Ein globales Geschäft bedroht die Forschung. Wie Paper-Mills strukturelle Probleme der Wissenschaft ausnutzen
Na, heute schon ein Paper gelesen? Bist du dir aber auch sicher, dass es keine Fälschung ist? Ja, oder? Ist ja Nature!
Nach einem Bericht des Komitees für Publikationsethik (COPE) und dem wissenschaftlichen Verlagsverband „STM Publishers“ wird geschätzt, dass bis zu 46 Prozent der eingereichten Paper aus sogenannten Paper-Mills stammen könnten. Das sind Einrichtungen, die ganze oder Teile von (schein-)wissenschaftlichen Paper-Manuskripten gegen Geld fälschen oder Autorenschaften verkaufen. Außerdem kann auch der Publikationsprozess durch den Einsatz von gefälschten Reviewer-Status manipuliert werden.
Um diese Problematik bekämpfen zu können, müssen jedoch verlässliche Zahlen vorliegen. Das wird durch eine fehlende einheitliche Definition einer gefälschten Publikation, fehlender Transparenz der Verleger und einen Mangel an systematischer Prüfung deutlich erschwert. Zudem hängen die Zahlen stark von der Disziplin ab, wobei biomedizinische Fachgebiete deutlich stärker betroffen sind.
Die Royal Society berichtete zudem dieses Jahr von einer Schätzzahl zwischen ein bis drei Prozent bis hin zu 30 Prozent für besonders anfällige Disziplinen und Journale. Diese gefälschten Ergebnisse, die die Grundlage für lebensrettende Therapien, Technologien oder Materialien bilden, können verheerende Auswirkungen haben. Schätzungsweise betragen die globalen Verluste für Research und Development dabei bis zu 145 Milliarden Euro, wobei die indirekten Auswirkungen auf Patienten, Umwelt und Wirtschaft nicht enthalten sind.
Vor allem Länder wie China, Indien, Iran und Teile Südostasiens und Osteuropas fallen in Analysen um Paper Mill Produktionen auf, während in Europa und den USA vergleichsweise weniger Fälle bekannt sind. Ein zentraler Faktor für den Erfolg der Paper-Mill-Einrichtungen ist der sogenannte „publish-or-perish“-Druck, der zum Beispiel durch finanzielle Anreize für hohe Publikationszahlen dazu führt, dass die Quantität über die Qualität der Publikationen gestellt wird. Zudem benötigen Peer-Review-Prozesse, die Glaubhaftigkeit und Qualität der Publikationen sicherstellen sollen, teils sehr lange. Das kann zum Beispiel im Falle von Patenten zu einer verringerten Wettbewerbsfähigkeit führen. Dieser systemische Druck eröffnet also einen Markt für Paper-Mills.
Es ist offensichtlich, dass dieses in den letzten zehn Jahren wachsende Phänomen massive Probleme für die Wissenschaftsintegrität und Forschung darstellt. Wie erkennt man nun aber solche Publikationen? Im Vergleich untereinander finden sich wiederholende Muster in Text und Stil. So werden etwa Phrasen wiederverwendet oder Abschnitte verdächtig ähnlich formuliert. Ein weiterer Indikator für Paper-Mill-Produktionen ist die Wiederverwendung von Bildmaterial und Plots. Weiterhin ist die Produktivität von Paper-Mills relativ hoch, was in Meta-Analysen von Einreichungs- und Publikationsmustern stark auffällt. Die Detektion gefälschter Artikel wird allerdings zunehmend erschwert durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Paper-Mills könnten KI nutzen, um vollständige und überzeugend wirkende Paper zu erstellen. Je nach Prüfungssystem können solche KI-generierten Manuskripte schwerer als Fälschung erkannt werden. Modelle, die auf KI-generierten oder von Hand gefälschten Datensätzen trainiert werden, können außerdem langfristig an Vorhersagequalität verlieren. Dieses Phänomen wird als „Model Collapse“ bezeichnet und bedeutet, dass das Modell durch fehlerhafte Daten „verschmutzt“ wird.
Im Gegenzug wird KI von Verlagen genutzt, um Fälschungen aufzuspüren. Weiterhin werden Richtlinien verschärft und Rohdaten angefragt. Verlegende, Forschende und andere Organisationen schließen sich zusammen und prüfen veröffentlichte Paper zum Beispiel auf Paper-Mill-Aktivität und melden sie im Verdachtsfall an die Verlage, welche die Publikationen dann zurückziehen können.
Aber letztlich liegt die Verantwortung für die Wahrung der Wissenschaftsintegrität nicht allein bei den Verlagen, sondern bei der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Das heißt: Bleibt auch ihr wachsam!
Von Carmen Latus







