Stell dir vor, du musst eine Rede halten zu einem kontroversen Thema und du erfährst erst 15 Minuten vorher, worum es eigentlich geht. Du hast keine Möglichkeit, dich vorab zu informieren und für welche Seite du argumentierst, entscheidet das Los. Was für viele klingt wie der blanke Horror, ist für andere ein Freizeitsport: Debattieren. Und diesen Freizeitsport konnte man am vergangenen Wochenende in der frisch renovierten Heidelberger Stadthalle in seiner Reinform beobachten. Beim Finale der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaften (DDM) traten vier Teams aus jeweils zwei Studierenden gegeneinander an. Der ruprecht war live dabei und berichtet euch, worüber die insgesamt acht Finalist:innen „gestritten“ haben.
Es geht um die Weltordnung
Um nichts Geringeres als die Ordnung der Welt ging es beim Finale der DDM: „Wir begrüßen die Entwicklung hin zu einer multipolaren Weltordnung“, so die Position der sogenannten „Regierung“, für die Inga Peters von der Berlin Debating Union die Eröffnungsrede hält. Nach anfänglichen Problemen mit der Tontechnik legt sie los. Rasend schnell, aber strukturiert trägt sie ihre Argumente vor – so schnell, dass es manchmal schwerfällt, ihr zu folgen. Ihr Hauptpunkt: In einer multipolaren Weltordnung wären kleinere Länder nicht mehr von Großmächten abhängig, sondern könnten selbst entscheiden, wem sie sich anschlössen – ganz nach ihren eigenen Interessen und Werten.
Dann ist die Gegenseite an der Reihe, die sogenannte Opposition. Für sie hält Arvid Baier von der Uni Heidelberg die Eröffnungsrede. Sein Debattierclub „Die Rederei“ ist in diesem Jahr Organisator der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaften. Deutlich ruhiger als seine Vorrednerin trägt Baier die Eröffnungsrede der Gegenseite vor. Für ihn und seine Opposition überwiegen vor allem die Vorteile großer Machtblöcke – von wirtschaftlicher Schlagkraft bis hin zu militärischer Sicherheit.
Wie im britischen Parlament
Es folgt wieder die Regierung und so geht es im Ping-Pong hin und her zwischen den beiden Seiten.
Jede von ihnen besteht dabei aus zwei Teams, das erste hält jeweils die Eröffnungs- und die Ergänzungsrede, das zweite die Erweiterungs- und die Schlussrede, in der noch einmal alle vorgetragenen Argumente zusammengefasst und die eigenen Positionen abschließend begründet werden.

Inspiriert ist dieser Debattierstil vom britischen Parlament. Denn tatsächlich geht es beim Debattieren genau wie in der Politik vor allem darum, sich gegenseitig zuzuhören, offen für andere Positionen zu sein und gute Argumente für eine lebendige und demokratische Debatte zu entwickeln – auch wenn diese nicht die eigene Meinung widerspiegeln.
„In Zeiten eines um sich greifenden Populismus ist das überlebenswichtig für eine Demokratie“, betont Leo Volkert, der das interessierte Publikum durch den Final-Nachmittag moderiert.
Es geht aber nicht nur darum, die eigenen Argumente vorzutragen, sondern auch darum, die der Gegenseite zu entkräften. Dabei haben die Redner:innen jeweils nur sieben Minuten Zeit. Eine Tatsache, die im Eifer des Gefechts manchmal dazu führt, dass nicht ganz klar wird, ob gerade ein eigenes Argument vorgetragen oder das der Gegenseite aufgegriffen und entkräftet wird.
Die Besten der Besten
Dennoch läuft die Debatte auf sehr hohem Niveau – immerhin haben sich die acht Finalist:innen in sieben Vorrunden sowie Viertel- und Halbfinals gegen über 200 Studierende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgesetzt. Ganze drei Tage wurde bereits vor dem öffentlichen Finale am Sonntag debattiert. Neben den Redner:innen haben sich auch 4 Studierende bis in die Finaljury durchgekämpft. Sie unterstützen als Nachwuchsjuror:innen die dreiköpfige Chefjury, bestehend aus Josef Hoppe, Paula Breyer und Johann Meiborg, die alle mehrere Jahre Erfahrung im Debattieren und Jurieren öffentlicher Redewettstreite haben. Die Rektorin der Uni Heidelberg – Dr. Frauke Melchior – , der Bauunternehmer Hans-Jörg Kraus und der Heidelberger Landtagsabgeordnete Florian Kollmann sowie Allison Jones von der Deutschen Debattiergesellschaft machen das Juror:innenteam als Ehrenjury komplett.
Emotion oder Inhalt?
Sie alle haben am Ende die Aufgabe, gemeinsam das beste Redner:innen-Team zu küren – und das ist nicht gerade leicht. Offenbar wurde auch unter den Juror:innen heftig diskutiert, denn letztlich muss ein Mehrheitsentscheid herhalten. Das Finale der Deutschen Debattiermeisterschaft 2026 gewinnen Agata Konopka und Felix Reichelt aus Berlin für die schließende Regierung. In ihrem Schlussplädoyer hatte Konopka hervorgehoben, dass eine multipolare Weltordnung zu mehr Konkurrenzkampf und dadurch zu mehr Innovation bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme führe. Auch trage eine multipolare Welt allgemein zur Vermeidung von Konflikten bei, was Konopka sehr energisch und emotional ausführte. Schlussendlich überzeugen die Zuhörenden eben doch nicht nur Argumente, sondern auch die Performance der Redner:innen. Ob Dr. Frauke Melchior diesen Umstand kritisieren wollte, als sie bei der Verkündung des Ergebnisses betonte: „Manchmal ist weniger mehr“, bleibt offen. Immerhin kann sie zufrieden sein, denn Arvid Baier holt den Preis für die beste Rede nach Heidelberg.
Selbst debattieren
Nicht offen bleibt hingegen, wie es mit den Debattierwettbewerben weitergeht. Denn die Deutschsprachigen Debattiermeisterschaften waren nur der Höhepunkt einer ganzen Serie von Debatten, die der Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) unter dem Titel „Campus Debatten“ ausrichtet. Im Juni und Juli folgen weitere Redewettstreite in Münster und Potsdam.
Und wer selbst einmal in die Debattierwelt eintauchen möchte, den lädt die „Rederei“ herzlich ein, bei einem ihrer Clubabende vorbeizukommen. Während der Vorlesungszeit trifft sich der Verein jeden Mittwoch um 19:30 Uhr im Dachgeschoss des Marstallcafes, wo er Interessierten auch ganz ohne Voranmeldung den Debattiersport näherbringt und sie in die Regeln des Wettredens einführt.
…studiert an der PH und hat schon immer gerne geschrieben. Im Sommer 2024 brachte ihn diese Leidenschaft zum ruprecht. Seit 2026 leitet er das Ressort Heidelberg.
...studiert Politikwissenschaft und Germanistik und ist seit Herbst 2025 beim ruprecht. Labert und schreibt gerne über politische und gesellschaftlich relevante Themen.






