Wolfgang Graczol liest im Taeter-Theater aus Hitlers Buch. Fingerspitzengefühl fehlt dabei
Kommentar:
Im Taeter-Theater liest Wolfgang Graczol seit dem 13. September 2025 in regelmäßigen Abständen aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ – unzensiert, unkommentiert und ohne Einordnung. Er wolle Hitler dabei nicht parodieren, sondern ihm für eine Lesung von knapp zwei Stunden seine Stimme leihen.
Bei dem Besuch einer der Veranstaltungen fällt auf: Das Publikum ist sehr divers. Die Veranstaltung ist für Studis der Universität Heidelberg kostenlos, es scheint generell ein großes Interesse über die Studierenden hinaus an Hitlers Gedankenwelt zu bestehen. Nach der Lesung belohnt das Publikum Graczol mit tobendem Applaus.
Eine „Mein Kampf“-Lesung aus pädagogischen Zwecken ist grundsätzlich zu befürworten. Wer Hitlers menschenverachtende und abscheulichen Gedanken unzensiert gehört hat, der vergisst sie nicht so schnell. Was „Mein Kampf“ präsentiert, ist die ideologische Grundlage des schlimmsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte. Aufklärung ist deshalb umso wichtiger. Leider wird bei der Vorstellung im Taeter Theater bewusst auf eine politische Einordnung verzichtet.
Auch andere Rahmenbedingungen sind scharf zu kritisieren, wie das Referat gegen Antisemitismus des Studierendenrats in einem offenen Brief an das Taeter-Theater zurecht deutlich macht. Eine Lesung von „Mein Kampf“ auf einem Plakat mit einem Revolver und unter dem Slogan „Startschuss mit Hitler“ zu bewerben ist respektlos und grenzt an Gewaltverherrlichung.
Dem Grundsatz, Hitler nicht parodieren zu wollen, wird hier eindeutig widersprochen. Zusätzlich eine Lesung am 9. November 2025 – der Reichsprogromnacht – zu halten, ist skandalös.
Es stellt sich außerdem die Frage, ob es „Mein Kampf“ braucht um die Grausamkeit des Nationalsozialismus zu verdeutlichen. Dafür wäre das Tagebuch der Anne Frank oder andere Berichte von Überlebenden deutlich besser geeignet. Das Argument für „Mein Kampf“ darf an dieser Stelle nicht sein, dass dieser Titel mehr Besucher anzieht.
Der Bildungsauftrag wird hier gänzlich missachtet: Statt die Brutalität, die Menschenverachtung und Grausamkeit Hitlers mithilfe seiner eigenen Worte eindeutig aufzuzeigen, offenbart das Taeter Theater fehlende Sensibilität. Was jetzt zählt ist ein eindeutiges Statement.
Von Eric Klimmer
...studiert Geschichte und Biologie, seit April 2025 schreibt er für den ruprecht. Er interessiert sich besonders für gesellschaftlich relevante und wissenschaftliche Themen.
...illustriert und schreibt für den ruprecht und bildet die anderen 50% der Bildredaktions-Doppelspitze.









