Wenn die Wahrnehmung zum Wahn wird
Ich sitze vor der Bibliothek und trinke Kaffee. Ein älterer Mann tritt an meine Bank heran und spricht mich an: „Interessieren Sie sich für Politik?“. Ich zögere, der Mann setzt sich ungefragt neben mich. Ich habe immer noch nichts gesagt, da fängt er an zu reden.
Der Mann erzählt mir seine Lebensgeschichte. Er hat es äußerst eilig, die Wörter sprudeln aus ihm heraus. Er springt hin und her, ich kann ihm kaum folgen. Dann geht er nahtlos in einen merkwürdigen Vortrag über. Im Mittelpunkt steht er selbst. Er werde nämlich seit Jahren vom BND und von der CIA verfolgt, die ihn mit Hilfe dunkler Technologie foltern. Er gerät in Rage, ob ich nicht gewusst hätte, dass Merkel nur eine Geheimagentin der CIA gewesen sei, die…
Ich stehe auf und gehe zurück in die Bibliothek. Zugegeben, er hat mir ein bisschen Angst gemacht. Offenbar leidet er unter Verfolgungswahn, vermutlich ist er harmlos.
Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Karl Jaspers schrieb 1946, Wahn sei „das Grundphänomen“ der Psychopathologie. Einen Satz, den viele Psychiater:innen noch heute unterschreiben würden. „Wahn“ begegnet uns in jedem Bereich der Psychiatrie. Und er gibt Grund zur Beunruhigung: Wir können nämlich nicht genau sagen, an welchem Punkt die „normale“ Wahrnehmung ins Wahnhafte übergeht.
Das wirft sofort unangenehme Fragen auf. Könnte es sein, dass Wahn und Wahrnehmung nicht voneinander zu trennen sind? Und weiter: Gehört in unserer schnellen Gesellschaft, die zunehmend komplexer wird, ein bisschen Wahn vielleicht dazu? Können Sie noch die folgenden Fragen beantworten?
Fragebogen Teil 1
a) Verstehen Sie den Ukraine-Krieg? Oder die Situation im Nahen Osten? (Stichpunkte genügen)
b) Sollten wir mehr in Rüstung investieren? Falls ja, würden Sie Ihre Kinder zur Bundeswehr schicken?
c) Wie wichtig ist Ihnen Geld? Können sie die internationalen Kapitalströme skizzieren?
d) Erläutern Sie den Klimawandel kurz in eigenen Worten. Wie könnte man dieses Problem lösen?
e) Beziehen Sie bitte jeweils kurz Stellung zu den folgenden Punkten:
I Hat Angela Merkel wirklich Angst vor Hunden?
II Ist Donald Trump verrückt?
III Wissen Bundestagsabgeordnete immer, worüber sie gerade abstimmen?
f) Annahme: Das Überleben unserer Spezies ist bedroht. Wirft dies die vorherigen Fragen in ein anderes Licht?
I Würden Sie deshalb Ihre Meinungen und Antworten überdenken?
II Erscheinen Ihnen manche Fragen nun wichtiger?
III Gibt es Fragen, die Ihnen jetzt weniger wichtig erscheinen? Welche?
Fragebogen Teil 2
a) Was verstehen Sie nicht? Haben Sie in letzter Zeit etwas verstanden? Nennen Sie Beispiele.
b) Glauben Sie es gibt Fragen, deren Antworten wir nicht finden können?
c) Vergeht die Zeit schneller, je älter man wird?
d) Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Klassenfahrt?
e) Ein lauer Sommerabend in den Schulferien, der Chlorgeruch des Freibads, vermissen Sie diese Zeit?
f) Sind Ihre Eltern in den letzten Jahren spürbar gealtert?
g) Waren Sie sich schon einmal unsicher, ob Sie eine bestimmte Erfahrung wach oder im Traum gemacht haben?
h) Führen Sie sich die Leute aus ihrem alltäglichen Leben vor Augen. Würden Sie sagen diese Leute wünschen Ihnen eher Gutes oder Schlechtes?
i) Trauen Sie eher Anderen, oder eher sich selbst? Warum liegen Sie dabei falsch?
j) Geht es Ihnen gut?
k) Sind Sie sicher?
Von Till Siegert
...studiert Politikwissenschaften und Philosophie. Er interessiert sich für Politische Theorie und schreibt am liebsten für das Feuilleton.






