielhallen oder im Internet. Daran ist nichts glamourös. Man denke etwa an die abgedunkelten Fensterscheiben von Spielhallen. Offenbar sollen die Menschen im Casino nicht merken, wie die Zeit vergeht. Vielleicht muss man sich dafür schämen.
Gegen eine vorrangig historische Lesart spricht jedoch, dass der Mechanismus der Sucht gleich geblieben ist. Die Figuren können ihre Bedürfnisse nicht befriedigen, ihre Verlangen sind unmöglich und geheim.
Es ist die Wahrheit, die Dostojewski auf den Lesenden loslässt.
Entweder sind diese nicht mit den gesellschaftlichen Zwängen vereinbar, oder auf den Charakter ihrer Person gemünzt oder Sonstiges. Im Spiel versprechen sie sich Heilung und Glückseligkeit.
Dostojewski zeigt, dass eine skeptische Einstellung zum Spiel keine Impfung gegen dasselbe sein kann. Mit dem Eintritt beginnt die Jagd nach Gewinn und das limbische System tut das Übrige. Man verliert sich in Kaskaden über Euphorie und Depressionen, zulasten von Selbstregulierung. Es ist schlicht Rausch.
Bei ihrem ersten Besuch im Casino schimpft die Großtante des Generals noch über einen Spieler, der sich nicht auszahlen lässt, sondern weiterspielt und schließlich verliert. Alles vergessen, als sie selbst spielt und sofort hoch gewinnt. Wie besessen verliert sie danach Einsatz um Einsatz. Es ist die Wahrheit, welche Dostojewski auf den Lesenden loslässt.
Fraglich ist, wie wir uns zukünftig gegen das „hybride“ Spiel in Person und im Netz schützen können. Dostojewski jedenfalls hat hierzu nichts zu sagen. Er begegnet seiner Machtlosigkeit mit Humor und scharfen Dialogen. Doch vielleicht muss man es nicht so weit kommen lassen.
Von Till Siegert
...studiert Politikwissenschaften und Philosophie. Er interessiert sich für Politische Theorie und schreibt am liebsten für das Feuilleton.








