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„Das Leben schreibt die besten Geschichten – danach komme ich“
Foto: Asja Caspari

„Das Leben schreibt die besten Geschichten – danach komme ich“

Bei Weißwein und vom Publikum geschnorrter Kippe las Sophie Passmann am 10. Oktober 2019 aus ihrem Buch „Alte Weiße Männer“ vor, mit einem Zynismus der kaum zu übertreffen ist

Sie kam, sah, trank Wein, und las dabei Witze reißend aus ihrem Buch vor. Mit dem Satz: „Heute seht ihr Dinge, die andere Leute nicht sehen!“ teasert sie ihre Lesung  im Karlstor an, die dort heute nachgeholt wird, nachdem ihre eigentliche Veranstaltung im Mai im Rahmen des Queer-Festivals aufgrund von Krankheit nicht stattfinden konnte. Doch nun von vorne. Der Saal wartet ehrfürchtig auf Sophie Passmann, erwartet einen ruhigen, nachdenklichen Donnerstagabend, Sophie aber nicht. Schnell ist klar: der Abend wird sehr witzig, sehr aufgeheitert und unterhaltsam, zwar nicht wie wir es uns vorstellten, aber viel besser. „Wer hätte das gedacht, der erste Zwischenruf auf einer feministischen Lesung kommt von einem Mann“, beschwert sie sich ironisch, und der Saal bricht tobend in Lachen aus. Dazu gelernt haben die anwesenden Männer wohl leider nicht, auch der zweite Zwischenruf stammt von einem Mann. Sophie regt auf, doch sie regt sich nicht künstlich auf, nein, sie schafft es, ihre Kritik am Patriarchat humoristisch und trotzdem eindringlich zu verpacken und trifft damit gerade den Nerv der Zeit. Den ganzen Tag für die eigene Gleichberechtigung zu kämpfen strengt an, Humor hilft wohl dabei, nicht durchzudrehen.

In ihrem Buch interviewte sie die alten, weißen Männer Deutschlands, und ich frage mich, wie sie dabei so ruhig bleiben konnte. Sie steigt allerdings mit einem angenehmen, reflektierten weißen Mann ein, Robert Habeck. Ausgesucht habe sie ihn, weil er zu der Zeit, im Sommer 2018, kaum in der Öffentlichkeit oder im Internet unterwegs war, sie gibt zu: „zumindest dieser Aspekt von ihm ist nicht gut gealtert.“ Als sie seinen abgedroschenen philosophischen Monolog vorliest, in dem er versucht, den alten weißen Mann zu definieren, merkt sie an dass sie genau diese Reaktion des Publikums erwartet hatte: verständnisvolles Nicken und nachdenkliches Schweigen, während in Städten wie Mannheim oder Paderborn, „wo man noch was Ordentliches studieren musste, um aus dem Dorf herauszukommen“, Habecks Ausschweifungen für einen Witz gehalten werden.  Doch seine Definition eines alten, weißen Mannes ist sehr treffend: „ein Mann, der davon profitiert, dass die Welt so ist wie sie ist.“

Sophie kontrastiert diesen Begriff zum US-amerikanischen Äquivalent, dem „angry white man“. Dieser sei auf alle Minderheiten, die früher noch weniger Rechte hatten, wütend, weil er ökonomisch und sozial abgehängt ist – der alte, weiße Mann hingegen sei eine Person, die Macht innehabe, Teil einer Elite des Landes sei. Weiter betont sie, dass sie auf ihrem Weg der Erkenntnis, wer denn nun ein alter, weißer Mann sei, vor allem die Zwischentöne herausfinden wollte. Es sei auch nicht jeder objektiv alte, weiße Mann einer, beispielsweise könne ein Bauarbeiter nicht hinzugezählt werden, weil er keine Person in einer machtvollen Position sei, sein Chef andererseits schon. Für sie ist die Frage nach dem alten, weißen Mann auch immer eine Klassenfrage, die ihrer Meinung nach viel zu selten gestellt werde.

Neben all der Theorie erzählt sie aber auch Anekdoten, und was ihr sonst noch so spontan einfällt. Sie verrät dem Publikum, dass ihr Vater einst einen Twitter-Account pflegte, in dem er gerne mal die ihm widerfahrenen Verspätungen der Deutschen Bahn beklagte. Soweit so unspektakulär, bis Jan Böhmermann auf seinen Account aufmerksam wurde und ihm prompt folgte. Sophies Papa stellte sich so gut wie möglich an und dachte sich die bestmögliche Begrüßung aus, um Herrn Böhmermann eine Privatnachricht zu schreiben, daraus ergab sich: „Enchanté, Herr Böhmermann!“, Sophie steht die Fremdscham ins Gesicht geschrieben.

Es wird an diesem Abend der alte, weiße Mann und WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt sein, von dem sie als letztes vorliest, und es wird auch die Passage sein, die am meisten erschaudert. Seine Aussage, es sei einfach „schöner“ wenn mehr Frauen im Büro säßen, kommentiert Sophie Passmann wie folgt: „Wenn Ulf Poschardt über Frauen spricht, klingt es so als würde er sich einen Ficus ins Büro stellen wollen.“ Sie ist generell darüber erstaunt, dass ein gebildeter Mann in einer ernstzunehmenden Diskussion gegen Greta Thunberg damit argumentiert, dass sie einfach nerve. Sie ist aber dahinter gekommen wieso er so stumpfsinnig argumentiert, wieso er darauf angewiesen ist, dass es weiter Flugverkehr gibt: Die WELT liegt wohl sehr oft in Flugzeugen aus – keine Flugzeuge, keine WELT – in diesem Zwiespalt befindet sich der Mann also, oder wie Sophie es trifft: „Will er die Welt retten, oder will er die WELT retten?“ Sowieso sei die WELT nur die „BILD für Leute mit Bücherregal“, dementsprechend furchtbar kann man sich auch ihr Gespräch mit Poschardt vorstellen, in dessen Details wir nun wirklich nicht einsteigen müssen.

Zuletzt teasert sie noch ihr neues Buch an, eines über Frank Ocean. In dem kurzen vorgelesenen Abschnitt geht es um ihre Depressionen, mit denen sie lange Zeit, mal mehr und mal weniger, zu kämpfen hatte und es auch manchmal noch hat. Durch diese Zeit half ihr Frank Ocean, weshalb ihr dieses Buch so besonders viel bedeutet.

Auch wenn der Abend mit einem eher ernsten Thema endete war er insgesamt doch sehr unterhaltsam. Jedes von ihr geschriebene Wort liest sich nun anders, auf jeden Fall um einiges witziger. Bei jedem Satz habe ich nun Sophies Stimme im Kopf, alles klingt plötzlich ironisch und sehr viel bissiger als zuvor. Mir ist nun klar: man sollte das Buch „Alte Weiße Männer“ nicht als eine hochtheoretische Analyse verstehen, was nicht per se schlechter oder undurchdachter ist. Vielmehr soll es die fehlende Reflexion alter, weißer Männer gegenüber ihrer Umwelt darstellen  und zeigen, wie banal und auch manchmal komisch, im Sinne von witzig, sich das Patriarchat real ausprägt.

Von Xenia Miller

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