Nur Schafe, Meer und alte Sagen? Erasmus in Wales hat unerwartet viel zu bieten
Don’t judge a book by its cover! Oder wie man auf Welsh sagen würde: „Nid wrth ei big mae adnabod cyffylog!“ Womit wir schon beim Problem wären, denn Wales wirkt schon durch seine Sprache rau, abweisend und irgendwie nicht ganz real, sondern eher der Fantasie eines Tolkiens entsprungen. Doch der Ruf dieses oft vergessenen britischen Landesteils leidet nicht nur unter für uns unaussprechbaren Wörtern, die ausschließlich aus Konsonanten bestehen, sondern auch unter angeblichem Dauerregen und Abgeschiedenheit. So habe auch ich erst einmal skeptisch auf mein damals bevorstehendes Auslandsemester im walisischen Beinahe-Dorf Aberystwyth geblickt.
Denn „Aber“ hat zwar eine Uni, neben den etwa 8.000 Studierenden, leben dort aber nur ungefähr 15.000 Menschen. Die Stadt liegt am Ende der Bahnlinie und an der rauen Küste der Irischen See. Eine britische Freundin riet dann auch eindringlich, mir einen großen Regenmantel zuzulegen und Vitamin-D-Tabletten einzupacken. Ein Lichtblick: das Meer, das man von der Bib aus sehen kann und die schönen Steilküsten der Region Ceredigions. Deshalb saß ich trotz allem vorfreudig und aufgeregt Ende Januar im Zug und bekam erst einmal die volle Dosis Klischee: Wales schien tatsächlich hauptsächlich aus schafbetrotteten Hügeln zu bestehen, der Zug hielt in jedem Kuhdorf, es war kalt und es regnete. Ich lernte aber schon im Zug nette Leute aus aller Welt kennen, die wie ich auf dem Weg in die „Uni am Rande der Welt“ waren. Schon am ersten Tag mit den obligatorischen Kennenlern-Veranstaltungen hatte ich dann alle Vorurteile vergessen. Das Wetter war überraschend gut, wenn auch wechselhaft. Auch ist Aber durch die vielen Studis alles andere als eingeschlafen und hat trotz seiner Größe über 50 Pubs und Clubs, in denen immer viel los ist. Cheesy Chips, Döner oder Zigaretten muss man sich beim Feiern auf dem Pier allerdings mitunter mit den Möwen teilen.
Eine Besonderheit des britischen Studilebens sind auch die vielen teils kuriosen Student Societies, die sich Themen von Schauspielerei, über Surfen bis hin zu Bierpong oder Rum widmen und die es nicht nur erleichtern, schnell Anschluss zu finden, sondern auch die Möglichkeit bieten, Neues auszuprobieren und das Land zu erkunden. Wales hat nämlich, entgegen der Klischees, einiges zu bieten. Im Snowdonia Nationalpark treffen sich Berge, wilde Flüsse, Wasserfälle und das Meer vor der Kulisse uriger Schafweiden. Die Küste bis hinunter nach Pembrokeshire bietet nicht nur gute Breaks für Surfer, sondern auch blühende Steilküsten, versteckte Strände, Seerobben und die seltenen und unglaublich süßen Papageitaucher. Überhaupt, das Leben am Meer: in fünfzehn Minuten Abends zum Wasser herunter, um den Sonnenuntergang zu genießen und den Staren bei ihren Manövern zuzuschauen, bei jedem Wetter im eiskalten Wasser schwimmen und bei Lagerfeuer ein Picknick am Strand machen. Bei gutem Wetter kann man sogar Delfine sehen, beim Paddle Boarding Quallen beobachten und ja, sogar ein Hai verirrte sich an den Strand!Faszinierend an Wales ist auch seine bewegte Geschichte, die sich in zahlreichen Burgen zeigt. Viele wichtige Episoden der Artus-Sage spielen in Wales und hier befinden sich auch der angebliche Geburtsort Merlins, jahrtausendealte Steinkreise und tausendjährige Eiben. Genug zu entdecken also. Und das Beste: Dank der Semesterzeiten auf der Insel sind die meisten schon zu den Osterferien größtenteils mit der Uni fertig – ideal für spontane Ausflüge und längere Trips nach England oder Schottland. Das Wetter war – Klimawandel sei dank – ab April auch durchweg warm und sonnig, sodass man die Tage problemlos am Strand verbringen konnte. Kurioserweise kam ich so sonnengeküsst aus dem angeblich so grauen Wales zurück. Es bleibt also festzuhalten: Nicht zu viel auf Vorurteile hören und einfach genießen!
Von Mathis Gesing
...studiert Politikwissenschaft und Philosophie und leitet aktuell Seite 1-3. Er interessiert sich vor allem für Politik, Kultur, die neuesten Entwicklungen in Heidelberg und was die Studis oder ihn gerade so bewegt.








